Justified 4x01

Die Auftaktepisode Hole in the Wall der vierten Staffel des Südstaatendramas Justified beginnt mit einer Rückblende in das Jahr 1983. Mitten in einer vorstädtischen Wohnsiedlung stürzt ein Fallschirmspringer ab, der offensichtlich Kokain zu schmuggeln versuchte. Der heraneilende Zeuge des Absturzes findet eine Tasche bei ihm.
You stay frosty.
Diese Tasche soll im Verlauf der Episode immer mehr in den Mittelpunkt der Handlung rücken. „Mr. Cool Smooth persönlich“, Raylan Givens (Timothy Olyphant), befindet sich gerade auf einer kleinen außerberuflichen Geschäftsreise, um einer alten Bekannt- und Liebschaft einen Gefallen zu erfüllen und gleichzeitig seine Haushaltskasse etwas aufzubessern. Da erreicht ihn ein Anruf des liebenswürdig-unbedarften Constable Bob Sweeney (ein äußerst gelungener Gastauftritt: Patton Oswalt), den er mit der Bewachung seines leerstehenden Elternhauses beauftragt hat.
In der Nacht zuvor habe er Einbrecher vom Grundstück vertrieben, vermutlich handle es sich um gewöhnliche Kupferdiebe. Als Raylan jedoch einen genaueren Blick in das Haus wagt, das seit der Verurteilung seines Vaters Arlo (Raymond J. Barry) zum Verkauf steht, entdeckt er ein Loch in der Wand. Die Einbrecher waren offensichtlich auf der Suche nach etwas Bestimmtem, nämlich der mysteriösen Tasche des Bruchpiloten von vor 30 Jahren. Ihr einziger Inhalt ist ein Führerschein aus Kentucky, ausgestellt im Jahre 1979 auf einen gewissen „Waldo Truth“.
Die Nachforschungen bei seinem Vater im Gefängnis bringen Raylan nicht wirklich weiter, auch weil die Beziehung der beiden mit „eisig“ noch recht wohlwollend umschrieben werden kann. Arlo weigert sich strikt, nähere Auskünfte zu der Tasche zu geben, verrät sich dann aber doch. Er weiß genau, welches Geheimnis dahintersteckt. Zum Ende der Episode wird dieses Wissen einem Mitinsassen zum Verhängnis werden. Dem Zuschauer werden hier die ersten Klänge eines staffelübergreifenden Erzählstrangs präsentiert, der sich mit seiner Auflösung wohl bis zum Ende Zeit lassen wird.
Dies gilt wohl auch für die Geschichte um Prediger Billy (Joseph Mazzello), den die Autoren im Verlauf der Episode zwar mehrfach erwähnen, dessen Auftritt sie sich jedoch bis zum Ende aufsparen. Mit einer giftigen Klapperschlange hantierend versucht er, seine alten und neuen Jünger zum Glauben an Gott und Jesus zu bekehren, diese zu „retten“, von ihren Sünden zu befreien und auf den rechten Weg des Glaubens zu geleiten.
Truth always sounds like lies to a sinner
Zwei seiner Neujünger haben dabei jedoch einen langen Weg vor sich, denn aktuell sind sie das genaue Gegenteil eines tugendhaften Gläubigen (was auch immer das genau bedeuten mag). Die eine, Ellen May (Abby Miller), verdient ihr Geld als Prostituierte, ist schwer drogenabhängig (Kokain, Crystal Meth, Oxycontin, you name it) und hat soeben einen ihrer Freier mehrfach angeschossen, weil dieser sich in einem Bärenkostüm verkleidet und ihr damit einen Riesenschrecken eingejagt hatte.
