Horace and Pete 1x10

Horace and Pete 1x10

Mit Horace and Pete ist Louis C. K. trotz oder gerade wegen der unüblichen Form ein so emotionales wie nüchternes Meisterwerk gelungen. Es schafft es in fast jeder Episode, Themen und Charaktere zu erzählen, die einem wirklich ans Herz gehen und nicht wieder loslassen.

Steve Buscemi und Louis C. K. als „Horace and Pete“. / (c) Louis C. K.
Steve Buscemi und Louis C. K. als „Horace and Pete“. / (c) Louis C. K.

Wie bereits mein werter Kollege Axel in seinem Pilotreview zu der äußerst unkonventionellen Serie Horace and Pete von und mit Louis C. K. aufzeigte, ist diese nur über den wahrscheinlich nicht wirklich massentauglichen Weg des eigenen Vertriebs C. K.s zu erwerben. Wer sich jedoch dazu hinreißen lässt, ein paar Dollar zu investieren, wird mit jeder Episode darin bestärkt werden, dass großartige Serien mehr wert als ein paar Klicks im Netflix-Abo sind.

Sit ohne Com - Die Kraft der Theaterbühne

In der Pilotepisode wurden bereits die beiden Cousins Horace (C. K.) und Pete (noch ernster und tragischer als in Boardwalk Empire:Steve Buscemi) sowie Petes verbissener, alter Vater des gleichen Namens (Alan Alda) und Horace' an Krebs erkrankte Schwester Sylvia (kämperisch, verbissen und trotzdem liebenswert: Edie Falco) eingeführt. Nun bekommen wir ihren weiteren Werdegang in einer Welt, die mit Hoffnung nicht gerade reichlich bestückt ist, zu sehen.

Serienjunkies erklärt: Was ist Was ist eine Pilotepisode??

Mag zu Beginn der Episoden die Neuinterpretation der vor allem aus Sitcom- und somit Comedyformaten bekannten halboffenen Theaterbühne als Raum der intimen, authentischen und abgrundtiefen Dialoge noch etwas befremdlich wirken, so schaffen es vor allem die erstrangigen Darsteller und die umwerfenden Dialoge und Geschichten, diesen Raum mit dermaßen viel Spannung zu füllen, dass dieser trotz mancher stillen Pause keinen Moment zum Durchatmen übriglässt.

Laurie Metcalf überzeugt in %26bdquo;Horace and Pete%26ldquo;. © Louis C. K.
Laurie Metcalf überzeugt in %26bdquo;Horace and Pete%26ldquo;. © Louis C. K.

C. K. nutzt dabei vor allem die bereits aus den späteren Louie-Staffeln bekannte Kombination aus unbequemen, modernen Alltagsthemen und recht freier Spielweise zwischen den Darstellern, welche vor allem in der dritten Episode durch den Gastauftritt Laurie Metcalfs und deren packende Geschichte einen der wohl dramatischsten Monologe der Seriengeschichte abliefert. Nachdem bereits durch Horace' Tochter Alice (Aidy Bryant) unverzeihliche Missetaten angedeutet wurden, erfahren wir nun, welche diese sind.

Kein Wunder also, dass unter den Fans bereits jetzt über einen Emmy für Laurie Metcalf als beste Gastdarstellerin spekuliert wird. Doch die Eskapaden von Horace' ehemaligem Eheleben sollen nur ein Fragment des erschütterten Familienbildes darstellen. So scheinen die Themen von Episode zu Episode immer existentialistischer und düsterer zu werden, tritt doch erst das verbitterte Familienoberhaupt Uncle Pete ab, woraufhin die Psychosen des „jungen“ Petes zudem immer stärker zu werden scheinen.

The true heart of Brooklyn

Der Serientitel wird dabei zum alles umrahmenden Käfig der Akteure, da dieser einerseits für eine haltgebende Struktur im ernüchterten Alltag der Gäste und Wirte sorgt und andererseits mit den Verfehlungen ebenjener Vorgängergeneration besudelt ist. C. K. schickt seine Hauptfiguren dabei auf eine Identitätskrise, die sich weder mit Begriffen wie „Postadoleszenz“ oder „Midlife Crisis“ gänzlich deckeln ließen, sich jedoch trotzdem nicht ganz der elterlichen Prägung entziehen können.

Denn natürlich haben Horace, Pete und Sylvia mitlerweile selbst ihre eigenen Kerben bekommen, ihre eigenen Traumata zu verarbeiten und ihre eigenen Fehler gemacht. Dennoch greift C. K. immer wieder das Credo Sylvias aus der Pilotepisode auf, nach welchem man auf das vorbelastete Elternhaus eher mit Flucht denn Zuflucht reagieren sollte. Das wird besonders in der letzten Episode deutlich, als C. K. wieder die eingeschränkten Möglichkeiten der Theaterform ausnutzt, um sich selbst, Falco und Buscemi ebenjene Elternschuhe anzuziehen.

Edie Falco und Louis C. K. schlüpfen in die Rollen ihrer Charakterelten. © Louis C. K.
Edie Falco und Louis C. K. schlüpfen in die Rollen ihrer Charakterelten. © Louis C. K.

