Justified 4x04

Der Titel der neuen Episode The Bird Has Flown der Dramaserie Justified kann auf gleich zwei Nebencharaktere bezogen werden, die in der neuesten Ausgabe ihr wahres Gesicht zeigen. Die Hauptcharaktere Raylan Givens (Timothy Olyphant) und Boyd Crowder (Walton Goggins) stehen jedoch trotzdem gewissermaßen im Mittelpunkt der Handlung. Am Ende bleibt dennoch die Frage, wieso sich die Drehbuchautoren eine Auszeit von jeglichen größeren Erzählsträngen gönnen.
The tempter bears as much guilt as the tempted
Sollte die Geschichte rund um die Last Chance Holiness Church etwa mit dem (scheinbaren) Tod des Predigers Billy (Joe Mazzello) schon zu Ende erzählt sein? Seine trauernde Schwester Cassie (Lindsay Pulsipher) lässt sich jedenfalls vom Sheriff mit diffusen Beileidsbekundungen und halbherzigen Warnungen vor Boyd Crowder abspeisen. Über eine offene Leitung hört Boyd natürlich mit und gibt sich mit dem Ergebnis recht zufrieden.
In Billy St. Cyr ersonnen sich die Drehbuchautoren eigentlich eine interessante Figur und einen potenten Gegenspieler für Boyd, gerade weil er andere Techniken der Verführung und Überzeugung wählte als ebenjener. Dass diese Figur nun offenbar vorzeitig aus der Serie geschrieben wurde, ist überaus bedauerlich. Bleibt nur zu hoffen, dass Cassie zu einer ungemütlichen Gegenspielerin Boyds avanciert. Ein verstohlener Blick auf diverse Rechercheportale scheint jedoch eine positive Entwicklung zu verraten.
Da die Kirche mit dem Tod Billys und damit ihres strahlenden Primus vor dem Ende steht, scheinen auch Boyds größte Probleme aus der Welt geschafft zu sein. Ihm und seiner Frau Ava (Joelle Carter) kommt jedoch die scheinbar kurzzeitig von der schiefen Bahn abgekommene Ellen May (Abby Miller) zugelaufen, die um ihren alten Job (hauptsächlich als Prostituierte, Drogendealerin und Mädchen für alles) bittet. Nach reiflicher Überlegung entscheidet sich Ava dagegen, bietet ihr jedoch eine Alternative an. Boyds Onkel besitze in Alabama ein einfaches Motel, in dem sie ehrliche Arbeit verrichten könne.
Über diese Nachricht ist Ellen jedoch so gar nicht erfreut. Sie kenne nur ein Zuhause und das sei nun einmal Harlan, Kentucky. Bitterlich beteuert sie, niemals auch nur ein Sterbenswörtchen über ihren gemeinsamen Mord am Zuhälter Delroy (in der dritten Staffel: William Mapother) zu verlieren. Ava bleibt jedoch eisern und schickt die völlig am Boden zerstörte Ellen mit Colton (Ron Eldard) als Begleiter nach Alabama. Der diabolische Boyd hat für die ganze Szenerie nur ein hämisches Lachen übrig. Walton Goggins spielt ihn wieder einmal perfekt als personifiziertes Ekelpaket.
I just want to go home
Die Überfahrt in das südlich gelegene Alabama nimmt jedoch eine überraschende Wendung. Colton wird von Ava instruiert, Ellen umzubringen. Als sich dieser auf einer Raststättentoilette mit einer Nase Kokain für den bevorstehenden Mord an einer (recht) Unschuldigen aufputscht, scheint Ellens Überlebensinstinkt einzusetzen. Das Mädel ist wohl gar nicht so einfach gestrickt, wie ihre Schauspielerin sie porträtiert. Jedenfalls gelingt ihr die Flucht vor ihrem vermeintlichen Häscher. Wie Ellen May mit ihrem Wissen über den Mord an Delroy umgehen und damit für Ava und Boyd gefährlich werden wird, könnte Stoff für einen spannenden neuen Handlungsstrang liefern.
