House of Cards 2x05

House of Cards 2x05

Die mitreißende vierte Episode der zweiten Staffel von House of Cards wird von einem 18. Kapitel gefolgt, das verwirrender kaum sein könnte. An dieser Episode wird offenbar, dass die Serie bisweilen glaubt, sie müsste sich immer ausgefeiltere Winkelzüge ausdenken.

Ein neuer Gegenspieler für Frank Underwood: Xander Feng (Terry Chen) / (c) Netflix
Ein neuer Gegenspieler für Frank Underwood: Xander Feng (Terry Chen) / (c) Netflix

Nach Sichtung des 18. Kapitels von House of Cards (deutscher Titel: „Die Brücke“) raucht mir der Kopf. Auch nach mehrmaligem Wiederholen entscheidender Szenen ist mir immer noch nicht ganz klar, was die Zusammenhänge zwischen den Handelsgesprächen mit China, der Flexibilisierung von Wechselkursen, einer Brücke in Long Island und einer Raffinerie für Seltene Erden sind. Warum finden Hintergrundgespräche mit einem korrupten chinesischen Telekommunikationsmilliardär während der Nachstellung einer Schlacht des amerikanischen Bürgerkriegs statt?

Viele offene Fragen

Wieso genau geht Frank Underwood (Kevin Spacey) aus dieser Auseinandersetzung mit Raymond Tusk (Gerald McRaney) und Präsident Walker (Michael Gill) als Sieger hervor? Zumindest insinuiert er das selbst - mit den gewohnt martialischen Worten, die er in Momenten des Triumphs so gerne wählt: „And the butchery begins.“ Diese fünfte Episode der zweiten Staffel von House of Cards ist ein heilloses Durcheinander. Sie offenbart exemplarisch, wo die größten Schwachstellen des Politthrillers liegen.

Die Serie will intelligent sein, indem sie möglichst viele politische Manöver und Winkelzüge in eine Episode packt. Sie will schockieren, indem sie Charaktereigenschaften möglichst plakativ darstellt. Im achtzehnten Kapitel verschmelzen all diese Ansprüche jedoch zu einem großen unübersichtlichen Plotmonster, das wohl nur derjenige missachten kann, der sich die Serie in einer großen Binge-Sitzung reinzieht und sich über einzelne Plotelemente keine Gedanken macht. Als Rezensent, der einzelne Episoden auseinandernehmen soll, muss man sich diesen verzwickten Erzählsträngen und Handlungsbögen jedoch mit voller Hingabe widmen.

Was House of Cards auch in der zweiten Staffel noch nicht wirklich verstanden hat, ist die einfache Wahrheit, dass alle anderen Qualitätsserien keinesfalls das größte Augenmerk auf verzwickte Plotkonstruktionen legen, sondern der schlüssigen Charakterzeichnung Vorrang lassen. Nachdem dies in der vergangenen Episode mit dem Handlungsbogen rund um das Interview von Claire Underwood (Robin Wright) gelungen war, kehrt diese Episode nun zu ihrem alten Habitus zurück, möglichst viel Handlung in eine Dreiviertelstunde zu quetschen. Doch wozu? Was ist das Ziel? Am Ende einer jeden Episode steht meist sowieso Frank Underwood als strahlender Sieger da. Glauben die Autoren ernsthaft, dass sich irgendein Zuschauer von diesen verwirrenden Handlungselementen unterhalten fühlt?