Auch hier wird der Gewöhnungsfaktor beim Zuschauer schnell durch die überzeugenden Emotionen und Botschaften überholt, wenn die patriarchischen Dialoge und Flüche, die wir bis dahin nur von Alan Alda kannten, auf einmal die bis dato tragisch gefüllten Münder C. K.s und Buscemis füllen. Auf einmal ist es C. K., der seiner eigenen Hauptrolle in Kindesform eben jene Kindheit und Weichheit verweigert, während Buscemi als Uncle Pete zumindest auf seine eigentliche Hauptrolle etwas stolz sein und somit das eigentliche Familienband aufzeigen darf.

Auch die nicht klar zugeordnete Szene zwischen dem mitlerweile verstorbenen Uncle Pete und dem zu diesem Zeitpunkt verschollenen Pete macht deutlich, dass C. K. wie bereits in Louie Spaß daran hat, eine authentische Erzählweise mit surrealistischen Elementen zu kombinieren. Sei es eine Nahtoderfahrung oder nur ein Indiz dafür, wie sehr Pete immer noch durch seinen, von ihm abgeschobenen Vater zu leiden hat, oder das prekäre Ende, das die beiden Kneipenwirte für immer entzweit und die heilige Halle entweiht - es bleibt genauso offen wie die Botschaft der gesamten Miniserie.

Dies wird noch einmal durch den plötzlichen Gastauftritt von Angus T. Jones deutlich, der schließlich als neunter Horace zu spät versucht, die entstandene Kluft zu seinem Vater zu schließen. Lässt sich also der durch das Elternhaus geprägte Fatalismus überwinden oder sind die Charaktere für immer dazu verdammt, die Fehler dieser zu wiederholen? C. K. bietet keine eindeutige Antwort auf diese Frage, schafft es jedoch, dieses Thema in verschiedensten, tragischen Situationen und Charakteren durchzuspielen, so dass ich mich am Ende der zehn Episoden fragen muss, ob ich hier gerade ein Stück kaum beachtete Dramaseriengeschichte gesehen habe. Vielleicht stellt ja auch der Cameoauftritt des Titellied singenden Paul Simon einen Hinweis dafür dar, wie das Leben nach einem Erfolgsduo dennoch weitergehen kann. Die Parallele zwischen Horace and Pete und „Simon and Garfunkel“ scheint auf jeden Fall kein Zufall zu sein.

Paul Simon hat nicht nur das Titellied geschrieben; sondern schaut auch selbst mal kurz vorbei. © Louis C. K.
Paul Simon hat nicht nur das Titellied geschrieben; sondern schaut auch selbst mal kurz vorbei. © Louis C. K.

Die Idee ist gut, doch die Welt nicht mehr bereit

Ironischerweise scheint C. K.s traditionelle Erzählweise leider von dem gleichen Problem wie die Akteure geplagt zu sein und kann sich leider keiner allzu großen Zuschauerzahl erfreuen, was sicherlich auch auf das ungewöhnliche Ausstrahlungs- und Bezahlungsmodell C. K.s zurückzuführen ist. Immer wieder wird jedoch als Gegenargument davon gesprochen, dass wohl kein Sender dieses untypische, in Erzählzeit zwischen Comedy und Dramafomat oszillierende, Format ausstrahlen würde. Dennoch ließe sich in einer Zeit, in der der einstige Quality-TV-Sender HBO versucht, an frühere Qualitäten wie The Sopranos anzuknüpfen, die Gegenfrage stellen, ob die Dramaserie nicht doch in ihr eigentliches Programm gepasst hätte. Hierzulande könnte man sicherlich nur hoffen, dass vielleicht einmal ein Sender wie arte die Episoden untertitelt ausstrahlt.

Wer sich jedoch zu der kleinen Fangruppe von Horace and Pete zählt, dem wurde ein kleines Serienwunder zur Schau gestellt, das mit einem grandiosen Cast, hervorragenden Mono- und Dialogen sowie packenden, dramatischen und existentialistischen Themen neue Wege in der Sehgewohnheit der Zuschauer geht. Zum Glück wurden die im Pilotreview kritisierten Politikdialoge im Laufe der Staffel etwas reduziert und stattdessen durch die mitreißende wie reflektiert-nüchterne Familiengeschichte ersetzt, was die Bedeutung der Serie weiter verstärkt hat. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Dramaperle trotz des Endes weiter verbreitet, sei es durch Empfehlungen oder durch potentielle Auszeichnungen wie die Emmys. Es ist immer wieder faszinierend, wie man dennoch manchmal das Gefühl bekommt, wie sich Herzensprojekte von einzelnen Produzenten vom Rest der Seriensuppe abheben und es bleibt zu hoffen, dass diese trotzdem weiterhin ihren Weg auf die Bildschirme finden.

Verfasser: Henning Harder am Samstag, 23. April 2016
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Horace and Pete 1x10)
Titel der Episode im Original
Episode 10
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 2. April 2016
Regisseur
Louis C. K.

Schauspieler in der Episode Horace and Pete 1x10

Darsteller
Rolle
Louis C. K.
Steven Wright
Kurt Metzger

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