Justified 4x11

Justified 4x11

Die neue Episode von Justified bietet lupenreines Actionkino, brillante Dialoge und mehrere packend inszenierte Duelle. Zum Ende der Staffel läuft die Südstaatenserie zu wahrer Hochform auf. Dabei dürfen sich mehrere Nebencharaktere ins Rampenlicht spielen.

Das Objekt sämtlicher Begierden: Drew Thompson (Jim Beaver) muss in „Justified“ lebend aus Harlan gebracht werden. / (c) FX Networks
Das Objekt sämtlicher Begierden: Drew Thompson (Jim Beaver) muss in „Justified“ lebend aus Harlan gebracht werden. / (c) FX Networks

Regiegrößen wie Michael Mann oder der verstorbene Tony Scott hätten es kaum besser machen können. Die neue Episode Decoy der amerikanischen Dramaserie Justified zeichnet sich vor allem durch ihre spannende Inszenierung aus. Aber auch das Drehbuch - verfasst von Serienschöpfer Graham Yost persönlich - glänzt durch witzige und gleichzeitig dramatische Dialoge. Würde man nicht vor dem eigenen Bildschirm sitzen, man könnte glatt glauben, im Kino einem packenden Actionthriller beizuwohnen.

I love the way you talk. Using 40 words where four would do.

In diesen Momenten findet Justified zu seiner absoluten Hochform. Mehrere Szenen fangen die ganze Faszination der Neowesternserie ein. Zunächst wäre hier das Duell zwischen Kriegsveteran und Deputy U.S. Marshal Tim Gutterson (Jacob Pitts) und dem ehemaligen Militärpolizisten Colton Rhodes (Ron Eldard) zu nennen. Beide Darsteller haben in diesen Momenten ihre größten Auftritte der Staffel. Überhaupt ist dies eine Episode der Nebencharaktere. Auch Patton Oswalts knuffiger Constable Bob wächst über sich hinaus und rettet Raylan Givens (Timothy Olyphant) und Konsorten das Leben.

Im Kreuzfeuer: Mullen (Nick Searcy) und Gutterson (Jacob Pitts) müssen sich aus misslicher Lage befreien. © FX Networks
Im Kreuzfeuer: Mullen (Nick Searcy) und Gutterson (Jacob Pitts) müssen sich aus misslicher Lage befreien. © FX Networks

Die Ausgangssituation ist jedenfalls reichlich vertrackt. Nachdem es den Marshals um Raylan, Gutterson, Rachel Brooks (Erica Tazel) und ihrem Chef Art Mullen (Nick Searcy) in der vorangegangenen Episode gelungen war, den echten Drew Thompson alias Sheriff Shelby Parlow (Jim Beaver) zu fassen, stehen sie nun vor einem weiteren Problem. Sie müssen Thompson außerhalb der Reichweite seiner Häscher an einen sicheren Ort bringen. Da sich die von Detroit-Gangsterboss Tonins rechter Hand Nick Augustine (Mike O'Malley) angeführte Truppe wenig nachgiebig zeigt, muss in aller Kürze ein Plan ausgeheckt werden.

Dabei kommt es zum ersten gedanklichen Fernduell. Boyd Crowder (Walton Goggins), dessen einzige Überlebenschance darin besteht, Augustines Männer zu Thompson zu führen, versucht, sich in Raylans Gedankengänge hineinzuversetzen. Raylan wiederum versucht dasselbe mit Boyds Hirnwindungen. Aus diesem scheinbar endlosen Duell geht ein großer Teil der Faszination von Justified aus. Im Grunde ihres Herzens mögen sich die beiden, stundenlang könnten sie sich neckische Gemeinheiten an den Kopf werfen. Sie genießen geradezu die Aufmerksamkeit und Nähe des anderen, können sich aber zu keiner Sekunde sicher sein, welche Agenda ihr Gegenüber wirklich verfolgt.

Die homoerotischen verbalen Kleingefechte zwischen den beiden treiben dann bei ihrem ersten Aufeinandertreffen auch den Boyd begleitenden Augustine-Abgesandten Picker (John Kapelos) beinahe in den Wahnsinn. Boyd schafft es jedenfalls im Brainstorming mit Nick Augustine, recht präzise die nächsten Schritte Raylans vorherzusagen. Einen Kniff antizipiert er jedoch nicht. Wie er richtig konstatiert, würde Raylan nicht auf die Helikopterverstärkung aus Lexington warten und riskieren, in eine Falle zu geraten. Vielmehr setze er darauf, Thompson via Fahrzeug aus Harlan zu schaffen. So weit, so richtig. Ab diesem Zeitpunkt schaffen es Raylan und Konsorten jedoch, sich vor ihren Verfolgern wenigstens etwas Zeit zu erkaufen.

He says he's a constable. I don't know what that is either.