Die Streitgespräche zwischen Feng (Terry Chen; l.) und Frank (Kevin Spacey) sind schwer zu verstehen. © Netflix
Die Streitgespräche zwischen Feng (Terry Chen; l.) und Frank (Kevin Spacey) sind schwer zu verstehen. © Netflix

Ich will mich einmal an der Entwirrung dieser vielen Erzählstränge versuchen. Zu Beginn sehen wir den chinesischen Unternehmer und Abgesandten der Regierung, Xander Feng (Terry Chen), beim kostspieligen Liebesspiel (10.000 Dollar!) mit zwei Prostituierten. Er hat eine Plastiktüte über dem Kopf, wir wissen sogleich: Der Mann steht auf sexuelle Erstickungsspiele! Wozu bekommen wir jedoch diese Minicharakterisierung? Wem hilft es, zu wissen, dass der vorlaute und selbstbewusste chinesische Verhandlungspartner Frank Underwoods eigenwillige sexuelle Praktiken bevorzugt?

Grundkurs in Volkswirtschaftslehre

Meine dunkle Vorahnung verrät mir, dass Frank dieses kleine Geheimnis herausfinden könnte, um Feng damit später zu erpressen. Aber könnte dem das Ganze nicht vollkommen egal sein? Und wen in der amerikanischen oder chinesischen Regierung würde es überhaupt interessieren, welche Sexualpraktiken Feng bevorzugt? Ich bewege mich hier auf rein spekulativem Gebiet, sollte die Szene jedoch keine weitere Relevanz haben, hätte Anton Tschechow seine Erzähltheorien wohl völlig umsonst aufgestellt. Diese zunächst unnötige Szene beiseite, tritt Feng - ein Geschäftspartner von Franks Gegenspieler Raymond Tusk - mit Frank Underwood in Verhandlungen.

Auf dem Programm steht zunächst der Währungsstreit zwischen den USA und China. Um hier für etwas realpolitische Abhilfe zu schaffen: Die USA werfen der chinesischen Regierung seit Jahren Währungsmanipulation vor. Die chinesische Zentralbank würde den Wechselkurs des Yuan künstlich niedrig halten, um Exporte anzukurbeln. Beweise können die Amerikaner dafür freilich nicht liefern. Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt befinden sich in einem beiderseitigen Abhängigkeitsverhältnis. China ist auf die USA als größter Exportabnehmer angewiesen, gleichzeitig sind die Amerikaner auf Geldgeber China angewiesen. Das Riesenreich ist der größte Gläubiger der USA.

So setzt Feng in House of Cards bei den Verhandlungen um eine Klage der Amerikaner bei der Welthandelsorganisation WTO ein Druckmittel ein: Sollten die Amerikaner ihre Klage nicht zurückziehen, investiere die Volksrepublik nicht in ein Brückenprojekt in Long Island, New York. Das Projekt ist für Präsident Walker besonders wichtig, weil er sich vor allem einen Ausbau der amerikanischen Infrastruktur auf die Fahnen geschrieben hat. Hinter den Kulissen bittet Feng nun jedoch Underwood darum, die Klage bei der WTO nicht zurückzuziehen. An diesem Punkt wird es richtig kompliziert. Underwood vermutet, Feng und Tusk steckten unter einer Decke und würden aus reinem Eigeninteresse handeln: Eine Flexibilisierung der Wechselkurse (die nach einer Klage bei der WTO eventuell durchgesetzt werden könnte?!?) würde die Zinsraten in China flexibilisieren, was wiederum zu einer verringerten Inflation in der Volksrepublik führe. Sowohl Feng als auch Tusk würden davon profitieren (geringere Inflation = höhere Kaufkraft = mehr Konsum). Profitieren aber nicht beide auch davon, dass China seine Wechselkurse (angeblich) abwertet? Das einzige, was man davon wirklich mitnehmen kann: Ohne VWL-Grundstudium kommt man der Handlung kaum noch hinterher.

Frank (Kevin Spacey) hat nicht gerade viel Spaß bei diesem Pflichttermin. © Netflix
Frank (Kevin Spacey) hat nicht gerade viel Spaß bei diesem Pflichttermin. © Netflix

Am Ende kommt es wieder zu einem (Teil-)Erfolg Underwoods: Weil Präsident Walker sich nicht sicher sein kann, welcher seiner beiden sich gegenseitig widersprechenden Berater lügt (Spoiler: Es ist Underwood), mahnt er sie ab und nimmt die Verantwortung auf sich. Er dekretiert, dass sich die USA fortan aus den WTO-Verhandlungen zurückziehen werde. Ein Punktsieg für Underwood, weil der Präsident in der Öffentlichkeit mal wieder als Verlierer dasteht.

