Justified 4x08

Die aktuelle Staffel der Südstaatenserie Justified findet langsam, aber sicher ihren Groove. Während sich die Autoren in den vorhergehenden Episoden unsicher waren, wohin die dramaturgische Reise gehen soll, scheinen sie nun ein Rezept gefunden zu haben. Der spannende Fortgang der Erzählung ist dieses Mal garniert mit großartigen Dialogen, zusätzlicher Charakterzeichnung und einem absurd hohen body count.
I am the outlaw. And this is my world.
Immer noch befinden sich mehrere Parteien auf der Suche nach Drew Thompson. Doch in der neuen Episode Outlaw hat Raylan Givens (Timothy Olyphant) endlich einmal die Möglichkeit, sich ungestört der Jagd zu widmen. Da er am Ende der letzten Episode von seinem Vater Arlo (Raymond J. Barry) eine eindeutige Abfuhr in Sachen Thompson kassiert hatte, versucht er sein Glück beim ehemaligen Sheriff und Häftling Hunter (Brent Sexton), auf dessen Spur ihn Josiah Cairn (Gerald McRaney) gebracht hatte.

Der scheint seinem Angebot auf eine Überführung in ein weniger ungemütliches Gefängnis im Austausch für Informationen über Thompson zunächst gar nicht abgeneigt zu sein. Dann jedoch wendet sich auch hier das Blatt zum denkbar Schlechtesten. Hunter scheint ein gesteigertes Interesse daran zu haben, dass Arlo nie wieder irgendjemandem auch nur ein Sterbenswörtchen über Drew Thompson verraten kann. Dafür ist er sogar bereit, eine lebenslange Haftstrafe zu riskieren. Es sei denn, er spekuliert darauf, selbst einen Handel mit den staatlichen Justizorganen auszuhandeln. Seine Motive liegen jedenfalls etwas im Unklaren.
Also lässt Hunter sich von einem korrupten Wachmann mit Arlo alleine in einen Raum sperren. Diesen verletzt er nach einem kurzen Kampf so schwer, dass Arlo fortan im Sterben liegt. Raylan scheint die Nachricht vom bevorstehenden Tod seines verhassten Vaters vorerst nicht sonderlich zu interessieren. Dieses Gefühl wird wohl noch verstärkt, als er ihn an seinem Sterbebett ein letztes Mal nach Informationen über Thompson ausfragt. Arlo bleibt derselbe Widerling, der er immer war: „Kiss my ass.“
Was den Autoren in dieser und der Schlussszene jedoch zum ersten Mal in der vierten Staffel gelingt, ist eine tiefergehende Profilierung Raylans. Selten genug zeigt er Gefühle. Dieses Mal nimmt der Zuschauer ihm sogar ab, dass es echte sind. Timothy Olyphant läuft dabei zur Hochform auf. Er interpretiert seinen Raylan hin- und hergerissen zwischen dem großen Hass auf seinen Erzeuger und der einfachen Tatsache, dass dieser Mann sein Vater ist. Er will Arlo mit ganzem Herzen hassen, er soll ihm egal sein. Trotzdem schafft er es nicht, seine Trauer zu unterdrücken.
Mr. Crowder, I have some good news and some bad news
Auch bei anderen Charakteren treibt das Drehbuch die Konturierung weiter voran. Colton Rhodes wurde bislang von Ron Eldard als jovialer und schlagkräftiger muscle man von Boyd Crowder (Walton Goggins) porträtiert. In der neuen Episode verwandelt er sich jedoch in einen kaltblütigen Mörder. Auf der Suche nach Ellen May (Abby Miller) brennen ihm die Sicherungen durch, besonders, als diese ihn per Kurznachricht auch noch erpresst. Ohne Gnade ermordet er seinen Dealer und dessen Kompagnon und besorgt sich auf diesem Wege das Schutzgeld. Ellen versteckt sich derweil immer noch bei Sheriff Shelby Parlow (Jim Beaver). Beinahe schafft er es, der völlig desillusionierten Ellen ein Geständnis über ihren gemeinsamen Mord mit Ava Crowder (Joelle Carter) zu entlocken.

