House of Cards 2x01

Wir leben in einem Zeitalter, in dem beinahe sämtliche öffentlichen Plätze, Sicherheitsbehörden, Verwaltungsgebäude und öffentliche Transportmittel per Video überwacht werden. Die Handlung der Politthrillerserie House of Cards spielt in der amerikanischen Hauptstadt Washington, DC. Ohne dies mit harten Fakten belegen zu können, gehe ich stark davon aus, dass die Hauptstadt der mächtigsten - und paranoidesten - Nation dieser Erde zu den bestüberwachten Städten der Welt gehört.
I think we should start with a clean slate
Trotzdem will uns diese Netflix-Prestigeserie nun schon zum zweiten Mal vorgaukeln, dass einer der mächtigsten Politiker dieses Landes auf öffentlichen, sehr wahrscheinlich videoüberwachten Plätzen zwei spontane, nicht von langer Hand geplante Morde begehen kann. Das ist, schlicht und ergreifend, ein erzählerisches Armutszeugnis. Ich fühle mich gerade, als müsste ich exakt die gleichen verwunderten Fragen stellen, die ich schon nach dem Mord an Peter Russo in der ersten Staffel aufgeworfen hatte: Wer braucht diesen Mord? Welcher Zuschauer hat bislang nicht begriffen, dass Frank Underwood (Kevin Spacey) das größte aller anzunehmenden Politarschlöcher ist? Welchen Mehrwert generiert die weitere Dekonstruktion des zentralen Protagonisten?
Die Szene hat nicht einmal zur Erzeugung eines echten Schockmoments beigetragen. Schließlich war sie von Beginn an so arrangiert, dass man wusste: „Gleich passiert etwas Schlimmes.“ Zoe Barnes (Kate Mara) schaut sich nervös um, Frank Underwood tritt zum ersten Mal im Undercoverkostüm auf, die musikalische Untermalung sorgt für Anspannung und Nervosität. Während des Gesprächs zwischen den beiden schickte ich mehrere Stoßgebete an den Seriengott, dass er es bloß irgendwie verhindere, dass Frank nun gleich Zoe ermordet. Sie blieben unerhört.
Diese Fehlentwicklung schon in der ersten Episode der zweiten Staffel ist eine herbe Enttäuschung, hatte ich doch große Hoffnungen in die Fähigkeiten der Autoren um Showrunner Beau Willimon gesetzt, eine Kurskorrektur vornehmen zu können und Frank Underwood fortan nicht mehr nur als Inkarnation des Teufels zu porträtieren. So langsam schleicht sich bei mir jedoch der Verdacht ein, dass Willimon (der auch das Drehbuch zu dieser Episode schrieb) entweder nicht daran interessiert ist, eine möglichst elegante und inhaltlich kohärente Geschichte zu erzählen, oder gar dazu nicht in der Lage ist.

Ein Indiz für die diese - zugegebenermaßen steile - These ist das Unvermögen, wichtige Gedankengänge, Ideen und Plot Points subtil einzustreuen. Ein gutes Beispiel dafür ist der morgendliche Besuch Franks in seinem Lieblingsrippchenladen. Inhaber Freddie (Reg E. Cathey) darf sich dabei in einem kleinen Exkurs über die richtige Schlachtungsweise von Schweinen ergehen. Die Inszenierung von Regisseur Carl Franklin ist dabei eindeutig darauf ausgelegt, dass Frank bei diesem Kurzreferat ein Licht aufgehen soll. Noch will ich die Fähigkeiten des Autorenteams nicht in Zweifel ziehen, trotzdem ist es bezeichnend, dass sie sich nun schon zum zweiten Mal der einfachsten aller Problemlösungsmethoden bedienen: Mord an einer unbequemen Figur.
It ain't legal, but -
Dabei kann die Episode außerhalb dieses dramaturgischen Fauxpas durchaus überzeugen. Die Geschichte setzt nahtlos an die Ereignisse der ersten Staffel an. Doug Stamper (Michael Kelly) erledigt an Franks Geburtstag („We don't talk about birthdays. We don't do gifts“ - nicht einmal seinen Geburtstag will Supervillain Frank feiern) weiterhin die Drecksarbeit und kümmert sich darum, dass die Prostituierte Rachel Posner (Rachel Brosnahan) von der Bildfläche verschwindet.
Als einzige neue Figur wird die Kongressabgeordnete Jacqueline „Jackie“ Sharp ( Molly Parker) in die Geschichte eingeführt. Mit ihr plant Underwood seinen nächsten Coup, wobei in der Auftaktepisode noch nicht klar wird, wieso er sich gerade sie für seine Nachfolge als Chief Whip der demokratischen Mehrheitsfraktion im Kongress herausgesucht hat. Auch als sie ihn gezielt darauf anspricht, welche Absichten er mit ihr habe, bleibt er vage: „Service background, clean history, fotogenic. The whole package. But more importantly: Ruthless pragmatism.“ Er erkennt in ihr wohl sein jüngeres Selbst - ein Wesenszug, der ihm zumindest ein wenig Menschlichkeit zugesteht. Doch lassen wir uns nicht täuschen: Frank Underwood wäre nicht Frank Underwood, wenn er mit ihrer Hilfe nicht schon den nächsten Schachzug planen würde.
Der Handlungsbogen von Franks Ehefrau Claire (Robin Wright) steuert ebenfalls in eine interessante Richtung. Auch sie versteckt ihre Motivationen hinter einigen mysteriösen Winkelzügen. So entscheidet sie sich am Ende der Episode gegen die weitere Behandlung durch eine Fruchtbarkeitsspezialistin, obwohl sie wenige Szenen zuvor noch sicher schien, ein Baby bekommen zu wollen. In der Auseinandersetzung mit ihrer früheren Angestellten Gillian Cole (Sandrine Holt) hat sie wohl aber ihren Kampfgeist und den kompromisslosen Willen zum Aufstieg wiedergefunden.