Die übrigen Handlungsbögen

Eingebettet ist diese Geschichte in Franks Besuch einer dreitägigen Bürgerkriegszeremonie. Dabei verkleiden sich Historienfans in originalgetreuen Kostümen, übernachten stilecht in Zelten und spielen vor Publikum einzelne Schlachten nach. Frank lernt dort einen Schauspieler kennen, der seinen Vorfahren spielt. Der erklärt ihm, wie und wo der Großvater seines Großvaters gestorben ist. Später nutzt Frank die Stelle für ein geheimes Treffen mit Feng. Passend zu diesem historischen Kriegsort werfen sie sich dort gegenseitig den Fehdehandschuh zu.

Ebenso unbefriedigend wie dieser vorlkswirtschaftlich durchdrungene Erzählbogen wird die Geschichte um Claire Underwood und ihre überraschende Enthüllung aus der letzten Episode fortgeführt. Es gibt kein Statement des von Claire mit schweren Vorwürfen bedachten General McGinnis, es gibt noch nicht einmal einen öffentlichen Aufschrei. In der Realität würde ein solches Interview die höchsten medialen Wellen schlagen, in House of Cards gelingt es dem Ehepaar Underwood spielend, dem Druck der Öffentlichkeit zu widerstehen.

Hinzu kommt der Erzählstrang um Seth Grayson (Derek Cecil), der sich Zugang zum Tagebuch des verstorbenen Arztes verschafft, der Claire Underwoods Abtreibung durchgeführt hatte. Er könnte damit an die Presse gehen und sich ein goldenes Näschen verdienen - aber nein, er nutzt es lieber als Druckmittel, um sich den Job von Connor Ellis (Sam Page) zu erschleichen. Merkwürdig! Genau wie die Tatsache, dass der Arzt eine illegale Abtreibung in seinem Tagebuch vermerkt haben soll.

All diese Handlungsstränge fühlen sich so an, als würden sie nur existieren, um Frank Underwood Hürden in den Weg zu stellen, die er innerhalb von einer Episode aus dem Weg räumen muss. Nichts erscheint organisch, alles ist konstruiert und dadurch, im Endeffekt, langweilig. Beispielhaft dafür steht der Handlungsbogen um Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus), dem letzten Gegenspieler Franks, der ihm wirklich gefährlich werden konnte. Er kommt jetzt für 35 Jahre in den Knast, weil er von einem wahnsinnigen, kläffenden, meerschweinchenstreichelnden Computerhacker verraten wurde. Warum wurde der Typ so porträtiert? Welchen Zweck hatte diese Charakterzeichnung außer einem sehr zu vernachlässigenden Schockwert?

Momentan stimmt mich nur die Tatsache noch optimistisch, dass es zwischen den Episoden vier und fünf einen solch starken Qualitätsabfall gegeben hat. Im Umkehrschluss müsste dies nämlich bedeuten, dass es auch wieder zu einem ebenso abrupten Qualitätsanstieg kommen kann. Vielleicht hilft es ja, dass Frank seinen Ehering vergraben hat. Das bedeutet diese Szene doch, oder?

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 31. März 2014
Episode
Staffel 2, Episode 5
(House of Cards 2x05)
Deutscher Titel der Episode
Die Brücke
Titel der Episode im Original
Chapter 18
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 14. Februar 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 31. März 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 1. Oktober 2014
Autor
Kenneth Lin
Regisseur
John David Coles

Schauspieler in der Episode House of Cards 2x05

Darsteller
Rolle
Sebastian Arcelus
Jayne Atkinson

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