Justified 5x01

Justified 5x01

Wirklich zimperlich ist die FX-Dramaserie Justified nie mit ihren Charakteren umgegangen. Im Auftakt zur fünften Staffel erreichen Brutalität und „Body Count“ jedoch bisher ungekannte Ausmaße. Da hilft auch die wieder einmal hervorragende Dialogarbeit nicht, darüber hinwegsehen zu können.

Raylan Givens (Timothy Olyphant, l.) macht sich mit Deputy Sutter (David Koechner) auf die Suche nach den Crowes. / (c) FX
Raylan Givens (Timothy Olyphant, l.) macht sich mit Deputy Sutter (David Koechner) auf die Suche nach den Crowes. / (c) FX

Die Premierenepisode der fünften Staffel des Südstaatendramas Justified beginnt wie gewohnt mit einem witzigen und dialoglastigen Auftakt. Darin erstreitet sich der unbedarfte Dewey Crowe (Damon Herriman) vor Gericht ein überaus großzügiges Schmerzensgeld für die körperlichen Leiden, die ihm US-Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) in der Vergangenheit zugefügt hatte. Die Szenen verbinden mehrere Elemente, die Justified zu einer meiner Lieblingsserien gemacht haben: Dialoge wie aus Schnellfeuerwaffen, schräge Charaktere und eine gehörige Portion Humor.

You and Wade are the only two pussies in this whorehouse

Im Verlauf von A Murder of Crowes wandelt sich dieser lockerleichte Auftakt jedoch in sein genaues Gegenteil. Ohne genau nachzuzählen komme ich auf mindestens sechs Leichen, die von diversen Protagonisten - teilweise kaltblütig - niedergemäht werden. Nun war Justified zu keinem Zeitpunkt eine Serie, die besonders viel Rücksicht auf seine Charaktere und Gastdarsteller genommen hätte. Was sich jedoch in der ersten Episode der neuen Staffel abspielt, kratzt gehörig an den Grenzen des guten Geschmacks.

Immer für einen Lacher gut: Der neureiche Dewey Crowe (Damon Herriman) vergnügt sich mit seinen Gespielinnen. © FX
Immer für einen Lacher gut: Der neureiche Dewey Crowe (Damon Herriman) vergnügt sich mit seinen Gespielinnen. © FX

Da kommt es zum Brudermord, zum Mord aus niederen Motiven, zu äußerster Brutalität. Warum die Autoren der Episode auf diesen shock value setzen, ist mir vollkommen unverständlich, beweisen sie doch gleichzeitig, dass sie bereits mit ihrer großartigen Dialogarbeit für ausreichend Unterhaltung sorgen können. Allein die Szenen zwischen Raylan und Dewey Crowe im Gericht und später bei der Poolparty des Neureichen haben bei mir für schallendes Gelächter gesorgt. Die Episode bemüht sich jedoch umgehend, diese positiven Aspekte durch wahrlich schockierende - und teilweise auch verärgernde - Verhaltensweisen ihrer Protagonisten zu konterkarieren.

A Murder of Crowes ist in zwei große Handlungsstränge aufgeteilt, die jeweils einen road trip als zentralen dramaturgischen Katalysator beinhalten. Raylan Givens wird von seinem Chef Art Mullen (Nick Searcy) mit der Suche zweier Mörder in Südflorida beauftragt. Einer der beiden ist mit Dewey Crowe verwandt, der jedoch selbst gehörigen Respekt vor seiner Familienbande hat: „Them Florida Crowes are bad news.“ Also muss sich Raylan auf die Reise machen und dort die Verwicklungen der Crowes in einem örtlichen Zuckerschmuggelring entwirren.

Dabei begegnet er dem vermeintlichen Familienoberhaupt Daryl Crowe. Er wird von Michael Rapaport gespielt, der nach Sichtung dieser Episode vorerst leider als Fehlbesetzung eingestuft werden muss. Sein schwerer Südstaatenakzent klingt stets aufgesetzt und der normalerweise als „New York Boy“ besetzte Rapaport wirkt in der Rolle des cleveren Rednecks generell deplatziert. Von seinem minderbemittelten Bruder Dilly (Jason Gray-Stanford) bekommt er die schlechte Nachricht, dass der und sein kubanischer Partner Elvis Manuel Machado (Amaury Nolasco) im Affekt ihren Geschäftspartner, den korrupten Küstenwächter Simon Lee (Ron Yuan), erschossen haben.

Um seine Verwicklung in den Zuckerschmuggel zu vertuschen, tüftelt Daryl einen zweiteiligen Plan aus. Zum einen verrät er mithilfe seiner Schwester Wendy (Alicia Witt) seinen kubanischen Kollegen, zum anderen lässt er seinen Bruder Dilly vor seinen eigenen Augen ermorden, damit der keinen weiteren Schaden anrichten kann. Das alles passiert, ohne dass Raylan irgendetwas davon mitbekommt. Er ist zufrieden mit dem Ermittlungsergebnis, an dessen Ende ein weiterer toter Kubaner in floridianischen Gewässern schwimmt.

What am I going to do, mon ami?

