House of Cards 1x08

Um es vorwegzunehmen: Die Politserie House of Cards schafft es zur Mitte der ersten Staffel einfach nicht, das hohe Niveau einzelner herausragender Episoden zu halten. Die sicherlich mit dem Anspruch, zu den großen Drama-Platzhirschen der Seriengeschichte Anschluss zu halten, gestartete Netflix-Produktion gönnt sich immer wieder Auszeiten vom Handlungsfortlauf. Würden diese genutzt, um den Protagonisten eine tiefergehende Charakterisierung zuzugestehen, könnte das als Stärke ausgelegt werden.
Die Oberfläche bekommt erste Risse
Die Autoren - in dieser Episode Serienschöpfer Beau Willimon persönlich - kratzen jedoch nur an der Oberfläche des Seelenlebens ihrer Hauptcharaktere. Einzig bei Frank Underwood (Kevin Spacey) gelingt eine tiefgreifendere Vorstellung seines inneren Selbst. Ehefrau Claire (Robin Wright) und Kongressabgeordneter Peter Russo (Corey Stoll) müssen hingegen als Abziehbildchen einer vermeintlich schlichten Küchenpsychologie herhalten. Sie schafft es nicht, sich von ihrer Daueraffäre Adam Galloway (Ben Daniels) zu lösen, traut sich aber gleichzeitig nicht, ihm gegenüber ihre wahren Gefühle über ihre Kinderlosigkeit zu offenbaren.

Peter Russo hat eine unbarmherzige Mutter im Pflegeheim. Sie interessiert sich nicht für seine politischen und persönlichen Errungenschaften, hat wenig mehr als kühle Nichtbeachtung für ihren Sohn übrig. Erst als er ihr von seiner erfolgreichen Teilnahme an einer Prügelei berichtet, empfindet sie einen gewissen Stolz für ihren Abkömmling. An diesem Beispiel lässt sich besonders gut herausarbeiten, worin das Problem solcher wenig stringenter Psychologisierungen liegt. Sie wirken einfach zu aufgesetzt und geplant. Die Autoren scheinen sich am Reißbrett vorgenommen zu haben, genau solch eine Episode in die Serie einzubauen. Die Unterbrechung des Handlungsablaufs wirkt folglich künstlich, wenig organisch.
Bis auf die Entwicklung von Spaceys Charakter Underwood hätte auf diese Elemente bei Russo und Claire also einfach verzichtet werden können. Ein weiteres Problem dabei ist, dass diese psychologisierenden Abschnitte einer plausibleren Geschichtsfortschreibung geopfert wurden. Russo muss sich nur kurz mit seinem ehemaligen Freund und Hafengewerkschafter Paul Capra (Wass Stevens) prügeln, damit der zur Besinnung kommt und einem Mitschuldigen für seine Arbeitslosigkeit volle Unterstützung zusichert?
Dies wirkt doch reichlich konstruiert, ebenso wie die Geschwindigkeit, in der sich die zuvor noch verbitterten und hasserfüllten entlassenen Werftarbeiter nach einer kurzen, zugegeben erfrischend offenen, Ansprache Russos hinter ihn scharen. Diesem Überzeugungsprozess, der doch eines der Grundpfeiler einer jeden demokratischen Gesellschaft sein sollte, hätte gut und gerne eine ganze Episode eingeräumt werden können. Stattdessen bekommen die Zuschauer einen Einblick in Russos ehemaliges Kinderzimmer und eine Vorstellung seines Elternkomplexes, den sie innerhalb kürzester Zeit wieder vergessen haben werden.
I'm all you've got. Nobody in Washington gives a fuck about you.
Jedenfalls verschlägt es sämtliche genannte Protagonisten in ihre Heimatstaaten Pennsylvania und South Carolina. Das Machtzentrum Washington existiert hier nur als entfernter Monolith, der den kleinen Leuten nichts als Ärger einbringt. Frank Underwood ist anlässlich der Einweihung einer nach ihm benannten neuen Bibliothek seiner ehemaligen Militärakademie auf Heimatreise. Dort trifft er seine alten Schulfreunde wieder, die ihn schmerzlich daran erinnern, was er für seine Karriere alles bereit war zu opfern. Besonders im besoffenen Zweigespräch mit seinem ehemaligen besten Freund, mit dem er anscheinend einige homosexuelle Episoden verlebte, wird sich Frank der Vergänglichkeit all seiner Taten, Intrigen und so genannten Errungenschaften bewusst.

