Justified 4x13

Die vierte Staffel der Neowesternserie Justified geht zu Ende, wie sie angefangen hat: bodenstĂ€ndig, lĂ€ssig, ohne groĂe Effekte. Die unaufgeregte ErzĂ€hlweise ist zu einem Markenzeichen der Dramaserie geworden und wurde von den Autoren auch in den zurĂŒckliegenden 13 Episoden stets gepflegt. Was Justified aber in den Rang einer sogenannten QualitĂ€tsserie rĂŒckt, sind die ausgefeilten Dialoge und die tiefgrĂŒndige Charakterzeichnung.
Of course, you're gonna take me, 'cause your my buddy
Davon werden im Staffelfinale mehrere Paradebeispiele vorgefĂŒhrt. Den gröĂten Anteil daran haben der an dieser Stelle schon mehrfach hochgelobte Walton Goggins als Boyd Crowder und der ĂŒberragende Autor und Schauspieler Mike O'Malley als Nick Augustine. Beide laufen im GesprĂ€ch mit US-Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) zu absoluter Höchstform auf. Zwischen Augustine und Givens entspinnt sich ein packendes Duell im hinteren Teil einer Limousine, das mit wĂŒsten Drohungen beiderseits gespickt ist.

Raylan schafft es dabei - wie so oft - seinem Gegenspieler einen Schritt voraus zu sein. Augustine glaubt, der Marshal wolle ihn so lange provozieren, bis er eine Waffe zieht und dem SchnellschĂŒtzen somit einen Grund liefert, ihn zu erschieĂen. Der gewiefte Raylan ist jedoch nur auf eine bestimmte Information aus, die ihm der von seiner Hybris berauschte Nicky sogleich zukommen lĂ€sst. Laut eigener Aussage werde er den designierten Nachfolger von Theo Tonin - dessen Sohn Sammy (Max Perlich) - umbringen und sich danach abermals Raylans zukĂŒnftiger Familie - also Winona (Natalie Zea) und deren ungeborenem Kind - widmen.
Der soeben von seinem Vorgesetzten Art Mullen (Nick Searcy) suspendierte Raylan hat diesen Schachzug jedoch schon erahnt und klugerweise den neuen mĂ€chtigen Mann aus Detroit einfliegen lassen. Dem reicht eine kurze Aussage ĂŒber die neuesten Informationen, um Augustine mittels Maschinengewehrsalven umbringen zu lassen. In einer herausragend fotografierten Szene entfernt sich Raylan langsam vom Tatort, der Blick grimmig, der Gang schwer.
Sein Transport zum Treffen sowie das Treffen selbst wurden nĂ€mlich von Boyd organisiert. Der Dialog zwischen den beiden zeigt exemplarisch, was Justified auch in der vierten Staffel stets ausgezeichnet hat. Nicht nur beherrschen die Autoren den sogenannten spit fire dialogue, also den rasend schnellen Wortwechsel, in Perfektion, sie lassen ihre Darsteller auch tief im Seelenleben ihrer Charaktere wĂŒhlen. Dabei verzichten sie bewusst auf eine bloĂe Einteilung in Gut und Böse, wenngleich Raylan eine solche gerne selbst vornehmen wĂŒrde.
Kings fall, princes rise up
Was vom einen oder anderen Zuschauer eventuell bisher etwas vermisst wurde, wird in dieser Szene grandios nachgeholt. Boyd stellt die Frage nach der Schuld Raylans - immerhin schleppt er doch einen Leichenstapel mit sich herum, der im Vergleich mit seinen Protagonisten seinesgleichen sucht. Auch die - mit dem fĂŒr die Serie wegweisenden Song âYou'll never leave Harlan aliveâ (von Dave Alvin) unterlegte - Schlussszene macht deutlich, wie stark die beinahe tĂ€gliche Konfrontation mit dem Tod an Raylans Seelenheil nagt.

