House of Cards 1x10

Nach der verlorenen Gesetzesabstimmung in der vergangenen Episode geht es in House of Cards nun an die Aufarbeitung der Niederlage. Francis Underwood (Kevin Spacey) muss sich gemeinsam mit Stabschefin Linda Vasquez (Sakina Jaffrey) einem verärgerten Präsidenten stellen. Sie will eine Teilschuld auf sich nehmen wegen ihrer unentschuldigten Abwesenheit während der heißen Phase der Gesetzesverabschiedung. Frank lässt sie jedoch nicht fallen und erklärt sich zum alleinigen Verantwortlichen für das wahltaktische Desaster.
Rebellion on all fronts
Er weiß genau: Sollte er Vasquez bei ihren privaten Problemen behilflich sein können, würde ihm dies eine weitere mächtige Verbündete bescheren. Auf dem Weg zu seinem Treffen mit den beiden Abweichlern kommt ihm dann Zoe Barnes (Kate Mara) in die Quere. Sie hat von mehreren glaubwürdigen Quellen unabhängig voneinander die gleiche erschütternde Nachricht erhalten: Der Grund für das Scheitern der Gesetzesinitiative liege in Underwoods eigener Familie. Vorerst kann und will ihr Francis nicht glauben, von den eingeschüchterten Abgeordneten bekommt er dann aber die direkte Bestätigung: Seine Ehefrau Claire (Robin Wright) hat die beiden entgegen der Absprache nicht überredet, sondern dazu ermutigt, nach freiem Wissen und Gewissen zu urteilen.

Diese Tatsache kommt für Frank einem Schlag ins Gesicht gleich. Die folgende Konfrontation mit Claire eskaliert denn auch dementsprechend heftig. Mit einem normalen Ehekrach ist diese Auseinandersetzung schwerlich zu vergleichen, dennoch verläuft sie nach ähnlichem Muster. Die beiden werfen sich gegenseitig vor, nicht genug für den anderen getan zu haben und nur ihren eigenen egoistischen Interessen gefolgt zu sein. Am Ende steht dann die große Verletzung: Frank macht seiner Ehefrau deutlich, welche ihrer beiden Karrieren die in seinen Augen eindeutig wichtigere ist. Er spricht also aus, was sie immer vermutet hat: Ihr Ehemann belächelt sie für ihre Ambitionen.
Claire weiß sich nun nicht anders zu helfen, als die Flucht zu ergreifen. Ihr Weg führt sie zu ihrer Langzeitaffäre Adam Galloway (Ben Daniels) in dessen exzentrisches Künstlerloft in New York. Zuvor kümmert sie sich jedoch noch um die Underwood'sche Reputation. Ein kurzer Besuch bei Zoe Barnes inklusive einiger mahnender Worte soll diese davon abhalten, die potentiell skandalöse Geschichte um den innerfamiliären Verrat zu publizieren. Auch Frank selbst befindet sich schon auf der Suche nach der von Zoe geforderten „noch größeren“ Story. Er wird liefern, jedoch zu einem hohen Preis.
In New York schafft es Claire schnell, in den Armen Adams ihre Alltagssorgen zu vergessen. In klischeehaft überladener Partyatmosphäre - Künstler kiffen! Künstler sind schwul! Künstler spielen Bongotrommeln! - tanzt sie durch die Nacht. Man möchte ihr beinahe zurufen: Claire, you can run, but you can't hide. In Frank wächst jedenfalls der Missmut über die Abwesenheit seiner Angetrauten. Also beauftragt er seinen Leibwächter und Fahrer Meechum (Nathan Darrow) mit deren Aufspürung. Doch eigentlich ist diese Anstrengung überflüssig: Underwood weiß genau, wohin Claire entflohen ist.
I'm not afraid of you anymore
Der größte Abstimmungsverlierer Peter Russo (Corey Stoll) befindet sich derweil im vollen damage control mode. Gegenüber Pressevertretern äußert er sein tiefes Bedauern über die Nichtverabschiedeung seines Gesetzesentwurfs und zeigt sich gleichzeitig recht dünnhäutig gegenüber kritischen Nachfragen der Journalisten. Hinter den Kulissen greift der unerfahrene Jungpolitiker jedoch zu deftigeren Methoden. In seinem gewohnten Vulgärslang macht er Frank schwere Vorwürfe für seine Niederlage. Dabei vergreift er sich jedoch schnell im Ton.
Als Russo versucht, Frank zu erpressen, brennen bei dem die Sicherungen durch, was er sich jedoch keinesfalls anmerken lässt. Peter droht, sein Insiderwissen über den Sturz des designierten Außenministers Michael Kern (Kevin Kilner) publik zu machen, sollte Frank seinen Fehler nicht schnellstmöglich ausbügeln. Das lässt der große Underwood natürlich nicht lange auf sich sitzen: „I won't be blackmailed.“