Boyd schafft es derweil nicht zum ersten Mal, dem sicheren Tod von der Schippe zu springen. Weil dem Gangsterboss Theo Tonin (weiterhin ungesehen: Adam Arkin) die Suche nach Thompson nicht schnell genug verläuft, schickt er mehrere Leute nach Harlan. Wynn Duffy (Jere Burns) wird damit beauftragt, den neuesten Stand der Informationen bei Boyd abzufragen. Als sich dieser in die Ecke gedrängt fühlt, nennt er einige seiner Gegenspieler als mögliche Drew Thompsons.
Die Information wird sogleich an einen in Polizeiuniform auftretenden Auftragsmörder weitergeleitet, der mit Frank Browning (Rocky McMurray), dessen Leibwächter Deke (James Ferris) und Sam Keener (Grainger Hines) kurzen Prozess macht. Im Glauben, er habe Drew Thompson ermorden lassen, wendet sich Wynn Duffy zufrieden an Boyds Cousin Johnny (David Meunier). Der eröffnet ihm jedoch sogleich, dass keiner der drei der echte Drew Thompson gewesen sein könne. Der erzürnte Wynn plant daher, Johnny dessen Willen - Boyds Tod - zu gewähren und stellt außerdem eine Gegenforderung. Fortan sei er für das Auffinden Thompsons verantwortlich. Sollte er es nicht schaffen, führe dies zu seinem unmittelbaren Tod. Das passende Zitat hierzu liefert Boyd: „Fear is a powerful motivator. Even more powerful than greed.“
Boyd kann sich derweil seiner ursprünglichen Auftraggeber entledigen. Der sogenannten Elite Harlans, der Clover Hill Gang, entzieht er kurzerhand ihr einziges Erpressungsmittel. Die Richter und Staatsanwälte, die vermeintlich auf ihrer Seite stehen, werden nun von einer größeren Macht zum Stillhalten gezwungen. Über Nick Augustine (Mike O'Malley, der auch das Drehbuch zu dieser Episode schrieb), schließt er einen Deal mit dem Tonin-Kartell ab. Er versichert, die Geschäftsinteressen besser als Duffy vertreten zu können. Fortan könnte Boyd also auf einen mächtigen Einflussnehmer in seiner Ringecke zählen. Ava macht sich darum jedoch Sorgen. Er sollte besser auf sie hören.
Fazit
Die Leichen stapeln sich in der aktuellen Episode von Justified. Jedoch setzen die Autoren die vielen Mordfälle nicht als effektheischendes Schockinstrument ein, sondern verweben sie gekonnt mit der Geschichte. Teilweise dienen die Morde der Charakterzeichnung, teilweise dem Fortgang der Handlung. So schafft es Justified in dieser Woche, zu alter, großer Form aufzulaufen.
Die grandiosen Dialoge, auf die die Autoren des Südstaatendramas anscheinend ein Patent halten, runden das stimmige Bild ab. Der Austausch zwischen Raylan und Hunter im Verhörzimmer oder allgemein fast jeder Dialog, in dem Walton Goggins als Boyd Crowder involviert ist, enthalten immer mindestens eine zitierfähige Zeile. Die Drehbuchautoren verwöhnen ihre Zuschauer geradezu, denn nur in wenigen Dramaserien wird solch großer Wert auf gelungene verbale Auseinandersetzungen gelegt. Justified spielt im Segment der Qualitätsserien auf höchstem Niveau mit.
Für die kommenden Episoden bleibt nur zu hoffen, dass es auf dieser Ebene weitergeht. Eventuell sollte Mike O'Malley für die Anfertigung einiger weiterer Drehbücher engagiert werden, denn dieses ist in allen Punkten gelungen: Dialoge, Dramaturgie und effizient erzählt. Wollte man an dieser Episode unbedingt etwas auszusetzen haben, so könnte man anführen, dass Regie und Ausstattung sich ebenso sehr wie die Drehbuchautoren hätten ins Zeug legen können (vergleiche dazu die Episode Kin). Dann stünde hier eventuell noch ein halber Stern mehr.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 27. Februar 2013(Justified 4x08)
Schauspieler in der Episode Justified 4x08
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