Justified 5x08

Wir Justified-Zuschauer sind ein verwöhntes Volk. Nach der etwas holprigen ersten Staffel wurden wir beinahe durchgehend mit grandios unterhaltsamer Südstaatenkost beschmeichelt - mit der zweiten und vierten Staffel als bisherige, durchweg sehenswerte Höhepunkte. Die neue Staffel schaffte es bisher indes noch nicht, an diese beiden herausragenden Ausgaben heranzukommen. Nach jeder neuen Episode hegen wir dennoch die Hoffnung, es möge in der nächsten besser werden.
I want you to find a hole somewhere, crawl in, and stay there forever.
Die nachfolgende Kritik muss also in Relation zu viereinhalb beinahe durchgehend zufriedenstellender Staffeln gesehen werden. Und doch wird spätestens zur Hälfte der neuen Episode klar, dass Whistle Past the Graveyard eine der uninspiriertesten Folgen der gesamten Serie ist. Die Dialoge zünden nicht, die eingeführten Charaktere schaffen es zu keinem Zeitpunkt, Interesse zu wecken, und der Handlungsfortschritt ist minimal. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass es in einer Staffel mit 13 Episoden auch mal einen Ausreißer nach unten gibt. Dass dieser Ausreißer jedoch so spät - in der achten Episode - kommt, ist eine echte Überraschung.
Zu diesem Zeitpunkt waren sich die Autoren um Serienschöpfer Graham Yost in der Vergangenheit immer schon bewusst, wohin sie ihre Geschichte steuern würden. Hier wird also ein Makel offenbar, über den ich in vergangenen Reviews zur fünften Staffel schon spekuliert hatte: Die Kreativen wirken orientierungslos, sie finden keine Ansatzpunkte, um einzelne Geschichten und Protagonisten kohärent miteinander zu verbinden. So darf Raylan Givens (Timothy Olyphant) seine Zeit damit verschwenden, seiner eigentlichen Gegenspielerin Wendy Crowe (Alicia Witt) dabei zu helfen, ihren Sohn aus der Gewalt eines Rabauken zu retten.
Raylan sollte sich eigentlich mit seiner Freundin Alison (Amy Smart) im Urlaub in Florida befinden. Am Ende steht er mit leeren Händen da - in mehrfacher Hinsicht: Freundin weg, Geld weg, Job (vorübergehend) weg. Die Einführung zweier neuer Charaktere - Kendals (Jacob Lofland) „Onkel“ Jack (Kyle Bornheimer) und dessen Häscher Michael (William Forsythe) - bringt zwar die Erkenntnis, dass Jack Kendals Vater und Wendy seine Mutter ist. Der restliche Handlungsstrang ist jedoch so uninteressant wie vergessenswert.
Ähnlich verhält es sich mit dem Handlungsbogen um Boyd Crowder (Walton Goggins), seine inhaftierte Verlobte Ava (Joelle Carter) und seine unheilige Allianz mit Daryl Crowe, Jr. (Michael Rapaport) und dessen unzähmbarer Mischpoke. Hier soll das Ende der Geschichte den sehr zähen Anfangsteil rechtfertigen. Nachdem Danny Crowe (A.J. Buckley) am Ende von Raw Deal für ein Blutbad gesorgt hat, muss Boyd all sein Verhandlungsgeschick aufwenden, um die mexikanischen Geschäftspartner gnädig zu stimmen.
I just executed the last blood relative that I had
Als dies gelungen ist, die korrupten mexikanischen Polizisten überlistet sind und endlich der Transport des ersehnten Heroins in die texanische Hafenstadt Galveston sichergestellt zu sein scheint, überhört Jimmy (Jesse Luken) die von den Crowes engagierten Grenzschmuggler, wie sie ihren Hinterhalt auf Boyd Crowder und seine Mannschaft besprechen. Wenig überraschend spielte Daryl Crowe also den Long Con - sein Ziel war es von vorneherein, Boyd aufs Kreuz zu legen und das Heroin für sich zu behalten.
Ein bisschen erinnert Boyd in dieser Staffel an Sisyphos, der seinen Felsbrocken immer wieder von Neuem über den Berg rollen muss. Der arme Kerl will doch nur die Bürger von Harlan County mit Heroin versorgen! Zu denen gehört im Übrigen auch seine Verlobte Ava, die das Heroin jedoch als Überlebensstrategie im Gefängnis einsetzt. Auch ihr Erzählstrang kreist lange um das eigentliche Thema, um dann am Ende das erwartbare Ergebnis zu präsentieren. Schnell dürfte sie zur mächtigen Drogenbaronin aufsteigen - vorausgesetzt, Boyd bekommt das Heroin endlich nach Kentucky.
Whistle Past the Graveyard liefert keine neuen Erkenntnisse, keine spannenden Dialoge, keine Charakterentwicklung. Bei vergleichbar schwachen Episoden konnte Justified das meist mit einer gehörigen Portion Humor ausgleichen - ein gutes Beispiel ist die letzte Episode, Raw Deal. Doch auch dies gelingt hier nicht. Uns wird das Paradebeispiel einer Füllepisode präsentiert, was wir so von der Serie noch gar nicht kannten. Einen tröstlichen Nebeneffekt hat das Ganze indes: Von hier an kann es nur noch bergauf gehen.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 5. März 2014(Justified 5x08)
Schauspieler in der Episode Justified 5x08
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