Mit Mullen und Gutterson an der Speerspitze wird ebenjener Konvoi losgeschickt, den Boyd vorausgesagt hatte. Thompson jedoch befindet sich nicht an Bord. Trotzdem kommt es zum ersten inszenatorischen Höhepunkt der Episode. An einer exponierten Stelle eines Bergpasses haben Colton Rhodes und Augustine-Mann Mort (David Landry) eine Falle aufgebaut. Gutterson jedoch riecht den Braten und vermutet hinter den am Straßenrand abgestellten Fahrzeugen sogleich ein IED, ein improvised explosive device, wie er sie während seines Einsatzes im Afghanistankrieg mehrmals bestaunen durfte.

Im Kreuzverhör: Boyd (Walton Goggins; r.) muss Nick Augustine (Mike O%26#039;Malley; l.) seinen Wert beweisen. © FX Networks
Im Kreuzverhör: Boyd (Walton Goggins; r.) muss Nick Augustine (Mike O%26#039;Malley; l.) seinen Wert beweisen. © FX Networks

Sogleich fällt sein Verdacht auf Colton, der ebenso in Afghanistan gedient hatte und sich mit solchen improvisierten Straßenbomben auskennen dürfte. Was ist also sein nächster Schritt? Er ruft ihn einfach an. Das folgende Verbalduell zwischen den beiden und das gegenseitige Fischen nach Informationen sind gleichzeitig von beiderseitigem Respekt und Missachtung gekennzeichnet. Packender und visuell ansprechender könnte eine solche Szene kaum inszeniert sein.

Neben Colton und Gutterson bekommt auch Constable Bob wieder einen mitreißenden Auftritt zugestanden. Er befindet sich wahrlich zur falschen Zeit am falschen Ort und wird von einem weiteren Handlanger Augustines, Yolo („You only live once“: Bobby Campo) aufs Schlimmste gefoltert. In einem sehr wunderlichen Kraftakt gelingt es ihm jedoch, seinen Peiniger zu überrumpeln und dessen Künstlernamen alle Ehre zu erweisen. Danach wird er von Raylan dazu eingesetzt, ein potentiell tödliches Aufeinandertreffen gewaltlos über die Bühne zu bringen, was ja eigentlich so gar nicht Raylans bevorzugter Konfliktlösungsmethode entspricht.

Auch Ava (Joelle Carter), die in ihrer Bar gemeinsam mit Johnny (David Meunier) von Augustine misstrauisch beäugt wird, darf sich in verbalen Scharmützeln mit ebenjenem auslassen. Nachdem sich die beiden allerlei Unflätigkeiten an den Kopf geworfen haben, greift Augustine auf ein besonders perfides Kommunikationsinstrument zurück. Er verrät ihr vor Johnny dessen geheime Pläne zur Exekution seines verhassten Cousins Boyd. Sie scheint unsicher, wie sie diese neue Information verarbeiten soll, entscheidet sich jedoch erst einmal zur Flucht.

Auf der Flucht befindet sich derweil auch Drew Thompson. Nachdem sämtliche Ablenkungsmanöver ihnen ausreichend Zeit eingebracht haben, kommt Raylan der rettende Einfall. Sie transportieren Drew mit dem Kohlezug aus Harlan. Der kommt immer so pünktlich, dass man seine Uhr danach stellen kann: „You can tell the time in Harlan without looking at your watch.

Fazit

Die neue Episode von Justified hat alles, was gutes Actionkino ausmacht: Großartig fotografierte Actionszenen, brillante Dialoge und ausgefeilte Charakterentwicklung. Diese Faktoren in Kombination erzeugen vor allem in der ersten Hälfte der Episode eine enorme Spannungsdichte. In dieser Form hatte man diese bisher in der vierten Staffel noch nicht bestaunen können.

Die wortreiche Auseinandersetzung zwischen Gutterson und Colton Rhodes gehört zum Besten, was die Serie in allen ihren Staffeln geboten hat. Von Raylan und Boyd ist man diese verbalen Scharmützel schon gewohnt, aus den Mündern der Nebenprotagonisten klingen sie doch wieder erfrischend und sorgen für zusätzliche Charakterzeichnung. Die Nebencharaktere schaffen es erstmals, sich in den Vordergrund zu spielen, sämtliche Rollen sind hervorragend besetzt.

Justified schafft es wie keine zweite Dramaserie seit The Sopranos, Dramatisches mit Witzigem zu verbinden. In keinem Moment wirken die Auseinandersetzungen zwischen Boyd und Raylan oder Gutterson und Colton aufgesetzt, gespielt oder unoriginell. Im Gegenteil: Sie fühlen sich echt an und zeugen von einer großen Film- und - ganz allgemein - Kulturaffinität der Autoren. „I'd like a young Gerard Depardieu to play me in the movie.“ Das ist schlichtweg genial.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 21. März 2013
Episode
Staffel 4, Episode 11
(Justified 4x11)
Deutscher Titel der Episode
Reingelegt
Titel der Episode im Original
Decoy
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 19. März 2013 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 1. September 2016
Autoren
Graham Yost, Chris Provenzano
Regisseur
Michael W. Watkins

Schauspieler in der Episode Justified 4x11

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