Raylan macht sich unterdessen gemeinsam mit seiner Kollegin Rachel (Erica Tazel) auf die Spur seiner vermeintlichen Freundin Lindsey (Jenn Lyon) und deren Ehemann Randall Kusick (Robert Baker). Randall plant, mit dem von Raylan erbeuteten Geld ins Hahnenkampfgeschäft einzusteigen. Beim örtlichen Möchtegerngangster Joe Hoppus (Joshua Close) fordert er einen schnellstmöglichen Zugang zum „Kentucky Gold Deluxe Fight Package“, einer ganzen Armada hochgezüchteter Kampfhähne, die angeblich unbesiegbar sind.
Über Hoppus finden Raylan und Rachel den Hahnenzüchter. Den entscheidenden Hinweis zu Randalls Verbleib gibt ihnen jedoch Lindsey selbst. Weil Randall einen romantischen Moment nicht einfach genießen kann, ohne seine Eifersucht in den Weg kommen zu lassen, scheint Lindsey zu dämmern, mit welch einem unkontrollierbaren Kraftmeier sie sich erneut eingelassen hat. Also meldet sie sich bei Raylan, kann jedoch nur eine kurze Mailboxnachricht absetzen.
Raylan, von seiner Partnerin mit einer Gummigeschoss-Pumpgun ausgestattet, gelingt es kurze Zeit später, die beiden aufzuspüren. Die Drohgebärden des Hünen lässt er dann nicht lange über sich ergehen und jagt ihm kurzerhand ein erstes Gummigeschoss in die Magengegend. Dennoch kommt es zum Faustkampf zwischen den beiden, den Raylan zu verlieren droht. Bis Lindsey sich die Pumpgun schnappt und beiden eine Salve verpasst, sich letztendlich jedoch für Raylan entscheidet und ihm bei der Verhaftung Randalls behilflich ist. Im Gegenzug lässt Raylan sie ziehen und verabschiedet sich dabei auch gleich von seinem Geld, dessen Verlust er sich mit einem Verweis auf höheres Schicksal schönredet. Eine unspektakuläre vierte Episode endet und hinterlässt einen etwas ratlosen Zuschauer.
Fazit
Die Episode The Bird Has Flown entlässt seine Zuschauer mit gemischten Gefühlen. Die Geschichten um den Prediger Billy, Raylans love interest Lindsey und deren Ehemann Randall scheinen schon zu Ende erzählt. Zumindest von der Kirchengeschichte hätte man sich einen staffelübergreifenden Handlungsstrang gewünscht. Als letzte Hoffnung bleibt Cassie St. Cyr, die den Tod ihres Bruders sicherlich nicht ungesühnt lassen will.
Zum wiederholten Male ausgesprochen gelungen sind die vom Drehbuch vorgegebenen Dialogzeilen. Wie sich Randall und Joe Hoppus gegenseitig verbal beharken, daraus könnte man glatt ein Hörbuch machen, es würde nicht langweilig werden. Auch Raylan und Boyd bekommen mit schöner Regelmäßigkeit solche Wortsalven in den Mund gelegt, womit sich die Drehbuchautoren selbst ein Markenzeichen auf den Leib schneidern.
Bei aller Fast-Lobhudelei für die Dialoggestaltung im Drehbuch kommt darin der dramaturgische Aspekt leider etwas zu kurz. Mit keinem Wort darüber wird der alles überlagernde Erzählstrang rund um Drew Thompson völlig ausgeblendet. Raylan, Gutterson (Jacob Pitts) und Mullen (Nick Searcy) bekommen eine wenig verständliche Verschnaufpause. Warum dies in der vierten Episode einer nur dreizehnteiligen vierten Staffel so sein muss, ist nicht wirklich offensichtlich.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 2. Februar 2013(Justified 4x04)
Schauspieler in der Episode Justified 4x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?