House of Cards 1x04

Nachdem in den abgelaufenen Episoden bereits die Entstehung und die Verhinderung eines politischen Skandals porträtiert wurden, widmen sich die Autoren nun der Intrige gegen eigene Parteigenossen. Wieder einmal wird verdeutlicht, dass es in der politischen Arena keine Freunde gibt, sich jeder selbst der Nächste ist und Allianzen von einem auf den anderen Tag aufgebrochen werden können. Meisterlich wird in der neuen Folge der US-Serie House of Cards auseinandergepflückt, welche enormen Auswirkungen die verbissene Durchsetzung der eigenen Machtansprüche haben kann.
Look at the bigger picture here
Dabei wächst die Liste von Francis Underwoods politischen Opfern immer weiter. Ihm sollte dabei zu bedenken geben, dass die Beseitigten nicht nur Opfer, sondern auch zukünftige Gegenspieler sein könnten. Momentan kümmert ihn das jedoch wenig. Underwood ist sogar dazu bereit, zwei Weggefährten zu beinahe unzumutbaren Kehrtwenden zu zwingen. Und das nur, um dem Präsidenten Walker (Michael Gill) eine starke Position bei der politisch überlebenswichtigen Bildungsreform zu ermöglichen.

Dabei spielt er mehrere Seiten gegeneinander aus. Der Entschluss zur Intrige fällt, als sich der mächtige demokratische Sprecher des Repräsentantenhauses, Bob Birch (Larry Pine), dagegen wehrt, grundlegende demokratische Prinzipien zu missachten. Er möchte in der Bildungsreformfrage die Macht der Lehrergewerkschaften nicht beschneiden. Der Präsident und Underwood wollen in ihrer Reform das Recht der Gewerkschaften auf „Collective Bargaining“ (also: gemeinsames Verhandeln) eingrenzen. Dieses ist ein mächtiges Instrument der Gewerkschaften und wird traditionell eigentlich von republikanischer Seite angefochten. Birch stellt sich in dieser Frage unmissverständlich quer: „The president can fuck himself.“
Da Birch als Sprecher des Repräsentantenhauses über die Macht verfügt, Gesetzesentwürfe zur Diskussion in den Kongress einzubringen, ist seine Position von zentraler Bedeutung. Francis' Plan sieht nun also vor, den Sprecher und den etwas weniger mächtigen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, David Rasmussen (Michael Siberry), gegeneinander auszuspielen. Dafür konstruiert er ein künstliches Komplott des Mehrheitsführers gegen den Sprecher. Wie ein Feldherr auf dem Schlachtplan schiebt er zusammen mit seinem obersten Berater Doug Stamper (Michael Kelly) die Figuren (in diesem Falle die demokratischen Kongressabgeordneten) hin und her. Er gibt sich alle Mühe, um denjenigen zu finden, der beim Sturz Birchs oder Rasmussens behilflich sein könnte.
Schließlich filtern sie Terry Womack (Curtiss Cook) heraus. Ihn können sie damit ködern, dass gerade eine Militärbasis in seinem Wahlkreis geschlossen werden soll. Dies würde Womack 3000 Arbeitsplätze kosten. Für eine folgenreiche Lüge bieten sie ihm an, diese Arbeitsplätze behalten zu können. Jedoch müssen sie dafür einen anderen Kostenfaktor des Verteidigungsministeriums eliminieren, um das Haushaltsbudget nicht zu belasten.
Die Lösung liegt in Peter Russos (Corey Stoll) Wahlbezirk. Der soll am nächsten Tag vor einer Kommission zur Verringerung des Militärbudgets erscheinen und gegen die Schließung einer Schiffswerft aussagen. Also zwingt Underwood ihn unter Aufführung all seiner vergangener Fehltritte dazu, seine Aussage zurückzuziehen und damit die Schließung der Werft auf den Weg zu bringen. Die politisch-moralischen Kosten dieser Aktion: 12000 verlorene Arbeitsplätze.
We don't need people who follow the rules, we need people with personality
Welchem Zuschauer bisher noch nicht das Essen im Halse steckengeblieben ist, dem geschieht das spätestens bei diesem astreinen politischen Kuhhandel. Underwood agiert nicht nur eiskalt, er agiert völlig gewissenlos. In seinem Hinterkopf existiert lediglich das eigene Vorankommen. Natürlich gelingt die Intrige und Francis hinterlässt zwei weitere Opfer auf seinem politischen Feldzug innerhalb der eigenen Partei: Peter Russo und David Rasmussen. Nicht zu vergessen: die Lehrergewerkschaften, deren Mitspracherechte empfindlich eingeschnitten werden.

