House of Cards 1x02

In der zweiten Episode des Politthrillers House of Cards zerpflückt Drehbuchautor Beau Willimon die Entstehung eines politischen Skandals in seine kleinsten Teile. Exemplarisch wird vorgeführt, in welch rasender Geschwindigkeit politische Karrieren zu Fall gebracht werden können und welche Mechanismen dahinterstecken. Die vierte Macht im Staate, die Medien - genauer: der Printjournalismus - liefern dabei ein wenig schmeichelhaftes Bild. Sie werden als reine Erfüllungsgehilfen politischer Machtinteressen porträtiert.
How very Deepthroat of you
Auf seinem Kreuzzug gegen die Verräter aus der eigenen Partei instrumentalisiert Francis Underwood (Kevin Spacey) die ambitionierte Jungjournalistin Zoe Barnes (Kate Mara) weiter zu seinen hinterhältigen Zwecken. Sein Plan zum eigenen politischen Aufstieg beinhaltet mehrere Etappen. Da er selbst als Außenminister nicht mehr in Frage kommt, muss er eine ihm und seinen (politischen und wirtschaftlichen) Interessen genehme Figur installieren. Gleichzeitig will er sich weiter als politischer Strippenzieher und vertraulicher Ansprechpartner für die amerikanische Öffentlichkeit inszenieren.
Sein Stufenplan beginnt mit der öffentlichen Diskreditierung des als Außenminister vorgesehenen Michael Kern (Kevin Kilner). Obwohl sein Büroleiter und Experte für die Aufdeckung von Skandalen, Doug Stamper (Michael Kelly), auf die Schnelle keine wirklich skandalösen Fehltritte aus Kerns Vergangenheit findet, bringt er die mediale Lawine ins Rollen. Hierzu reicht er den Leitartikel einer Universitätszeitung an Zoe Barnes weiter, den Kern als Chefredakteur dieser Zeitung wohl abgesegnet hatte.
Darin fordert der (unbekannte) Autor den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter (1977-1981) dazu auf, die israelische Regierung dazu zu bewegen, sämtliche Siedlungen im Gaza-Streifen aufzugeben. Die in dem Artikel gefallene, entscheidende Formulierung ist die Bezeichnung der Siedlungen als „illegale Besatzung“. In einer Zeit, in der die Sensibilitäten im Nahostkonflikt kaum größer sein könnten, darf sich ein amerikanischer Außenminister eine solche Formulierung keinesfalls erlauben.
Den Todesstoß für Kern liefert jedoch der Kongressabgeordnete und Verbündete Underwoods, Peter Russo (Corey Stoll). Er macht einen ehemaligen - etwas abgedrehten - Kommilitonen Kerns ausfindig, der sich nach einem durchzechten Tag mit Russo (inklusive wilder Verschwörungstheorien über sämtliche staatliche und suprastaatliche Organisationen) zu der Aussage bereit erklärt, Kern habe den Artikel verfasst. Um den Dreck, den Russo selbst am Stecken hat, kümmert sich derweil Underwoods Allzweckwaffe Stamper. Er zahlt einer von Russo frequentierten Prostituierten ein saftiges Schweigegeld.
What a martyr craves more than anything, is a sword to fall on
Während die Absetzung Kerns nur noch eine Frage der Zeit ist, macht sich Underwood an Teil zwei seines diabolischen Plans: der Installation der ihm genehmen Catherine Durant (Jayne Atkinson) als Außenministerin und der Übernahme des wichtigsten politischen Projekts der neuen Regierung: der Bildungsreform.
In der ersten Episode hatte Francis noch die öffentliche Diskreditierung des bisherigen Reformführers Donald Blythe (Reed Birney) inszeniert, nun holt er zum zweiten Schlag aus. Er bietet Blythe an, die Verantwortung für dessen durchgesickerten ersten - beinahe radikalen und politisch untragbaren - Gesetzesentwurf zu übernehmen, woraufhin dieser die gewünschte Reaktion zeigt und sich selbst als Märtyrer anbietet. Was Blythe nicht weiß, ist, dass Underwood schon längst eine Gruppe junger Bildungsexperten damit beauftragt hat, in Rekordzeit einen neuen Gesetzesentwurf zu formulieren.
