Justified 5x06

Kill the Messenger ist nach Good Intentions erst die zweite Episode der neuen Staffel von Justified, in der es keine Opfer zu beklagen gibt. Dabei gibt es darin einige brenzlige Situationen, die ohne Weitsicht, Glück oder anderweitige Vermeidungstaktiken ihrer Protagonisten durchaus tödlich hätten enden können. Wenn mich mein Kurzzeitgedächtnis nicht im Stich lässt, so wurde in dieser Episode sogar kein einziger Schuss abgefeuert. Aber bitte: „Correct me if I'm wrong.“
That there is a minor cosmetic damage
Die neue Episode beginnt mit einer wunderbar wortarmen Auftaktsequenz, in der Art Mullen (Nick Searcy) seine Verachtung gegenüber Raylan Givens (Timothy Olyphant) ganz undiplomatisch ausdrückt. Danach schütteln sich beide kurz, Mullen stolziert davon und Raylan wundert sich, was ihn gerade getroffen hat. Schnitt zum Vorspann: für mich das bisher gelungenste cold open der neuen Staffel.
Doch wenngleich den beiden US-Marshals die Eröffnung gehört, so ist Kill the Messenger doch eine eindeutige Boyd-Episode. Raylan bekommt mit Rachel (Erica Tazel, die endlich mehr Spielzeit erhält) einen Wachhund zur Seite gestellt, der ihn zwar an der Leine hält, gleichzeitig aber auch dafür sorgt, dass er nicht in einen Hinterhalt diverser unterbelichteter Gestalten gerät. Am Ende kommt es zwischen den beiden zu einem zärtlichen Gedankenaustausch, bei dem sie sich der gegenseitigen Wertschätzung versichern. Raylan zieht jedoch auch die eindeutige Grenze ihres wechselseitigen Vertrauens: „I ain't saying a goddamn thing about me and Art.“
Zuvor hatten sich die beiden auf die Suche nach Danny Crowe (AJ Buckley), den unberechenbarsten Teil der Großfamilie, gemacht, weil er Raylans Freundin Allison (Amy Smart) in ihrem Wagen von der Straße abgedrängt und sie mit animalischem Gebell eingeschüchtert hatte. Raylan würde natürlich liebend gerne dem Übeltäter in bester Cowboymanier eine Tracht Prügel verpassen, doch die besonnene Rachel hindert ihn daran. Später gibt er gegenüber Allison bereitwillig zu, wie er am liebsten verfahren hätte. Doch auch sie stutzt ihn wieder auf Normalmaß zurecht: „Is that who you are, Raylan? All-American hero?“

Während Raylan also zwei Frauen im Leben hat (wovon eine (Rachel) der anderen (Allison) zutiefst misstraut), die ihm zum richtigen Zeitpunkt die Grenzen aufzeigen, muss Boyd (Walton Goggins) auf solchen Input weiterhin verzichten. Nachdem seiner Verlobten Ava (Joelle Carter) in der letzten Episode übel mitgespielt wurde, findet sie sich nun in ungleich rauerem Fahrwasser wieder. Boyd versucht vergeblich, ihr auch im neuen Gefängnis (wo sie auf eigenen Wunsch in die GenPop - general population: Großraumzelle - verlegt wurde) den nötigen Schutz zu vermitteln.
Why make an enemy when you could make a friend?
Sein Versuch, sich bei einem alten Bekannten aus der eigenen dunklen Nazivergangenheit anzubiedern, geht jedoch fürchterlich schief, weil Boyd von den Nazis als race traitor angesehen wird. Also als jemand, der seine „Rasse“ verraten habe und dafür geradestehen müsse. Noch stößt Ava im Gefängnis außer ein paar Magenschlägen und einer zweifelhaften Frisur nichts zu. Trotzdem ist sie momentan der Willkür ihrer Häscherinnen ausgesetzt. Am Ende der Episode kommt es zu einer schönen Sequenz, in der sich Ava bei ihrer Bettennachbarin eine Rasierklinge ertauscht.
Wir Zuschauer werden zunächst in den Glauben versetzt, dass Ava sich rächen will - aber nein, sie geht in den Waschraum und schneidet sich die Haare ab, um wieder eine halbwegs ordentliche Frisur zu haben. Ein wunderbar stiller und atypischer Moment. Er erinnerte mich an eine vergleichbare Szene aus der fünften Staffel von The Wire, in der eine Figur sich noch einmal die Haare richtet und im Spiegel betrachtet, bevor sie sich dem sicheren Tod ergibt: „You look good, girl.“
Manchmal sind es eben doch die stillen Augenblicke, die die größte Strahlkraft erreichen. Der Rest der Episode ist jedoch dominiert von der üblichen, ebenso tollen Justified-Lingua. Nach dem Verrat durch die Nazis muss Boyd andere Wege finden, um die Sicherheit seiner Verlobten zu garantieren. Hierzu wendet er sich an die Neu-Kentuckyaner der Familie Crowe, die trotz Deweys (Damon Harriman) insistierenden Warnungen von einer Allianz mit Boyd Crowder nicht abgeneigt zu sein scheinen. Weil die erstmalige Zusammenarbeit gegen die white supremacists so reibungslos verläuft, will Boyd diese neue Partnerschaft gleich auf einen weiteren Geschäftszweig ausweiten: „I want you to help me kill my cousin Johnny.“

