Justified 4x02

Es dürfte wohl Zufall sein, dass just in der Woche eine neue besorgniserregende Nachricht (Zeit Online-Artikel) über Suizide in der US-Armee die Runde machte, in der die neue Episode Where's Waldo? des Südstaatendramas Justified ein verwandtes Problem thematisiert. In wenigen Nebensätzen einzelner Darsteller lassen die Autoren anklingen, wie schwierig der Soldatenalltag während des Krieges und vor allem nach der Rückkehr aus ebenjenem ist.
There ain't no salvation for people like us
Geschickt verweben die Drehbuchautoren ihre Kritik der amerikanischen Kriegspolitik scheinbar nebensächlich in scheinbar harmlosen Konversationen. Der Chef des Marshal-Büros von Harlan, Art Mullen (Nick Searcy), klärt seinen potentiellen Nachfolger Patrick Massett (Don Harvey) aus dem vier Autostunden entfernten Bowling Green über die Probleme seiner Mitarbeiter, die als Chef auch seine Probleme seien, auf. Unter anderem sei darunter ein hochdekorierter Scharfschütze aus dem Irakkrieg, der unter dem posttraumatischen Stresssyndrom leide und zudem Alkoholiker sei.
Mullen bezeichnet diesen als wandelndes Pulverfass. Dies kann in zweifachem Sinne interpretiert werden: Entweder fügt sich der Betroffene selbst Schaden zu beziehungsweise begeht Suizid oder er explodiert vollends und richtet seine Waffe auf Unschuldige. Für beide Szenarien gibt es allerlei traurige Beispiele aus der Realität.
Weitere Erwähnung findet dieses sozioökonomische Problem in der Geschichte rund um Boyd Crowders (Walton Goggins) stockenden Drogenhandel. Der von ihm als go-to-guy eingesetzte Exsoldat Colton Rhodes (Ron Eldard) erwischt einen kleinen Straßendealer und Junkie dabei, wie er auf Boyds Territorium Heroin verkauft. Er habe den Süchtigen sofort an seinem Gang erkannt. Das Auge dafür hat er laut eigener Aussage nach seiner Versetzung von Irak nach Afghanistan bekommen, wo die langfristig stationierten Soldaten das Heroin als Ventil ihrer Erlebnisse und Frustrationen für sich entdeckt hätten.
Aus welcher Gesellschaftsschicht diese Soldaten überwiegend rekrutiert werden, wird dann in einem anderen Handlungsstrang offensichtlich: unter den amerikanischen working poor beziehungsweise der ärmsten, auf staatliche Hilfe angewiesenen Unterschicht. Auf der Suche nach dem ominösen Waldo Truth treffen Raylan (Timothy Olyphant), Mullen und Tim Gutterson (Jacob Pitts) auf die Familie des Gesuchten. Schnell fliegt deren Haupteinnahmequelle auf: Das als Waldo Truth posierende männliche Oberhaupt der Familie sammelt seit 15 Jahren die Schecks der Arbeitsunfähigkeitsversicherung des Verschwundenen ein.
Als die drei Marshals ihre nötigen Informationen erhalten haben, lassen sie die Vorzeige-Hillbillyfamilie denn auch in Frieden. Nach kurzer Recherche finden sie heraus, dass der in der Auftaktepisode Hole in the Wall abgestürzte Fallschirmspringer Waldo Truth gewesen sein müsse. Die Spur führt weiter zu einem gewissen Drew Thompson, einem Piloten, der seit Jahrzehnten wegen Drogenschmuggels gesucht werde und der erste gewesen sei, der Kokain nach Harlan gebracht habe. Die einzige Verbindung, die sie zu Thompson herstellen können, ist Raylans einsitzender Vater Arlo Givens (Raymond J. Barry).
I don't like churches, Ava
Boyd hat unterdessen ganz andere Probleme zu bewältigen. Einerseits ist ihm die Last Chance Holiness Church des Predigers Billie (Joe Mazzella) ein schmerzender Dorn im Auge. Nach kurzer Nachforschung bei dem ihm wohlgesinnten Sheriff Shelby Parlow (Jim Beaver) erkennt er das kirchliche Geschäftsmodell. Diese ziehe von einer von wirtschaftlicher und sozialer Deprivation gebeutelten Kleinstadt zur nächsten. Dort höhle sie so lange die Konsumentenbasis der lokalen organisierten Kriminalität aus, bis es für diese keine andere Möglichkeit gebe, als die Kirche mit einer stattlichen Summe auszuzahlen und sie so zum Weiterziehen zu animieren.