„This is the life I chose, or rather, the life that chose me.“ Diese Textstelle aus âDecember 4thâ von Jay-Z beschreibt recht eindeutig das Dilemma der beiden Hauptprotagonisten. Der erste Teilsatz trifft auf Raylan zu, der sich gegen das Erbe seines Vaters Arlo (Raymond J. Barry) entschieden hat und nun auf dem vermeintlichen Pfad der Gerechtigkeit wandelt. Boyd jedoch konnte trotz zwischenzeitlicher LĂ€uterung (in der ersten Staffel) den Verlockungen seines FamilienvermĂ€chtnisses nicht widerstehen („... the life that chose me“).
Zum Ende der Episode Ghosts konstruieren die Autoren dann einen Ausgang, der auf den ersten Blick als eine Art Moral gelesen werden kann: Boyd bekommt, was er verdient, genau wie Raylan (ein zukĂŒnftiges glĂŒckliches Familienleben mit Winona). Zwar erhĂ€lt Boyd die âguteâ Nachricht, dass Wynn Duffy (Jere Burns) zu seinem Wort steht und ihm die Heroindistribution fĂŒr ganz Kentucky ĂŒberlĂ€sst: „We both are going to be very wealthy men.“
Diese scheint ihn jedoch gar nicht wirklich zu interessieren, denn seine Herzensdame Ava (Joelle Carter) befindet sich auf dem Weg ins GefĂ€ngnis. Die Beweise des gefundenen Leichnams von Delroy, der von ebenjener unter Mithilfe Ellen Mays (Abby Miller) erschossen wurde, scheinen zudem so erdrĂŒckend, dass Ava wohl einer langen Haftstrafe entgegensieht. Hier kommt noch mal ein Handlungsstrang zur Geltung, der bereits kurz vor Staffelhalbzeit auserzĂ€hlt schien.
Die Schwester des von Boyd zum Tode gedrĂ€ngten Predigers Billy St. Cyr (Joe Mazzello), Cassie (Lindsay Pulsipher), bekommt ihre spĂ€te Rache. Sie ist diejenige, die Ava an Polizei und Sheriff Department verraten hat. Da helfen auch alle korrupten Verbindungen zwischen Boyd, dem Bestattungsunternehmer Lee Paxton (Sam Anderson) und Deputy Sheriff Nick Mooney (William Gregory Lee) nichts. Die solide und stets unterhaltsam erzĂ€hlte vierte Staffel kommt zu ihrem dĂŒsteren Ende. Auch hierzu findet Staatsanwalt Vasquez die richtigen Worte: „It's very Shakespearian.“
Fazit
Was zwar schon in frĂŒheren Staffeln von Justified aufgefallen, an dieser Stelle jedoch noch nicht hinreichend thematisiert wurde, ist die groĂe KontinuitĂ€t, mit der die Geschichten rund um Raylan Givens erzĂ€hlt werden. Charakteristisch lĂ€sst sich dies an der Riege der Hauptdarsteller ablesen, die sich in vier Jahren nur minimal verĂ€ndert hat. Manche wurden befördert, manche zurĂŒckgestuft. Das GrundgerĂŒst blieb jedoch stets dasselbe.
Hier lĂ€sst sich die Handschrift des Raylan-Vordenkers Elmore Leonard herauslesen. Der 87-jĂ€hrige Autor, der seit 1953 mit der VerlĂ€sslichkeit eines Postangestellten neue Romane herausbringt, kann sicherlich den einen oder anderen Kommentar zum Thema KontinuitĂ€t abgeben. In der heutigen schnelllebigen Medienwelt kann dies durchaus als auĂergewöhnliche Leistung angesehen werden. Vor allem, weil ĂŒber die vergangenen vier Staffeln von Justified kaum Langeweile aufgekommen ist.
Im Gegenteil, die stets beibehaltene Figurenkonstellation verspricht immer weitere neue, interessante Charakterelemente. Diese gibt es vor allem bei Raylan und Boyd, aber auch bei Ava, Mullen, Gutterson (Jacob Pitts) oder Rachel (Erica Tazel) sowie den Nebencharakteren wie Colton Rhodes (Ron Eldard), Drew Thompson (Jim Beaver) oder Ellen May zu entdecken.
Justified exerziert also etwas durch, was bei anderen Serien oder Sendern lĂ€ngst zur Absetzung gefĂŒhrt und vielleicht auch deshalb vom treuen Stammpublikum honoriert wird: KontinuitĂ€t, Unaufgeregtheit, Coolness. Die vierte Staffel mag zwar zwischenzeitlich etwas von ihrem Kurs abgekommen sein, im letzten Drittel jedoch wurde der eine oder andere erzĂ€hlerische Fauxpas mehr als wiedergutgemacht. Das Ende lĂ€sst zudem auf eine spannende FortfĂŒhrung in der schon bestĂ€tigten fünften Staffel hoffen. Also, Raylan, quo vadis?
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 4. April 2013(Justified 4x13)
Schauspieler in der Episode Justified 4x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?