Zoe Barnes (Kate Mara) enthüllt in der neuen Episode ebenfalls ihre eiskalte, berechnende Seite. Ihr Chefredakteur Tom Hammerschmidt (Boris McGiver) will sie eigentlich entlassen, erhält von seiner Verlegerin Margaret Tilden (Kathleen Chalfant) jedoch nicht die Erlaubnis und soll sie stattdessen befördern. Er bietet ihr den Posten als Korrespondentin im Weißen Haus an, einer Stelle, die für die meisten Journalisten einem Traumjob gleichkäme.
Nicht so Zoe Barnes. Nach reiflicher Überlegung und Besprechung mit Francis lehnt sie den Posten ab und kündigt sogleich. Zum ersten Mal blitzt ihre Arroganz auf, als sie ganz offen zugibt, höhere Ambitionen als eine führende Stelle beim Washington Herald zu haben. Von ihrer Entscheidung und einigen Long Island Ice Teas berauscht, beginnt sie erneut einen Flirt mit Francis und lädt ihn sogleich zu sich nach Hause ein, wo sie ihn im kleinen Schwarzen empfängt.
Francis ist jedoch nicht das einzige untreue Element in der Underwood'schen Ehe. Auch Claire (Robin Wright) hatte zuvor eine Indiskretion mit dem Fotografen Adam Galloway (Ben Daniels), von der Francis augenscheinlich Bescheid weiß. Das wirklich Faszinierende an House of Cards kristallisiert sich erst in der vierten Episode heraus. Sämtlichen Figuren ist amoralisches Handeln anscheinend in das Erbgut eingeschrieben. Für den Zuschauer ist das köstliche Unterhaltung. Für die eventuelle Realität unserer Politikwelt ein absolutes Armutszeugnis.
Fazit
Wie kaum zuvor porträtiert diese Episode der ersten Staffel eine Politikgesellschaft voller Niedertracht und Amoralität. Es fällt einem zwar leicht, zu glauben, dass in der realen Welt ähnliche Intrigen gesponnen und Ränkespiele ausgefochten werden. Dies sollte jedoch nichts daran ändern, solche Verhaltensweisen als absolut verwerflich zu verurteilen.
Mehr als je zuvor geriert sich Kevin Spacey in seiner Rolle als unausstehlicher Kotzbrocken, der anscheinend immer genau das bekommt, was er will und plant. Für den eigenen Gemütszustand wäre es demnach äußerst hilfreich, würden die Autoren Underwood baldmöglichst eine Hürde in den Weg werfen. Seine politischen Gegenspieler sind derzeit nämlich nichts weiter als billige Staffage.
Auch Zoe Barnes dürfte in der Zuschauergunst nach dieser Episode um einiges abgefallen sein. Wie sie und Francis sich gegeneinander an ihren intriganten Spielchen aufgeilen, gehört zum Abstoßendsten, was eine Politserie hervorrufen kann. Die beiden verdienen einander und der eine oder andere Zuschauer wünscht ihnen sicherlich auch schon, dass sie ihre Arroganz doppelt und dreifach zurückgezahlt bekommen.
Für die Serie bezeichnend ist es auch, dass sich in der vierten Episode ausgerechnet Claire Underwood als moralischer Hoffnungsschimmer in den Vordergrund spielt. Sie hat anscheinend doch ein Interesse am Wohlergehen ihrer Mitarbeiter und lehnt die heftigen Avancen von Galloway ab. Nur ihrem Göttergatten Francis gegenüber ist sie nicht stark genug. Ihm liest sie noch jeden Wunsch von den Lippen ab. Hoffentlich nicht mehr allzu lange.
Das Bemerkenswerte am bisherigen Verlauf von House of Cards ist, dass sich jegliche politische Ränkespiele auf Francis' eigene Demokratische Partei beschränken. Die Republikanische Partei kam bisher noch gar nicht vor. Die großen politischen Auseinandersetzungen heben sich die Autoren wohl für den finalen Teil der ersten Staffel auf.
Die starken, wenn auch ambivalenten Gefühle, die sie beim Zuschauer auslösen, dürften sie jedenfalls in dem Wissen bestätigen, ein großes Serienprodukt geschaffen zu haben. House of Cards bewegt, ärgert, kitzelt, fasziniert und stößt ab. Etwas Besseres ist momentan auf dem amerikanischen Fernsehmarkt nicht zu finden.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 25. Februar 2013(House of Cards 1x04)
Schauspieler in der Episode House of Cards 1x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?