Der andere, Hiram, vertickt Oxycontin, ein starkes Schmerzmittel, das bei Überdosierung eine narkotisierende Wirkung entfaltet und wegen seiner Erschwinglichkeit besonders bei ärmeren Gesellschaftsschichten beliebt ist. Sie beide gehören jedenfalls zum kriminellen Netzwerk von Boyd Crowder (Walton Goggins), dem in mehreren Genres belesenen (zitiert John Maynard Keyner (Ökonomie) und Isaac Asimov (Science-Fiction)) und stets seine geistige Überlegenheit ausspielenden Hitzkopf. Während die Suche nach Gott für Ellen May auch nach ihren jüngsten Fehltritten und einer Abmahnung durch Boyds nicht weniger schlagfertige Ehefrau Ava (Joelle Carter) weitergeht, muss sich Hiram leider von der Erlösung aller Sünden verabschieden.
Da er sich in der unglücklichen Situation befindet, Boyd Geld zu schulden, hat er plötzlich ein Stück Dynamit zwischen seinen Beinen liegen. Kurz bevor die brennende Lunte ihr Ziel erreicht, sprudelt das Geldversteck aus ihm heraus. Leider vergeblich, denn Boyds neu angeheuerter Desert-Storm-Kumpel Colton Rhodes (Ron Eldard) versteht dessen Anweisung, sich um Hiram zu kümmern, falsch und erschießt ihn kurzerhand. Ein leichtes Schmunzeln über so viel schwarzen Humor kann sich der eine oder andere Zuschauer nach dieser Szene sicherlich nicht verkneifen.
Fazit
Spätestens der einmal mehr äußerst gelungene Vorspann stimmt perfekt auf die kommende Dreivierteilstunde von Justified ein. Eingängige Südstaatenklänge, kombiniert mit grafisch verschönerten Aufnahmen und einem thematisch passenden Dirty-South-Rap setzen den Grundton für dieses mal witzige, mal düstere, aber allzeit unterhaltsame Gesellschaftsdrama.
Auch die Charaktere schaffen es spielend, die Zuschauer für sich zu gewinnen. Der obercoole Marshal Raylan Givens wandert zwar bisweilen auf dem schmalen Grat zwischen überzeugender Darstellung und Karikatur, seinem Darsteller Timothy Olyphant gelingt es jedoch, durch eine gewisse unterschwellige Verletzlichkeit und Empathie für seine Helfer (und auch Gegenspieler) einem Absturz in die einsame Coolnessfalle zu entgehen.
Einem weiteren Hauptdarsteller glückt in der Auftaktepisode Hole in the Wall hingegen eine schauspielerische Glanzleistung. Wie Walton Goggins als Boyd Crowder seine Figur zwischen intellektueller Hybris, krimineller Großmannssucht und einem sehr niedrigen Erregungspotenzial porträtiert, ist absolut sehenswert.
Außerdem sollten an dieser Stelle die herausragenden Nebendarsteller erwähnt werden. Allen voran Patton Oswalt als redseliger und sich selbst überschätzender Wachtmeister Bob liefert ein verbales Kleinod nach dem anderen ab („Don't stonewall me, asshole.“).
Justified erlaubt vor allem dank seiner Charaktere einen interessanten Einblick in die - dem europäischen Zuschauer ansonsten recht verschlossene - Südstaatenwelt mit ihren eigenen Regeln und ihrer speziellen Auffassung von Recht und Gesetz. Meistens scheint dort nämlich immer noch das Recht des Stärkeren zu gelten, oder besser: Das Recht desjenigen, der die größere Kanone zieht.
Die Geschichte der Auftaktepisode dient jedenfalls zur Einführung der staffelübergreifenden Haupterzählung. Raylan Givens wird es auf der Suche nach der Lösung des Familiengeheimnisses sicherlich das eine oder andere Mal mit dem etwas unheimlichen Prediger Billy zu tun bekommen. Wie Boyd Crowder mit diesem Erzählstrang in Verbindung gebracht werden wird, ist noch nicht ganz klar, wird sich aber in den kommenden Episoden herauskristallisieren. Der Staffelauftakt macht also definitiv Lust auf weitere unterhaltsame Geschichten aus Harlan, Kentucky.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 9. Januar 2013(Justified 4x01)
Schauspieler in der Episode Justified 4x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?