Das muntere Spiel des gegenseitigen Verratens und der ständigen Bündniswechsel (sind wir hier etwa in einer Live-Action-Variante des Brettspiels „Risiko“?) geht nämlich auch in Kill the Messenger weiter. Dem von Johnny Crowder (David Meunier) gefangengehaltenen Rodney Dunham (Mickey Jones) gelingt es, eine Warnmeldung an Boyd abzusetzen, wodurch der auf Johnnys Plan aufmerksam wird.
I ain't giving up on my dream
Boyd will sich also endgültig seines Cousins entledigen. Dabei hatte er in der neuen Episode selbst eine Zielscheibe auf dem Rücken. Zugegebenermaßen waren lediglich die beiden unterbelichteten Tunichtgute Dewey und Danny (fortan: „Doppel D“) hinter ihm her. Ihr Plan, Boyd mit bloßer Waffengewalt zur Herausgabe des wahren Kaufpreises des Bordells zu zwingen, darf getrost als eines der dümmsten Vorhaben eingestuft werden, die in Justified jemals porträtiert wurden. „Doppel D“ beglückwünschen sich jedoch zu diesem genialen Schachzug: „You're a goddamn genius, you know that?“
Auf der Suche nach Boyd nehmen die beiden schließlich dessen Schergen Carl (Justin Welborn) als Geisel und produzieren sogleich die nächste hirnrissige Idee: „We'll see how much Boyd's going to pay for his guy.“ Die Abenteuer von „Doppel-D“ dienen natürlich dem comic relief, wobei mir Dewey teilweise als zu großer Vollidiot porträtiert wird. Trotzdem konnte ich mich in der Szene, in der er seinen defekten Swimmingpool loswerden will, kaum zurückhalten: „This here pool was my dream. I ain't selling it for no 20 bucks.“
Während sich Boyd seiner eigenen Probleme entledigt und von Raylan Givens unwissentlich dabei unterstützt wird (weil Raylan seinen Leutnant Carl befreit), gelingt es ihm gleichzeitig, einen neuen Drogendeal abzuschließen. Über Mittelsmann Picker (John Kapelos) treten er und Wynn Duffy (Jere Burns) mit den Verhandlungsführern eines mexikanischen Kartells in Kontakt und handeln ein für beide Seiten profitables Geschäft mit diversen gegenseitigen Risikoabsicherungen aus. Das alles ist stets interessant, schnell erzählt, mit witzigen Dialogen versehen - schlicht und einfach: in bester Justified-Manier.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 12. Februar 2014(Justified 5x06)
Schauspieler in der Episode Justified 5x06
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