Homeland 5x06

Homeland 5x06

Der Spionagethriller Homeland wird seiner Bezeichnung in Parabiosis abermals mehr als gerecht und bewegt sich weiterhin auf hohem Niveau. Das gekonnte Ausspielen altbekannter Stärken generiert nicht nur viel Spannung, auch der etwas unerwartete Fokus auf Saul Berenson bereichert die Episode.

Sebastian Koch (l.) und Mandy Patinkin als Otto Düring und Saul Berenson in „Parabiosis“ / (c) Showtime
Sebastian Koch (l.) und Mandy Patinkin als Otto Düring und Saul Berenson in „Parabiosis“ / (c) Showtime

Normalerweise ist es eigentlich Carrie (Claire Danes), die in Homeland von Paranoia und Verfolgungsängsten heimgesucht wird und hinter jeder Ecke eine zwielichtige Gestalt vermutet, die sie beobachtet und ihr auf Schritt und Tritt folgt. In Parabiosis gehen die Autoren nun so weit, dass diese Wahnzustände sich auf einen anderen Charakter übertragen, der erfahrungsgemäß stets die Kontrolle bewahrt und den im Normalfall nichts so schnell aus der Fassung bringt. Bis jetzt. Die Rede ist von Carries altem Mentor Saul Berenson (Mandy Patinkin), welcher seit der vorangegangenen Episode (Better Call Saul) sich nicht mehr sicher sein kann, wem er noch vertrauen soll, und der nun endgültig aus seiner Komfortzone gerissen wird. Ein Kniff der Serienmacher, der sich zweifelsohne auszahlt.

Carrie glaubt nach wie vor, einer gewaltigen Sache auf der Spur zu sein und möchte zu Beginn der Folge Saul davon überzeugen, dass sie sich nicht irrt und der russiche Auslandsnachrichtendienst SWR ihr an den Kragen will, aus welchen Gründen auch immer. Doch Saul hat mit seiner Musterschülerin abgeschlossen, die Vorfälle aus der Vergangenheit haben das Verhältnis der beiden für ihn irreparabel beschädigt. Carries Wahnsinn findet bei Saul keinen Anklang, zumindest wahrt dieser den Eindruck nach außen. Innerlich löst Carries Hinweis darauf, dass er permanent beobachtet und beschattet wird, erste Zweifel bei Saul aus, ob vielleicht nicht doch mehr hinter ihren Befürchtungen steckt. Es beginnt ein packendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich der sonst so kühle Saul auf einer ganz neuen Seite wiederfindet.

Under surveillance

Aus dem alles kontrollierenden Schachspieler wird im Laufe von „Parabiosis“ nämlich selbst eine Schachfigur, die sich niemals sicher sein kann, wo sie gerade steht. Der erfahrene Fernseheregisseur Alex Graves fängt dabei wunderbar Sauls wachsende Paranoia ein: Saul wandelt auf denselben Pfaden Carries, permanent dreht er sich um und glaubt, jemand würde ihn beobachten. Dies überträgt sich durch die unglaublich dichte Kameraführung auch auf uns Zuschauer, so dass sich ein bisweilen arg beklemmendes, unangenehmes Gefühl einstellt. Für Saul ist dies ein völlig unbekannter Umstand, ist er doch eigentlich immer, der Beschattungsmissionen übersieht und Verdächtige verfolgen lässt.

Es ist hochinteressant mit anzusehen, wie sich dieser Charakter auf einmal in einer für ihn ganz neuen Situation wiederfindet, als wäre er plötzlich selbst ein Spielball höherer Mächte. Dank einer starken Darbietung von Mandy Patinkin, der die minütlich wachsende Verfolgungsangst seiner Figur großartig spielt, und tollen Dialogszenen, die verdeutlichen, wie ernst die Lage in der CIA-Niederlassung in Berlin ist, entwickelt „Parabiosis“ eine ganz eigenwillige, treibende Dynamik, die viele kleine spannende Momentaufnahmen zur Folge hat.

Selbst ein Dar Adal (F. Murray Abraham) tappt im Dunkeln und kann sich keinen Reim auf den Anschlag auf das Flugzeug des syrischen Generals Youssef (Igal Naor) machen. Die beiden großen Veteranen des Spionagetums, die schon alles gesehen haben, sind ratlos und verfallen deshalb in Panik, was darin resultiert, dass Dar und Saul sich in fantastischen Szenen verbal an die Gurgel gehen und letzterer schließlich seine Zelte in Berlin abbauen muss.

