House of Cards 4x04

Überraschende Plottwists sind ein beliebtes Mittel des seriellen Erzählens - erst kürzlich haben wir Seriejunkies-Redakteure ihnen eine eigene Fotostrecke gewidmet. Manchmal sind sie aber auch ein Indiz für die Einfallslosigkeit eines Autorenteams. Wenn die Geschichte gerade in einer Sackgasse angekommen ist, packt man eben den Wendehammer aus, lässt das Publikum atemlos zurück - und hofft darauf, dass es sich nicht allzuviele Gedanken darüber macht.
Too many people barking in my ear
So könnte es auch bei der Konzeption der House of Cards-Episode Akt der Verzweiflung geschehen sein. In dramaturgischer Hinsicht besonders gut vorbereitet ist der Anschlag auf Präsident Underwood (Kevin Spacey) nämlich nicht. Dafür bringt er neuen Schwung in die Serie, was diese angesichts der ersten Minuten der Episode offensichtlich nötig hat. Nun ist eine neue Ausgangssituation geschaffen, die spannende Konstellationen verspricht - vor allem aber einen dicken Strich durch die Rechnung von Claire Underwood (Robin Wright) macht.
Bevor solche Gedanken aber angestrengt werden müssen, gibt es die üblichen Machtspielchen in und um das Weiße Haus. Frank versucht, Claires Forderung auf die Vizepräsidentschaft zu umgehen, indem er deren Beraterin Leann Harvey (Neve Campbell) zu seiner Beraterin machen will. Die durchschaut das Spiel jedoch sofort und bleibt an der Seite ihrer Arbeitgeberin, obwohl sie bei der innerfamiliären Konkurrenz weit mehr verdienen würde. Damit ist sie eindeutig die erste Figur der Serie, die nicht nach rein opportunistischem Maßstab agiert. Herzlichen Glückwunsch!
Als Antwort auf Franks Abwerbeversuch formuliert Claire einen handgeschriebenen Brief, in dem sie damit droht, am Super Tuesday zu verkünden, sich von Frank scheiden lassen zu wollen, sollte er sie nicht zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin machen. Diese Konstellation wird jedoch bald darauf auf den Kopf gestellt. Wie sich herausstellt, ist Claires Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn) nämlich nicht die einzige Mörderin in dieser Episode. Während sie sich damit begnügt, einem Salamander den Garaus zu machen, ist Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus) offensichtlich so verzweifelt, dass er keinen anderen Ausweg sieht, als sein eigenes Leben zu opfern, um sich an Frank Underwood zu rächen.

Diese Handlungsentwicklung ist leider nicht ausreichend vorbereitet worden, weshalb die positive Überraschung darüber nur kurz währt. Es ist nicht besonders glaubwürdig, dass Goodwin so verzweifelt ist, dass er einen Todeswunsch hegt. Ja, ihm wurde übel mitgespielt - aber sein Leben zeigte doch gerade wieder Anzeichen der Besserung. Er wurde aus dem Gefängnis entlassen und lebte mit neuer Identität in Ohio. Auch wenn das noch lange kein Idealzustand ist, so müsste es doch ausreichen, um sich nicht vom ersten Stolperstein im Rachefeldzug gegen Underwood völlig aus der Bahn werfen zu lassen und jeglichen Lebensmut zu verlieren.
Stick to being First Lady
Frank überlebt jedenfalls schwerverletzt, wobei wir fest davon ausgehen können, dass er nicht sterben wird. Schlimmer erwischt es indes seinen Bodyguard Meechum (Nathan Darrow), mit dem er kurz zuvor noch die Inneneinrichtung des Weißen Hauses umgestaltet hatte. Jede Wette, dass wir am Ende der Staffel eine Szene bekommen werden, in der Frank schwermütig auf die Handumrandung von Meechum schauen wird, die er an die Wand gemalt hat. Es ist nicht ganz einfach, über diesen Tod traurig zu sein, wurde aus Meechum - mit Ausnahme der wenigen Szenen, in denen eine homoerotische Beziehung zwischen ihm und Frank angedeutet wurde - doch nie eine echte Figur.
Als präsidentieller Ersatzmann muss nun der bemitleidenswerte Donald Blythe (Reed Birney) einspringen, der ab der ersten Szene offenbart, wie heillos überfordert er mit der neuen Verantwortung ist. In diesem Zustand eignet er sich perfekt als Marionette für die eiskalte Claire, die sofort weiß, wie sie das Machtvakuum zu ihren Gunsten ausnutzen kann. Sie überredet Blythe zu einem außenpolitischen Manöver, das noch gewagter ist als das, was Frank mit dem russischen Exilanten Milkin (Leonid Citer) geplant hatte. Dessen Flug, der eigentlich nahe der russischen Grenze in die estnische Hauptstadt Tallinn führen sollte, wird nun nach China umgeleitet, weil sich Claire davon irgendeinen Vorteil, der irgendetwas mit russischem Öl zu tun hat, erhofft.
Oder sie nutzt Blythe einfach nur, um die Administration schlecht aussehen zu lassen. Was genau sie plant, ist derzeit jedenfalls kaum festzustellen. Nur über eines können wir uns sicher sein - am Ende wird es ihr nutzen. Woher all diese ruchlose Durchtriebenheit stammen könnte, erfahren wir indes in einer früheren Szene, in der Elizabeth ihre Form der mütterlichen Fürsorge praktiziert. Die Nachricht über den Anschlag auf Frank kommentiert sie knapp mit: „I hope he dies.“ Von der tollen Postrockband Explosions in the Sky gibt es den Song The Earth Is Not a Cold Dead Place - das Herz der meisten Protagonisten aus House of Cards aber schon.
Von der Episode Akt der Verzweiflung bleibt vor allem die Befürchtung, dass es nun ebenso hanebüchen weitergeht. Sollte es einen noch größeren Plottwist als den Anschlag auf die Hauptfigur der Serie geben, kennt ihn das „HoC“-Autorenteam bestimmt schon. Ob sich daraus aber wirklich eine spannende, halbwegs nachvollziehbare Geschichte stricken lässt, bleibt fraglich.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 25. März 2016(House of Cards 4x04)
Schauspieler in der Episode House of Cards 4x04
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