Es kommt zu einem angenehmen Bruch im Antlitz des Machtmenschen Underwood. Auch am nächsten Morgen hat sich trotz fürchterlichem Kater dieses Gefühl noch nicht verabschiedet. Also baut Frank diese Eindrücke in seine vollkommen improvisierte Rede ein. In diesem Moment läuft House of Cards zu seiner stärksten Form auf: Kein Pathos, keine perfekt abgestimmten Standardsätze, kein Politikersprech. Ohne das Publikum zu stark zu irritieren, schafft es der mächtige Kongressabgeordnete - so abgedroschen dies klingen mag - den Menschen hinter dem Politiker zum Vorschein zu bringen.
Nach der ganzen Selbstbeweihräucherungsveranstaltung wechselt Frank jedoch sofort wieder in den altbekannten Betriebsmodus. Vergessen die Selbstzweifel, vergessen der nostalgische Ausflug in die eigene Vergangenheit. Was jetzt zählt, liegt vor ihm. Russo findet dazu die passenden, wenn auch einfachen Worte: „All I care about is the future.“ Auch an dieser Stelle schaffen Autor und Regisseur eine gelungene, glaubhafte Charakterisierung Underwoods. Gleiches gilt für Russo: Ihm nimmt man stellenweise ab, was er seinen tief enttäuschten Wählern verspricht.
Trotz einiger gelungener Passagen schafft es die achte Episode von House of Cards nicht, das wirklich brillante Niveau einiger Vorgängerepisoden zu erreichen. Was an dieser Stelle von verschiedenen Kommentarschreibern schon angemerkt wurde, trifft möglicherweise auch auf die Entwicklungen von Russo und Claire zu: Sie werden erst so richtig ersichtlich, wenn die komplette erste Staffel gesichtet wurde. Ob diese Einsicht jedoch wirklich zweckdienlich ist, kann ohne Zweifel leidenschaftlich diskutiert werden.
Zwar muss eine ambitionierte Dramaserie immer auch als Gesamtpaket betrachtet werden. Jedoch sollten die einzelnen Episoden für sich allein genommen ein gelungenes Steinchen im Mosaik darstellen. Dies schafft House of Cards derzeit nicht. Immerhin bleiben noch einige Episoden, um diese Meinung zu revidieren.
Fazit
Für den Geschmack des Rezensenten legt Drehbuchautor Beau Willimon seine Karten in der achten Episode allzu offen auf den Tisch. Fehlte es in den meisten vorhergehenden Folgen noch an hinreichender Psychologisierung, wird diese dem Zuschauer nun mit der Bratpfanne übergezogen. Deshalb bekommt die Episode den faden Beigeschmack des Geplanten, Gewollten, Anorganischen.
Teilweise scheint es, als hätte sich das Autorenteam verschiedene Elemente anderer gelungener Dramaserien herausgepickt und genau kalkuliert, zu welchem Zeitpunkt in der Staffel eine solche Episode anzusetzen sei. Das daraus erwachsende Problem ist offensichtlich: Die Dramaturgie folgt nicht mehr der Geschichte, sondern vorbestimmten Ablaufmustern. So wirken die Handlungsbögen um Claire und Russo leicht konstruiert.
Dadurch fehlt es der achten Episode an Spannung. Sicher muss nicht jede einzelne Folge den Zuschauer komplett in ihren Bann ziehen, bei dieser wurde jedoch die eine oder andere Chance ausgelassen. So hätte beispielsweise die Storyline um den Lobbyisten Remy Danton (Mahershala Ali) stärker in die allgemeine Geschichte der Episode verflochten werden können. Leider bleibt er nur eine Randerscheinung.
Wenngleich sich das Urteil an dieser Stelle möglicherweise etwas harsch liest, so soll doch versichert werden, dass es sich bei der Auflistung vermeintlicher Mängel um ein Mäkeln auf sehr hohem Niveau handelt. Dies wiederum adelt House of Cards, denn über ein weniger polarisierendes Gesamtpaket könnte man sich nicht so wunderbar streiten. Politik in Reinform, quasi.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 25. März 2013(House of Cards 1x08)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?