Justified 5x02

Justified 5x02

Nach einem enttäuschenden Start in die fünfte Staffel kehrt Justified schon in der zweiten Episode auf beeindruckende Weise zu alter Stärke zurück. Wunderbar witzige und atemberaubend schnelle Dialoge treffen auf eine fantastische Optik und liebevoll modellierte Figuren - perfekt!

Brüder im echten Leben, Brüder bei „Justified“: Wood und Steve Harris als Jay und Roscoe. / (c) FX
Brüder im echten Leben, Brüder bei „Justified“: Wood und Steve Harris als Jay und Roscoe. / (c) FX

In The Kids Aren't All Right kehrt der Neowestern Justified zu dem zurück, was er am besten kann: Dialoge wie aus der Schnellfeuerpistole, diese witzig, amüsant, einfallsreich, klug. Im Auftakt zur fünften Staffel wagte sich die Serie auf ungewohntes Terrain und schickte ihre beiden Hauptcharaktere auf Road Trips. Raylan Givens (Timothy Olyphant) machte sich auf den Weg nach Florida, um sich dort mit dem weniger angenehmen Teil der Crowe-Familie herumzuschlagen, während sich Boyd Crowder (Walton Goggins) in Detroit nach dem Verbleib seiner Drogenlieferung erkundigte.

You gotta give the customers what they want

Nun wissen wir seit Kurzem, dass wir uns nach der abschließenden sechsten Staffel von Justified im nächsten Jahr auf keine weiteren Episoden mehr freuen können. Die neue Episode ist indes so gut, dass man glauben könnte, die Nachricht über das Ende der Serie sei genau geplant gewesen. Ob die Autoren gewusst haben, dass sie mit dieser zeitlichen Koinzidenz Vorfreude und vorauseilenden Wehmut bei den Fans der Serie ins Unermessliche steigern? Ich wusste nach Sichtung dieser Episode jedenfalls nicht, ob ich mich darüber freuen oder doch lieber ärgern sollte.

Nachdem ich sie ein bisschen sacken lassen konnte, setzt sich das Gefühl durch, dass das angekündigte Serienende eigentlich nur positive Entwicklungen nach sich ziehen dürfte. Die grandiose Dialogarbeit wird sich in den kommenden Episoden fortsetzen, die Drehbuchautoren von der Leine gelassen werden und ihr gesamtes Arsenal an guten Sprüchen verpulvern. Zudem steuern die vielen losen Erzählstränge fortan auf ein festes Ende zu, dabei wird es wohl zu einer endgültigen Konfrontation zwischen Raylan und Boyd kommen. Marshal-Chef Art Mullen (Nick Searcy) wird in Raylans schmutziger Vergangenheit graben und dabei einige Informationen und Beweise finden, die Raylan ins Gefängnis bringen könnten.

Die frühzeitige Verkündung des Serienendes hat einen weiteren positiven Nebeneffekt. Nun müssen sich die Autoren nämlich nicht mehr lange verbiegen, um den Charismabolzen Boyd Crowder länger in der Serie zu halten - womit wir auch schon bei einem der größten Schwachpunkte von Justified angelangt wären. So charmant, bezaubernd, hinreißend gefährlich Goggins seine Rolle auch spielt, so schwierig ist es für die Autoren, seine Handlungsbögen interessant zu halten. Sein Charakter ist nämlich durch mehrere Erzählkonstruktionen limitiert. Zum einen wäre dabei der schwelende Konflikt zwischen ihm und Raylan zu nennen, der - jeder erzähltheoretischen Logik folgend - erst am Ende der Serie aufgelöst werden kann.

Die Chemie zwischen Kaitlyn Dever als Loretta und Timothy Olyphant als Raylan ist atemberaubend. © FX
Die Chemie zwischen Kaitlyn Dever als Loretta und Timothy Olyphant als Raylan ist atemberaubend. © FX

Zum anderen müssen sich die Autoren immer wieder neue Geschichten ausdenken, in denen Boyd es irgendwie schafft, nicht ins Gefängnis wandern zu müssen (wenngleich dies eigentlich schon längst hätte passieren müssen). Nun ist es Boyds Ehefrau Ava (Joelle Carter), die im Gefängnis sitzt und ihre Felle langsam davonschwimmen sieht. Hier muss jeder Zuschauer für sich entscheiden, ob Goggins' Grandezza als Schauspieler die latente Redundanz seiner Erzählstränge ausgleicht. Ich kann diese Frage umstandslos bejahen, vor allem auch, weil Goggins' grandiose Darstellung immer wieder aufs Neue mit frischen, unverbrauchten Dialogzeilen gefüttert wird.

I fancy myself a gifted student of human behaviour

Beispiele dafür bekommen wir in der neuen Episode zuhauf - und das nicht nur aus Boyds Mund. Raylan ist wieder zurück in Harlan und geht sogleich seinen Pflichten nach. Gemeinsam mit Tim Gutterson (Jacob Pitts) und Rachel Brooks (Erica Tazel) - die beide in dieser Episode wieder viel zu wenig vorkommen - beschlagnahmt er Haus und Besitz des Geldwäschers George Mason aus 24 - Entschuldigung, ich meine natürlich Charles Monroe (Xander Berkeley). Zwischendurch bekommt Raylan einen Anruf, wonach eine wegen Drogenhandels verhaftete Jugendliche seinen Namen ausgesprochen habe und sich von ihm Hilfe erbitte.