Gemeinsam mit seinem Mann fürs Grobe, Doug Stamper (Michael Kelly), heckt er einen perfiden Plan aus, der vorsieht, seinen einstigen Fahrensmann Russo in die ewigen politischen Jagdgründe zu schicken. Zu diesem Zweck zielen sie auf dessen verwundbarste Stelle: seine Alkoholsucht. Um ihn jedoch endgültig zu diskreditieren, redet ihm Underwood ein, dass es nur noch einen Weg gebe, seine Kampagne zu retten. Er müsse sich von der Watershed-Initiative entfernen und fortan als Apologet der Naturgasausbeutung auftreten. Dies käme zwar einer 180-Grad-Wendung - dem berühmten flip-flopping - gleich, sei aber seine einzige Chance, die Wähler in Pennsylvania von seiner Absicht, ihnen neue Arbeitsplätze zu verschaffen, zu überzeugen.
An diesen Passagen wird deutlich, was Peter Russo für all die wirklich mächtigen Entscheider und Strippenzieher die gesamte Zeit über war: eine Marionette, die nach Belieben verschoben, getrieben und hängengelassen werden kann. Nach seiner öffentlichen Demontage zieht Russo die Reißleine und macht das einzig Sinnvolle: sich aus dem Staub. Als Zuschauer wünscht man ihm, er möge den grausamen Politzirkus ein für alle Mal hinter sich lassen und dessen unbarmherzigen Protagonisten zurufen: „I don't give a fuck!“
Fazit
Die zehnte Episode von House of Cards ist dramaturgisch erneut hervorragend umgesetzt. Das Erzähltempo wurde zugunsten einiger stiller, nachdenklicher Momente gedrosselt. Gleichzeitig beraubt sie den Zuschauer einiger weiterer Illusionen und auch - ganz allgemein - der Hoffnung. Das düstere Bild, das die Autoren der Serie in der ersten Staffel zeichnen, wird nie auch nur ansatzweise durchbrochen.
Indem sie also auch noch dem letzten Hoffnungsträger, Peter Russo, eine positive Entwicklung verwehren, nehmen sie auch dem Zuschauer die Aussicht auf irgendeine Art von Katharsis. Ja, Politik ist korrupt, wird von den Korruptesten angeführt, belohnt die Ruchlosesten. Dies scheint jedoch die einzige Botschaft zu sein, die die Macher ihrem Publikum mitgeben wollen. Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Scheinbar erlischt es im schwarzen Loch, das da Frank Underwood heißt.
Deshalb muss man wohl schon darüber glücklich sein, dass Claire und Zoe zumindest halbwegs den Absprung geschafft haben. Zwar werden beide relativ sicher in den kalten Schoß von Onkel Frank zurückkehren, sie zeigen jedoch wenigstens teilweise menschliche Regungen. Und Russo kann man eigentlich nur dazu gratulieren, dass er diesem unendlichen Spiel aus Macht und Intrigen endlich entronnen ist - wenngleich er es nicht auf diese Weise wollte.
Um den etwas pessimistischen Ton dieses Schlussworts nicht misszuverstehen: House of Cards bleibt brillant geschrieben, inszeniert und dargestellt. Um in den Dramaolymp aufsteigen zu können, fehlen jedoch eine oder mehrere Figuren mit Identifikationspotential. Auf die Installation einer solchen haben die Autoren offensichtlich ohne Not verzichtet. Dieser Tenor hat sich schon früh angedeutet und durchzieht die gesamte Staffel. Vielleicht ist es ja das, was Amerika braucht.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 8. April 2013(House of Cards 1x10)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?