Andererseits brechen die Absatzzahlen seines Drogengeschäfts weiter ein, weil der bereits erwähnte Dealer Danny Heroin auf seinem Territorium vertickt. Er findet heraus, dass dessen Zulieferer der altbekannte Wynn Duffy (Jere Burns) aus Frankfort, der Hauptstadt von Kentucky, ist. Als er diesen zu sich bittet und ihm eine Partnerschaft im Heroingeschäft vorschlägt, lehnt der zunächst ab. Kurz zuvor hatte er schon in kaltblütiger Manier kurzen Prozess mit dem „freelancenden“ Danny gemacht.
Dem Problem der Kirche wird sich Boyd derweil wohl intensiver annehmen müssen. Bei einer offenen Konfrontation während eines Gottesdienstes begegnet er dem Prediger auf dessen intellektuellem Niveau. Abschließend zitiert er sogar das Alte Testament, namentlich Johannes den Täufer, und bezichtigt Billie, ein falscher Prophet zu sein. Dieser reagiert jedoch überraschend schnell und nimmt Boyd damit vorerst den Wind aus den Segeln. In Billies Schwester Cassie (Lindsay Pulsipher) erkennt Boyd allerdings das Gehirn der Operation. Inwieweit diese Information ihm zukünftig nutzen wird, weiß er selbst noch gar nicht so genau. Vorerst beißt er jedenfalls bei beiden auf Granit.
Bleibt noch ein vorerst mysteriöser Fremder namens Randall (Robert Baker) zu erwähnen. Der taucht zu Beginn der Episode Where's Waldo? in Lindseys (Jenn Lyon) Bar auf, wo er lediglich auf ihren Liebhaber Raylan trifft. Nach einem kurzen verbalen Schlagabtausch verschwindet er wieder und wendet sich seinem Tageserwerb zu, den backyard barenuckle fights. Schnell stellt er sich als versierter Kämpfer heraus. Doch dies ist nicht das einzige Detail, worauf sich die Geschichte in den kommenden Episoden konzentrieren wird: Er ist außerdem Lindseys Ehemann.
Fazit
Neben der bereits erwähnten unterschwelligen Kritik der soziopolitischen Kultur in den USA besticht auch die neue Episode von Justified mit einem herausragenden Drehbuch. Die verbalen Auseinandersetzungen freundlich-neckischer als auch einschüchternd-aggressiver Gangart sind von durchgehend hoher Qualität. Die Kritik wird nicht offensiv plakatiert, sondern subversiv in Nebensätzen formuliert. Dies regt den Zuschauer einerseits zum Nachdenken an, stört andererseits aber auch nicht den flüssigen Fortlauf der Geschichte.
Für die gelungene Umsetzung der Drehbücher sind jedoch die hervorragenden Schauspieler zuständig. Auf die Gefahr hin, als broken record gebrandmarkt zu werden, muss an dieser Stelle wieder einmal der außergewöhnliche Walton Goggins erwähnt werden. Wie er seinen Boyd Crowder als Mix aus tüchtigem Unternehmer, konfrontativem Ekelpaket und besorgtem Mitbürger porträtiert, ist ein ums andere Mal äußerst sehenswert.
Die Geschichte der zweiten Episode der vierten Staffel von Justified entwickelt sich an mehreren Enden in interessante Richtungen. Der Konflikt zwischen Boyds kriminellem Unternehmen und der Kirche läuft unweigerlich auf eine zugespitzte Konfrontation hinaus, während für Raylan scheinbar alle Wege zurück zu seinem schwerstkriminellen Vater führen. Der Erzählstrang rund um die mysteriösen Kokainschmuggler bietet einigen Stoff für spannende Episoden, die durch den frisch aufgetauchten, bisher von ihr verschwiegenen Ehemann von Lindsey Salazar eine besondere dramaturgische Würze erhalten könnten.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 16. Januar 2013(Justified 4x02)
Schauspieler in der Episode Justified 4x02
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