Es handelt sich dabei um Loretta McCready (Kaitlyn Dever), das aus der zweiten und dritten Staffel bekannte vaterlose Mädchen, das vom Bennett-Clan aufgenommen wurde (nachdem Familienoberhaupt Mags (Margo Martindale) den Vater mittels ihres hauseigenen Giftgemischs umgebracht hatte). Nun hat sich der junge Tunichtgut erneut mit falscher Gesellschaft umgeben. Sie und ihr Freund Derek (Riley Bodenstab) wollten das schnelle Geld im Drogenhandel verdienen und gerieten dabei an Rodney „Hot Rod“ Dunham (Mickey Jones) und seine Handlanger Roscoe und Jay (gespielt von den Brüdern Steve Harris und Wood Harris - übrigens ihr erster gemeinsamer Auftritt in Film oder Serie).

Der gesamte Handlungsstrang offenbart, was Justified so unvergleichlich gut macht. Wie keine zweite setzt die Serie ihre Nebendarsteller mit höchster Effizienz ein. Immer wieder kehren alte Charaktere in die Serienhandlung zurück, gleichzeitig kann man sich nie sicher sein, ob großartige Gastdarsteller jemals wieder auftauchen werden - Wood Harris of The Wire-Fame, will we ever see you again? Die Chemie zwischen Olyphant und Loretta-Darstellerin Dever ist beängstigend gut, ganz so, als habe sie nie die Serie verlassen, um eine Hauptrolle in der Tim-Allen-Sitcom Last Man Standing anzunehmen (übrigens war sie im letzten Jahr auch in dem ausgezeichneten Coming-of-Age-Film „Short Term 12“ zu sehen).

Boyd (Walton Goggins) bekommt es mit einer gerissenen Gegenspielerin (Karolina Wydra) zu tun. © FX
Boyd (Walton Goggins) bekommt es mit einer gerissenen Gegenspielerin (Karolina Wydra) zu tun. © FX

Raylan schafft es schließlich mit seiner Badass-Attitüde, Loretta und ihren Freund von sämtlichen Verpflichtungen freizukaufen. Dabei gelingt ihm das seltene Meisterwerk, keinen einzigen Schuss abfeuern zu müssen. Außerdem offenbart er selten gesehene Vatergefühle für das führungslose Mädchen, wenngleich er doch seiner eigenen kleinen Tochter ein Vater sein könnte, wie sein neues love interest Alison (Amy Smart) spitz anmerkt. Gleichzeitig muss er feststellen, dass die clevere Loretta seine gutmütigen Wesenszüge ausgenutzt hat, um ihn für ihre Zwecke einzuspannen: „I didn't play you, Raylan. You are who you are.

I get a call from a Givens at this late hour, it makes me nervous

Dabei ahnt Raylan noch gar nicht, dass ihm sein immerzu misstrauischer Chef Art Mullen im Nacken sitzt. Weil sich Sammy Tonin (Max Perlich) kurz vor seinem Tod im Marshal-Büro gemeldet hatte, um mit Raylan zu sprechen, wundert sich Mullen nun, wie dies mit dem Mord an Tonin zusammenhängen könnte. Deshalb erbittet er von Ed Kirkland (Shashawnee Hall), seinem Kollegen in Detroit, Aufklärung über Sammy Tonins Aufenthaltsort während des Anschlags auf Nicky Augustine am Ende der letzten Staffel.

Genau wie Raylan dürfte auch Boyd in Zukunft gehöriges Ungemach drohen, wenngleich er in dieser Episode noch der sicheren Verhaftung entgeht. Der Polizeibeamte Nick Mooney (William Gregory Lee) kassiert eine bittere Niederlage, nachdem die Ehefrau des im Koma liegenden Lee Paxton (Sam Anderson) ihre Aussage über Boyd als Häscher ihres Mannes zurückzieht. Mara (Karolina Wydra) hat vielmehr im Sinn, Boyd zu erpressen und sich mit dem Geld auf den Rückweg in ihr Heimatland zu machen.

Am Ende von The Kids Aren't All Right wacht Paxton aus dem Koma auf, der auf Wolke Sieben schwebende Dewey Crowe (Damon Herriman) bekommt Besuch seines ungeliebten Cousins Daryl (Michael Rapaport) aus Florida und Boyd entdeckt, dass die letzte Drogenlieferung seiner kanadischen Verbindungsmänner ausgeraubt wurde. Es ist wieder viel los in Harlan - dank brillanter Dialoge, einer fantastischen Optik und grandioser Gastdarsteller ist dies ein wahrer Fernsehgenuss.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 15. Januar 2014
Episode
Staffel 5, Episode 2
(Justified 5x02)
Deutscher Titel der Episode
Probleme mit den Kids
Titel der Episode im Original
The Kids Aren't All Right
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 14. Januar 2014 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. November 2014
Autor
Dave Andron
Regisseur
Bill Johnson

Schauspieler in der Episode Justified 5x02

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