Justified 4x12

Boyd Crowder (Walton Goggins) ist der große Stichwortgeber von Justified. So auch in der neuesten Episode Peace of Mind. Während er und seine Verlobte Ava (Joelle Carter) darüber sinnieren, welche nächsten Schritte zu unternehmen seien, garniert er ihren Denkprozess mit einem wunderbaren Zitat, das stellvertretend für die gesamte Episode gelten kann: „Nothing brings you peace but the triumph of principles.“
I believe you dictate the river of fate through your own actions
Das Bonmot stammt ursprünglich vom amerikanischen Dichter Ralph Waldo Emerson, der gemeinsam mit Henry David Thoreau zu den Begründern der philosophischen Bewegung des Transzendentalismus gezählt wird. Diese wiederum war stark von den deutschen Philosophen Immanuel Kant und Friedrich Schelling beeinflusst. Im Mittelpunkt ihrer Theorie standen ein positives Menschenbild und eine Hinwendung zu Freiheit, Selbstverantwortung und Naturverbundenheit.
Begleitet wurden diese Kernelemente von einer starken Skepsis gegenüber organisierter Religion und institutionalisierter Politik. Beide ziehen inhärent einen korrumpierenden Effekt auf die Teilnehmenden nach sich. Wie kann dieses Ideenkonstrukt nun auf die neue Episode von Justified angewendet werden?

Im ländlichen Amerika ist das Bild eines Menschen, der sich von den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen ernährt und sich dabei zuvorderst auf sich und seine Nächsten verlässt, bis heute am weitesten verbreitet. Ihre Nachkommen sind in Justified allerorten zu finden. So zum Beispiel als Männer und Frauen, die nach selbst- oder fremdgeformten Prinzipien handeln. Dabei orientieren sie sich nicht an einem - aus ihrer Sicht - aufgezwungenen staatlichen Rechtssystem, sondern an eigenen Moralvorstellungen und Werten.
Die allgegenwärtige Skepsis gegenüber regulierenden Institutionen wohnt ihnen allen inne. Dazu gehören die Gruppe um Boyd Crowder sowie der Limehouse-Clan um Ellstin Limehouse (Mykelti Williamson) und weitere Familien- und Interessenverbände aus dem großen Justified-Universum. Die Genannten sind - anders als beispielsweise die real existierenden Anhänger eines radikal individualistischen Menschenbildes, die amerikanische Tea Party - dabei durchaus zu Selbstreflexion fähig.
Dies beweisen mehrere Passagen in der Episode Peace of Mind. Ava schafft es in letzter Sekunde, ihre egozentrischen Gründe für eine Exekution Ellen Mays (Abby Miller) zu überdenken. Ellstin Limehouse lässt selbige nach längerer Kontemplation laufen und Boyd Crowder gewährt seiner zukünftigen Ehefrau einen vermeintlichen Moment der Schwäche, um seine hehren Prinzipien nicht zu verraten.
Goddamn. I just cannot catch a break.
Nachdem in der vorangegangenen Episode Decoy noch die actiongeladene Jagd nach dem echten Drew Thompson (Jim Beaver) brillant bebildert wurde, steht nun dessen Protegé Ellen May im Mittelpunkt der Handlung. Aus unterschiedlichen Gründen bleibt sie für alle in die spektakuläre Thompson-Jagd Involvierten die einzige Möglichkeit, ihre Ziele noch zu erreichen. Ava muss unbedingt sicherstellen, dass Ellen May sie zukünftig nicht mehr belasten kann wegen des Mordes an Delroy (William Mapother) in der dritten Staffel.

Die Abgesandten von Gangsterboss Tonin aus Detroit wiederum sehen in der ehemaligen Prostituierten die letzte Gelegenheit, doch noch an den in der Obhut der Marshals steckenden Thompson heranzukommen. Der wiederum stellt eine weitere Bedingung für den endgültigen Abschluss seines Deals mit der Staatsanwaltschaft. Er fordert Sicherheit für Ellen May. Zwar sehen sich die Marshals unter Führung von Art Mullen (Nick Searcy) keinesfalls dazu gezwungen, auf Thompsons Forderungen einzugehen: „You get nothin'. No conditions, no perks, no mercy whatsoever.“
Trotzdem schafft es ein weiterer prinzipientreuer Charakter, Raylan Givens (Timothy Olyphant), seinen Vorgesetzten Art dazu zu überreden, die vorübergehende Suspendierung vom Dienst aufzuschieben und ihn mit dem Fall Ellen May zu betrauen. Er bekommt den Aufschub und macht sich mit den widerwilligen Kollegen Rachel Brooks (Erica Tazel) und Tim Gutterson (Jacob Pitts) ebenfalls zum Limehouse-Anwesen. Dort vermuten sie richtigerweise den Aufenthaltsort der unbedarften Ellen.
Alle Parteien kommen jedoch zu spät. Limehouse hat Ellen May längst in die Freiheit entlassen. Nach kurzem Zwischenstopp beim hyperparanoiden Drogendealer Nicky Cush (Daniel Buran) vertraut sie sich ihrer neuen spirituellen Mentorin an, Cassie St. Cyr (Lindsay Pulsipher), der Schwester des verstorbenen Predigers Billy (Joe Mazzello). In mehreren grandiosen Szenen im Zelt der Kirche werfen die Autoren von Justified dann die ewigen Fragen nach Schuld und Sühne auf.
Ellen May kann und will nicht mehr mit der Bürde der Beihilfe zum Mord an Delroy leben und lüftet ihr Geheimnis gegenüber Cassie. Kurz danach stürmt Ava ins Zelt mit der Absicht, Ellen zu erschießen. Sie schafft es nicht. Der hinzugekommene Colton Rhodes (Ron Eldard) will die Aufgabe übernehmen, wird jedoch von Gutterson rechtzeitig davon abgehalten. Zwischen den beiden entspinnt sich - wie schon in der letzten Episode - ein vor Spannung knisterndes Duell, an dessen Ende sich Colton von seinen Schuldgefühlen übermannen lässt.
Fazit
Nachdem die vergangene Episode vollgepackt war mit mitreißender Action und vor Wortwitz sprühenden Dialogen, schlägt Peace of Mind leisere Töne an. Allerdings schafft es die Episode, in gleichem Maße für Spannung zu sorgen. Sie kann als weiteres Beispiel für den Facettenreichtum der Neowesternserie Justified angeführt werden.
Wo sonst beweisen die Autoren den Mut, eine knallend laute Episode mit einer folgen zu lassen, die von leisen Zwischentönen, Selbstreflexionen und stiller Verzweiflung durchzogen ist? Dafür, dass es ihnen dabei gelingt, die atemlose Spannung von Decoy aufrechtzuerhalten, gebührt ihnen der allergrößte Respekt.
Die durchweg gelungene Betrachtung des Seelenlebens einzelner Darsteller kann dabei gar nicht genug herausgestellt werden. Auch wenn die Episode hauptsächlich die Geschichte von Ellen May behandelt, so spielt sich doch ein anderer mit kurzen Auftritten in den Vordergrund.
Ron Eldard als traumageplagter Exsoldat Colton Rhodes war mit seinem kalt-verletzlichen Spiel ein absoluter Höhepunkt der vierten Staffel. Dass er kurz vor Ende ausscheiden musste, erscheint vorerst schade, hätte aber nach kurzem Nachdenken keiner Alternative weichen können. Hier haben die Autoren - wie so oft - alles richtig gemacht.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 28. März 2013(Justified 4x12)
Schauspieler in der Episode Justified 4x12
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