House of Cards 1x09

House of Cards 1x09

Die neunte Episode von House of Cards stellt schonungslos dar, dass in der amerikanischen Politik schon längst keine Ideale, sondern nur noch knallharte Geschäftsinteressen zählen. Dabei kommt es zu einem unvorstellbaren Verrat und einer moralisch höchst fragwürdigen Offenbarung.

An gewohntem Ort treffen sich Schülerin und Meister: Zoe Barnes (Kate Mara) und Frank Underwood (Kevin Spacey). / (c) Netflix
An gewohntem Ort treffen sich Schülerin und Meister: Zoe Barnes (Kate Mara) und Frank Underwood (Kevin Spacey). / (c) Netflix

Im Mittelpunkt der neunten Episode der Politthrillerserie House of Cards steht die Erarbeitung und mögliche Verabschiedung des Gesetzesentwurfs Watershed Bill. Dieser ist von zentraler Bedeutung für die Wahlkampfkampagne des Kongressabgeordneten Peter Russo (Corey Stoll), der sich um das Amt des Gouverneurs in seinem Heimatstaat Pennsylvania bewirbt.

I preferred vodka to scotch. You should get your facts straight.

Das Gesetz soll dafür sorgen, dass mithilfe der Clean Water Initiative von Claire Underwood (Robin Wright) in dem Ostküstenstaat der dahinsiechende Delaware River wiederaufbereitet und zu einer Ressource für erneuerbare Energien wird. In der Folge dieser Wiederaufbereitung könnten mehrere tausend Jobs entstehen, die Russo dringend braucht, um die enttäuschte Werftarbeitergewerkschaft wieder auf seine Seite zu bringen.

Stabschefin Vasquez (Sakina Jaffrey) im Zwiegespräch mit ihrem go-to guy Frank Underwood (Kevin Spacey). © Netflix
Stabschefin Vasquez (Sakina Jaffrey) im Zwiegespräch mit ihrem go-to guy Frank Underwood (Kevin Spacey). © Netflix

Dabei ist ein Erfolg des unerfahrenen Jungpolitikers Russo von einer Vielzahl einzelner Faktoren und Personen abhängig. Auf seiner Wahlkampfochsentour - 22 Stationen in nur drei Tagen - wird er vom US-Vizepräsidenten Jim Matthews (Dan Ziskie) begleitet. Dieser fährt ihm erst einmal mehrmals ordentlich in die Parade. Statt sich für Russo starkzumachen, redet er bei seinen Ansprachen nur über seine eigenen Errungenschaften - er war vor seiner Nominierung zum Vizepräsidenten selbst Gouverneur des Keystone State.

Als Russo ihn mit der moralischen Rückendeckung von Frank Underwood (Kevin Spacey) damit offen konfrontiert, bricht es nach kurzem Widerstand aus ihm heraus. Als Vizepräsident fühlt er sich massiv unterfordert, er werde lediglich als Maskottchen durchs Land gekarrt, um die Massen bei Laune zu halten und den generösen Staatsonkel zu spielen. Mit einer kurzen leidenschaftlichen Ansprache schafft es Russo jedoch, Matthews auf seine Seite zu ziehen. In ähnlicher Weise geht er beim Interview mit einem Journalisten der New York Times vor. Auch den anfangs sehr konfrontativen Fragesteller kann er dadurch erweichen.

An der möglichen Wahl Russos hängt weiterhin nicht nur sein unmittelbares eigenes politisches Schicksal, sondern gleich das der gesamten Demokratischen Partei. Wie Frank Underwood gleich zu Beginn bei einer Besprechung der Wahlkampfkampagne klarmacht, würde eine Niederlage in Pennsylvania weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Könnten die Republikaner die bevorstehende Wahl für sich entscheiden, hätten sie die Möglichkeit, die staatlichen Wahlbezirke zu ihren Gunsten neu aufzuteilen. Dabei wird ein Thema von besonderer Dringlichkeit im aktuellen politischen Tagesgeschehen in den USA angesprochen: das sogenannte redistricting. Eine Niederlage könnte also einen Verlust der demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus nach sich ziehen.

Massiver Gegenwind droht der Russo-Kampagne aber nicht nur vonseiten der Republikaner, sondern auch von der finanzstarken Lobby der Erdöl- und Naturgasunternehmen. Vor allem die letztgenannten haben völlig gegensätzliche Interessen in Pennsylvania. Genau dort, wo das Naturreservat entstehen soll, liegt nämlich ein großer Teil der amerikanischen Naturgasvorräte begraben. Also schicken die Lobbyisten ihre schrillen Lautsprecher in die Medien, um von „antikapitalistischer Agenda“ der „Ökofreaks“ zu schwadronieren. Auch an dieser Stelle wird ein wunderbarer Vergleich zur politischen Realität in Amerika gezogen. Die unsäglich vergiftete politische Debattenkultur verhindert jeden sinnvollen Diskurs über jedes wichtige und vermeintlich weniger wichtige Thema.