Ihr Plan hinter der martialischen Abfertigung von Gillian („I'm willing to let your child wither and die inside you if that's what's required“) und dem gleichzeitigen Friedensangebot bleibt vorerst unklar. Sie bietet Cole den eigenen Arbeitsplatz an: „I resign, you take my place.“ Deren Frage, ob es bei diesem Angebot keine Fallstricke gebe, verneint Claire entschieden. Doch auch hier wissen wir Zuschauer, dass die leichtgläubige Gillian wohl nur ein Spielball mächtiger und gewiefter Interessen ist.
Don't step out of the sunlight for no reason
Das Journalistentrio um Zoe Barnes, Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus) und Janine Skorsky (Constance Zimmer) streitet sich unterdessen um die richtige Vorgehensweise bei ihren Recherchen gegen Underwood. Skorsky will das bereits gesammelte Material veröffentlichen und so Druck auf Underwood ausüben. Lucas und Zoe hingegen wollen erst die harten Fakten recherchieren, um Underwood keine Chance zur Offensive zuzugestehen. Für Zoe endet dieses Unterfangen tödlich, Skorsky ist daraufhin so eingeschüchtert, dass sie die Flucht antreten will. Zurück bleibt nur Lucas Goodwin.
Anhand dieses Handlungsbogens wird deutlich, dass House of Cards ein sehr problematisches und unrealistisches Bild der Wechselwirkungen von Medien und Politik zeichnet. Die Verhältnisse werden dargestellt, als würde die Geschichte in einem Land spielen, indem es der Staat nicht schafft, seine Medienvertreter zu schützen und ihnen freie Berufsausübung zu garantieren. Wann ist aber in einer westlichen, demokratischen Industrienation zum letzten Mal ein Journalist ermordet worden? Ich kann mich an keinen Vorfall erinnern. Sollte dies doch einmal passieren, würden sämtliche Spuren sofort zu denjenigen führen, die mit diesem Journalisten in Verbindung standen. Underwood wäre in wenigen Tagen gefasst.
House of Cards bleibt also weiterhin auf seinem Kriegspfad. „There is but one rule: Hunt or be hunted.“ Franks Schlusswort in die Kamera fasst bündig zusammen, was der Tenor der Serie war und wohl auch bleibt. Es gibt offensichtlich keinen Anspruch darauf, den Charakteren weitere Facetten zu verleihen und die dramaturgische Eindimensionalität zu überwinden. Ob die letzte Einstellung der Episode ein Metakommentar an die Kritiker - oder gar die kritischen Zuschauer war? Darin liegen zwei Manschettenknöpfe im Bild, darauf die Buchstaben „F“ und „U“. Das steht natürlich für die Initialen der Hauptfigur. Es kann aber auch für etwas anderes stehen: „Fuck you.“
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 16. Februar 2014House of Cards 2x01 Trailer
(House of Cards 2x01)
Schauspieler in der Episode House of Cards 2x01
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