Justified 4x06

Der am Ende der letzten Episode Kin von US-Marshal Raylan Givens (Timothy Olyphant) aufgefundene abgetrennte Fuß des anscheinend flüchtigen Josiah Caern (Gerald McRaney) spielt gleich zu Beginn erneut eine Rolle. So gibt er Raylans Vorgesetztem Art Mullen (Nick Searcy) genügend Anlass, einige Wortspiele mit diesem Körperteil zu bemühen. Und schon sitzt der Zuschauer wieder mittendrin in dem scheinbar vertrauten, allzu oft jedoch auch meilenweit entfernt scheinenden Justified-Universum.
This is why we're doing the things we're doing. It's for the future.
An brillanten Dialogen und Wortgefechten mangelt es also auch in der neuen Episode Foot Chase nicht. Hinzu kommen dieses Mal (aber beileibe nicht zum ersten Mal) einige erwähnenswerte historische und popkulturelle Anspielungen, die den interessierten Zuschauer doch das eine oder andere Mal zur Suchmaschine treiben. So lässt Raylan im verbalen Clinch mit seinen Kollegen vom Sheriff's Department den Namen „Jimmy Hoffa“ fallen. In den USA wird dieser Name mit einem der spektakulärsten ungelösten Mordfälle der amerikanischen Geschichte in Verbindung gebracht.
Bei seiner Vernehmung der widerborstigen jungen Delinquentin Roz (Alexandra Kyle) erfährt Raylan außerdem eine interessante Hintergrundinformation zur Familiengeschichte ihres indianischen Kumpels. Dessen Familie sei über den „Pfad der Tränen“ nach Kentucky gekommen. Dieser wiederum erinnert die meisten Amerikaner an ein dunkles Kapitel ihrer Geschichte: die Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner aus fruchtbaren Gegenden in agrokulturelle Einöden im heutigen Oklahoma.
Auch wenn diese Schlüsselbegriffe nur in Nebensätzen fallen - und Justified ist beileibe nicht die einzige Dramaserie, die diese Themen vokalisiert -, so zeigt es doch das Bemühen der Autoren rund um Showrunner Graham Yost, die Handlung in einen breiten historisch-kulturellen Kontext einzubetten. Die aktuelle Episode paart zudem diese Referenzen mit dem höchsten Niveau an unvergleichlichem Justified-Lingo, das in seinen besten Momenten an den spitfire dialogue eines Aaron Sorkin erinnert.
Nachdem Josiah also verschwunden ist, muss Raylan einen anderen Weg gehen, um neue Spuren im Fall Drew Thompson ausfindig zu machen. Dabei tun sich für ihn ganz neue Kooperationsmöglichkeiten auf. Mit Sheriff Shelby Parlow (Jim Beaver) geht er eine ungewohnte Allianz ein. Zwar zeigt sich Raylan erst einmal überzeugt davon, der Gesetzeshüter stecke in Boyd Crowders (Walton Goggins) Tasche. Kurz darauf finden sie jedoch zueinander, als Parlow Boyd abführt und Raylan vorsetzt. Der gibt sich wie immer störrisch, außer ein paar markigen Sprüchen kann ihm Raylan nichts entlocken.
That's what assholes do, Raylan. They get old and die from being assholes.
Josiah wird derweil von seinen Entführern festgehalten. Sie wollen ihn ihrem unbenannten Auftraggeber ausliefern und dafür einen stattlichen Finderlohn kassieren. Ihr einziges Problem: der Fußamputierte droht auszubluten. Also tun sie das Naheliegende und rücken seiner Wunde mit einem Lötkolben zu Leibe. Plötzlich taucht auch noch Boyds Anwältin Sonya Gable (Romy Rosemont) auf und mischt sich in das Geschehen ein. Raylan und der Sheriff bewahren Josiah jedoch in letzter Sekunde vor den ihm bevorstehenden höllischen Qualen.