We can't antagonize oil and gas

Als poster boy der Lobbyisten darf in House of Cards Remy Danton (Mahershala Ali) fungieren. Durch seine Anwaltskanzlei vertritt er die Belange des Gasunternehmens SanCorp. Als er merkt, dass er bei Underwood in Sachen Gesetzesverhinderung auf Granit beißt, wendet er sich mit einem besonders perfiden Angebot an Claire. Diese steht vor einem Problem, bei dem ihr weder ihre eigenen noch die Verbindungen ihres Ehemannes weiterhelfen können. Im Südsudan stecken nämlich Wasserfilter ihrer NGO im Wert von 200.000 US-Dollar im Zoll fest. Selbst die Außenministerin Catherine Durant (Jayne Atkinson) kann ihr nicht weiterhelfen, da sie sich an das diplomatische Protokoll halten muss.

In einem stillen Moment hat selbst die sonst nach außen immer gefasste Claire (Robin Wright)einen kurzen Schwächeanfall. © Netflix
In einem stillen Moment hat selbst die sonst nach außen immer gefasste Claire (Robin Wright)einen kurzen Schwächeanfall. © Netflix

Genau an dieser verwundbaren Stelle setzt Danton an. Er bietet Claire die großzügige Hilfe seiner in alle Welt vernetzten Auftraggeber an. Im Gegenzug fordert er von ihr jedoch einen hohen Preis. Sie soll ihren eigenen Ehemann hintergehen und dafür sorgen, dass die Watershed Bill bei der Abstimmung im Repräsentantenhaus scheitert. Nach kurzer Bedenkphase entscheidet sie sich für die eigenen Belange und eröffnet den beiden erstaunten Kongressabgeordneten, die sie eigentlich zu einer Zustimmung hätte überreden sollen, dass sie doch bitte gegen die Verabschiedung des Gesetzes stimmen sollten. Tatsächlich spielen die beiden Hinterbänkler das Zünglein an der Waage, wie dem entsetzten Wahlkampfteam während der live übertragenen Abstimmung nur allzu deutlich vorgeführt wird.

An anderer Stelle wird eine weitere massive moralische Korrumpierung deutlich vorgeführt. Die Neukolleginnen Zoe Barnes (Kate Mara) und Janine Skorsky (Constance Zimmer) beginnen langsam, aber sicher, sich anzufreunden. Dabei tauschen sie Geschichten darüber aus, wie sie an diverse Insiderinformationen aus dem politischen Washington gekommen sind. Janine scheint relativ offenherzig zu plaudern - ihre vermeintliche Aufgeschlossenheit verfolgt dabei aber nur ein Ziel: Sie will unbedingt herausfinden, wer Zoes geheime Quelle ist. Diese lässt sich erst einmal nicht auf das Spielchen ein, zeigt sich jedoch von Janines Erfahrungen beeindruckt.

So versucht sie, die Verbindung zu Underwood fortan nur noch auf professioneller Basis laufen zu lassen und die Affäre mit ihm zu beenden. Vordergründig scheint er damit einverstanden. Seine Kameraansprache verrät jedoch, wie tief er in seiner unendlichen Eitelkeit verletzt ist. Da ist es wieder, das unausstehlich arrogante Ekelpaket. Dazu passend, jedoch in anderem Zusammenhang: „I'm not going to lie. I despise children.

Fazit

Die qualitativen Wellenbewegungen von House of Cards werden fortgeführt. Nach einer schwächeren achten Episode entspricht die neunte wieder allerhöchsten dramaturgischen Standards. Der in dem Review gar nicht erwähnte Gegensatz zwischen der plötzlich aufflammenden Kinderliebe Claires und dem ausgesprochenen Kinderhass Franks treibt einen neuen Keil in ihre fragile Beziehung. Man fragt sich wirklich, was die beiden außer ihrem Machthunger noch zusammenhält.

Als Frank Underwood von Zoe Barnes zum ersten Mal abserviert wird, hat Kevin Spacey einen seiner größten Auftritte in der Serie bislang. Mit welch ungeheurer physischer Präsenz er die unermessliche Arroganz und Eitelkeit seines Charakters vor die Kamera wuchtet, ist von einmaliger Brillanz. Auch die Szenen, in denen Frank und Zoe ihre fuck buddy-Beziehung gezwungenermaßen wieder aufnehmen, ist absolut bemerkenswert: „I can play the whore. Now pay me.

Der moralische Abgrund, in den man hier starrt, ist sogar beinahe noch tiefer als derjenige, der sich auftut, als Frank mit Präsident Walker (Michael Gill) und Stabschefin Vasquez (Sakina Jaffrey) das weitere Vorgehen in Sachen Watershed bespricht. Politik wird hier charakterisiert als reiner Kuhhandel. Ideale zählen nichts, Eigeninteressen alles. Wer dies einmal verstanden hat, mag zwar desillusioniert sein, kann sich aber zum erfolgreichen Politiker mausern.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 1. April 2013
Episode
Staffel 1, Episode 9
(House of Cards 1x09)
Deutscher Titel der Episode
Gewissensentscheidung
Titel der Episode im Original
Chapter 9
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 1. Februar 2013 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 1. April 2013
Autoren
Beau Willimon, Rick Cleveland
Regisseur
James Foley

Schauspieler in der Episode House of Cards 1x09

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