Fortan kann sich Raylan also seiner Unfähigkeit widmen, seiner Tochter und der Mutter seines Kindes einen kurzen Besuch abzustatten. Lieber wünscht er den beiden via Videobotschaft eine gute Nacht, schließlich hat ihn sein Marshal-Kollege zuvor gewarnt, dass das Schlimmste an einer Fernbeziehung die Verabschiedung von den Kindern sei. Da denkt er sich wohl: „Dann doch lieber gar nicht erst sehen.“ Der gesamte Handlungsstrang um Raylan kam mir merkwürdig orientierungslos vor. Die Floridageschichte ist schneller vorbei, als sie überhaupt angefangen hat und verspricht auch kein sonderlich großes Zukunftspotential - zumindest wäre Rapaport als neuer big bad dieser Staffel wenig glaubwürdig.

Raylan (Timothy Olpyhant; r.) holt auch beim Alligatorenjäger Jean Baptiste (Edi Gathegi) Informationen ein. © FX
Raylan (Timothy Olpyhant; r.) holt auch beim Alligatorenjäger Jean Baptiste (Edi Gathegi) Informationen ein. © FX

Eindeutiger geht es da schon im Erzählstrang um Boyd Crowder (Walton Goggins) zu. Der kämpft nämlich gleichzeitig an mehreren Fronten, wobei er zu keinem Zeitpunkt vor tödlicher Gewalt zurückschrecken würde - bei Boyd ist dies jedoch weniger überraschend als bei den übrigen hier kaltblütig mordenden Charakteren. Trotzdem verblüfft auch hier die Gleichgültigkeit, mit der Boyd seine Morde begeht. Sein erstes Opfer ist ein Drogenlieferant aus Detroit, der ihn über den Tisch ziehen will. Zugegeben - wer sich im Drogengeschäft mit Charakteren wie Boyd Crowder anlegt, dem ist ein schnelles und gewaltsames Ende sicher.

Weil sich die Drogenlieferung als Betrug herausstellt, müssen Boyd und sein Partner Wynn Duffy (Jere Burns) nach Detroit reisen, um dort ihren Lieferanten Sammy Tonin (Max Perlich) aufzusuchen. Der ist gerade mit der grausamen Folter eines seiner kanadischen Konkurrenten beschäftigt und begrüßt die beiden Weitgereisten im blutverschmierten Metzgeroutfit. Eine unvorhergesehene Ereigniskette später liegt auch er mit Loch im Kopf auf dem Boden und die mit Blutspritzer übersäten Duffy und Crowder schauen seinem Häscher Picker (John Kapelos) entgeistert in die Mordfratze.

Er klärt die beiden auf, dass sie zur Fortsetzung ihrer Drogengeschäfte mit der kanadischen Konkurrenz in Kontakt treten müssten. Von den „Canucks“ bekommen sie die wenig erfreuliche Nachricht, dass es nach der letzten vereinbarten Lieferung keine weitere Kooperation mehr geben werde: „The idea behind organised crime is that it's supposed to be organised.“ Picker weiß jedoch auch für diesen Rückschlag die passende Lösung. Er habe Kontakte in Mexiko, die er den beiden anbiete, sollten sie ihn fortan als gleichwertigen Geschäftspartner ins Boot holen.

I trust nobody who speaks English as a second language

Zurück in Harlan County, bekommt Boyd weitere schlechte Nachrichten. Um seine Verlobte Ava (Joelle Carter) aus dem Gefängnis zu holen (wo sie wegen des Mords an Delroy sitzt), plante Boyd, den zuständigen Richter mit der Bedrohung von dessen Familie zu bestechen. Da der jedoch keine Familie hat, fällt auch dieses Vorhaben flach. Also versucht Boyd, seine letzte Trumpfkarte auszuspielen: die Bekanntschaft zum örtlichen Bestattungsunternehmer Lee Paxton (Sam Anderson). Der führt Boyd erst vor, lässt ihn bitten und betteln, um ihm das Anliegen dann doch auszuschlagen. Bezahlen wird er dafür mit seinem Leben - und das auf äußerst brutale Weise.

Daryl Crowe (Michael Rapaport; r.) versucht
Daryl Crowe (Michael Rapaport; r.) versucht

Bei all dem Morden und Verprügeln, bei all der Gewalt und Brutalität ist es mir ein echtes Rätsel, wieso die Autoren von A Murder of Crowes einen solch blutigen Pfad eingeschlagen haben. Nach den turbulenten Ereignissen im Finale der vierten Staffel hätte es dieses neuerlichen Gewaltreigens gar nicht bedurft. Ich wäre vollkommen zufrieden gewesen mit einer langsamen Exposition, der Einführung neuer Charaktere, den üblichen Wortwitzen und geschickter Dialogkonstruktion.

So jedoch wird all das aufgegeben für die Etablierung eines Sujets, das vor brutaler Gewalt nur so trieft. Boyds Motivationen sind dabei klarer herausgearbeitet als die Raylans, jedoch stellt sich auch bei erstgenanntem die Frage, ob es dieser ausschweifenden Gewaltorgie bedurft hätte. Zusammen mit der etwas fragwürdigen Besetzung von Michael Rapaport ergibt diese Auftaktepisode ein etwas verschwommenes Bild, das nur entfernt an Justified erinnert.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 8. Januar 2014

Justified 5x01 Trailer

Episode
Staffel 5, Episode 1
(Justified 5x01)
Deutscher Titel der Episode
Ein Crowe kommt selten allein
Titel der Episode im Original
A Murder Of Crowes
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 7. Januar 2014 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. November 2014
Autoren
Graham Yost, Fred Golan
Regisseur
Michael Dinner

Schauspieler in der Episode Justified 5x01

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