Raylan muss jedenfalls furchtbar schnell geschaltet haben, um die Verbindung zwischen Boyd, seiner Anwältin und dem Versteck Josiahs herausgefunden zu haben. Der entscheidende Hinweis war jener, dass Sonya als Anwältin seines Vaters Arlo (Raymond J. Barry) nicht mehr auf das Angebot des stellvertretenden Staatsanwalts aus der letzten Episode reagiert hatte. Verbunden mit der Entdeckung, dass Boyd sie bezahlt, ließ dies nur einen Schluss übrig: Sie handelt im Interesse Boyds, der ja schließlich auch auf der Suche nach Drew Thompson ist.
Den einzigen Schlüssel zu diesem Rätsel hält momentan also nur einer in der Hand: Josiah Caern. Der gibt Raylan und Shelby denn auch den nächsten entscheidenden Hinweis auf der Schnitzeljagd nach dem Thompson-Phantom. Der ehemalige Sheriff und jetzige Häftling Hunter Mosley (Brent Sexton) sei der einzige in ganz Harlan, der wisse, wo sich Drew aufhalten könnte.
Boyd wird von dieser neuen Information wohl nicht allzu schnell erfahren, was ihn im Wettlauf um die Suche nach Thompson um einiges zurückwerfen dürfte. Glücklicherweise kann er sich auf seine geliebte Ava (Joelle Carter) verlassen. Diese möchte einen alternativen Weg einschlagen. Durch die Erpressung des Bürgermeisters Arnold gelangt sie an zwei Einladungen zu einer exklusiven (und nicht ganz jugendfreien) Veranstaltung bei Sheriff Tillman Napier (David Andrews).
Ava Crowder, you and me, we ain't like most people
Boyd reagiert erst einmal skeptisch, stimmt jedoch bald zu, auch weil Ava schwere Gewissensbisse wegen des (angeblichen) Mordes an Ellen May (Abby Miller) plagen. Kurz bevor sie zur Party aufbrechen wollen, nimmt Boyd seine Herzensdame mit auf einen kleinen Umweg. Dort zeigt er sich von seiner weichsten Seite und macht ihr einen Heiratsantrag. Sie willigt ein.
Weniger romantisch gehen derweil der an einem massiven Drogenproblem leidende Colton Rhodes (Ron Eldard) und Johnny Crowder (David Meunier) vor. Sie prügeln rücksichtslos auf einen Freier ein, der angeblich die Prostituierte Teri (Cathy Baron) geschlagen haben soll. Nur sie und Colton wissen: Der Schläger war auf seiner verzweifelten Suche nach der quicklebendigen Ellen May.
Fazit
Nach der absoluten Highlight-Episode der letzten Woche hätte die Sorge groß sein können, dass der Nachfolger vom Niveau her etwas abfallen würde. Dem ist jedoch nicht so. Zwar gerät das Erzähltempo wieder leicht ins Stocken, die Suche nach Drew Thompson wird sich wohl nach jetzigem Stand über die komplette Staffel ziehen.
Entschädigt wird der Zuschauer jedoch durch allerfeinste Justified-Dialoge und einen wieder einmal herausragenden Walton Goggins, der zum gefühlt ersten Mal seine gefühlvolle Seite explorieren darf und damit ein tolles Kontrastprogramm zum sonst fast durchgängig wüsten Ton der Südstaatenserie aufbaut. Weiterhin positiv sind die zahlreichen historischen und popkulturellen Referenzen zu erwähnen, die Justified neben guter Fernsehunterhaltung auch den Hauch eines Bildungsprogramms verleihen.
Die im Review nicht erwähnte Geschichte um Gutterson (Jacob Pitts) und seinen Armeekumpanen Mark kam etwas aus dem Nichts, weshalb sie bisher kaum einzuschätzen ist. Ob es nur bei einer kleinen Nebengeschichte bleibt oder diese noch mit dem Haupterzählstrang verbunden wird, bleibt abzuwarten. Letzteres wäre wünschenswert und würde sicherlich dazu beitragen, den Rest der vierten Staffel zu einem runden Ende zu bringen.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 13. Februar 2013(Justified 4x06)
Schauspieler in der Episode Justified 4x06
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