Vom neuen Entwurf sind denn auch er und die Stabschefin des Präsidenten, Linda Vasquez (Sakina Jaffrey), sogleich überzeugt. Er schafft es sogar, Vasquez eine Entschuldigung für die vergangenen Ereignisse zu entlocken und ihr seine Empfehlung für Catherine Durant als neue Außenministerin unterzujubeln. Und siehe da: Francis' Wille geschehe. Nachdem Zoe Barnes den Namen Durant als potenzielle Ersatzkandidatin für Kern in die mediale Manege wirft, stürzen sich alle anderen Medienorgane sogleich darauf.
He chose money over power, the mistake that everybody in this town makes
Während der Aufstieg der von ihrer erfahreneren Kollegin Janine Skorsky (Constance Zimmer) als Twitter Twat herabgewürdigten Zoe Barnes unaufhaltsam voranschreitet, sitzen Underwood nicht nur seine Wähler und politischen Gegenspieler im Nacken, sondern auch die handfesten Interessen der US-amerikanischen Wirtschaft.
Diese treten in der zweiten Episode erstmals in Person von Remy Danton (Mahershala Ali) auf, dem ehemalige Pressesprecher Underwoods, der sich jedoch - statt für politische Macht - für das große Geld entschieden hat und nun für den Energiekonzern SanCorp. die Lobbyarbeit übernimmt. Das Unternehmen strebt vor allem Bohraufträge nach Erdgas im Ausland an und ist dafür auf eine passende Besetzung des Außenministerpostens angewiesen. Ihre Interessen behält Underwood bei jedem seiner Schritte im Hinterkopf.
Fazit
Es ist schon beinahe beängstigend, wie gut das Team aus Regisseur David Fincher, Drehbuchautor Beau Willimon und Kevin Spacey zusammenarbeitet. Die in der neuen Episode porträtierte Entstehung einer politischen Intrige lässt den Zuschauer nachdenklich werden und über die politischen Skandale im eigenen Land nachdenken. Fortan sollte man sich bei jeder „Aufdeckung“ einer politischen Affäre fragen: Cui bono? - Wem nutzt es?
Kevin Spacey gelingt auch in dieser Episode wieder einmal ein darstellerisches Meisterstück, wenngleich er es noch nicht schafft, wirkliche Sympathien für seinen hochgradig arroganten und machtgeilen Charakter Francis Underwood zu generieren. Ob dies überhaupt die Absicht war, sei dahingestellt. Eventuell sollen ihm die Szenen mit seiner nicht weniger machthungrigen Ehefrau Claire (Robin Wright) einen menschlicheren Anstrich verleihen, wirklich gelungen ist dies (noch) nicht.
Großen Spaß bereiten auch die allzu lebensfreudige loose cannon Peter Russo und der oftmals im Schatten agierende Doug Stamper. Eine Frage stellt sich jedoch zu Beginn der Dramaserie: Warum versucht keiner von Underwoods Gegenspielern, ihn mit Schmutz zu bewerfen? Darüber werden hoffentlich die kommenden Episoden Aufschluss geben.
Zu den technischen Aspekten muss bei einer Produktion mit David Fincher als Regisseur nicht viel gesagt werden. Die in unterkühlten Tönen gehaltenen Aufnahmen symbolisieren perfekt die kalte Washingtoner Politwelt, in der es wenige Freunde, dafür umso mehr Feinde gibt. Der unterlegte Score trägt zu einer weiteren Verdichtung der sowieso schon packend erzählten Geschichte bei. Bisher enttäuscht House of Cards keine einzige der durchaus hochgesteckten Erwartungen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 11. Februar 2013(House of Cards 1x02)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x02
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