Not authorized

Man merkt diesem Moment die komplette Anspannung der Beteiligten an, dass sowohl Dar als auch Saul es nicht ertragen können, mal nicht Herr der Lage zu sein - eine willkommene Abwechslung, die unsere Protagonisten von einer sehr ungewohnten Seite zeigt. Saul nimmt sich letztlich ein Beispiel an seinem ehemaligen Protegé Carrie und vertraut nur noch sich selbst. Dass dies nach hinten losgehen kann, zeigt ihre Geschichte, doch dazu gleich mehr. Mit dem fehlenden Vertrauen von Dar und den neuen Zweifeln entwendet Saul schließlich eine Kopie der pikanten Dokumente, die geleakt wurden und in denen Carrie einen Hinweis finden will, warum es der SWR auf sie abgesehen hat.

Für Saul muss es wie ein Trip zurück in die alte Zeit sein, als er selbst noch im aufregenden Außendienst unterwegs war. Von seiner Routine hat er nicht viel eingebüßt, auch wenn er sichtlich enttäuscht ist, dass sein Weggefährte Dar sowie seine Kollegin und Liebhaberin Allison (Miranda Otto) ihm kein Vertrauen mehr schenken. Ein angedachter Lügendetektortest ist dabei eine nette kleine Referenz, hat Saul mit dieser Gerätschaft in der Vergangenheit doch eher unschöne Erfahrungen gemacht. Geschickt lässt Saul Carries Chef Otto Düring (Sebastian Koch) die Dokumente zukommen, muss sich dann aber wohl den Konsequenzen seines Alleingangs stellen, nachdem er von einigen CIA-Mitarbeitern aus einem Privatclub des Unternehmers herausgeschleift wird. Ausgang ungewiss.

Dadurch, dass man Saul innerhalb einer Folge glaubhaft und nachvollziehbar eine Entwicklung durchleben lässt, die man in vergleichbarer Form von Hauptfigur Carrie kennt, schafft man nicht nur eine clevere Parallele (siehe der Episodentitel) zwischen Lehrmeister und Schüler, man zeigt auch spannend auf, was Paranoia und Angst aus einem machen können. Man distanziert sich immer mehr von seiner Umwelt und den Menschen in dieser (unzählige Aufnahmen von Spiegelungen der Protagonisten in Fenstern oder auf glatten Oberflächen stehen visuell exemplarisch dafür), man glaubt nur noch sich selbst und möchte alles auf eigene Faust regeln.

Bad judgement

Dass dieses Verhalten aber auch sehr schädigend sein kann, zeigt wiederum das Beispiel Carrie Mathison, die nie anders gelebt und stets nur sich selbst vertraut hat. Einzig Saul war eine Konstante in ihrem Leben, doch dieser kappte die Verbindung zu ihr. Jonas (Alexander Fehling) ist nun das nächste „Opfer“, das sie aus ihrem Leben drängt. Sie will keine Hilfe, aus Angst, sie würde sich so nur noch angreifbarer machen. Doch wenn sie sich niemandem anvertraut und niemanden in ihr Leben lässt, wie kann sie sich jemals von ihren Angstzuständen freimachen?

Carrie ist weiterhin fest entschlossen, dem Rätsel um den SWR und den Dokumenten der CIA und des BND auf den Grund zu gehen. Düring unterstützt sie mit einem Flugzeug (warum genau, wird eher schwammig erklärt) - wohin dieses Carrie bringen soll, bleibt offen. Als ihr dann die von Saul gestohlenen Dokumente von Düring übergeben werden, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, als wüsste sie, dass sie eben doch nicht allein ist und doch noch auf Saul vertrauen kann. Wobei Saul diese Carrie nicht zugespeist hat, weil er ihr direkt helfen, sondern, weil er vielmehr selbst Gewissheit haben will, dass es die Russen sind, die hinter all dem Chaos stecken, in dem die CIA gerade versinkt. Doch auch Sauls Optionen sind nun beschränkt, also gilt es, mit Carrie seinen besten Lehrling zu reaktivieren, der er zurzeit von allen noch am meisten vertrauen kann.

Detour

Der sehr prominente Handlungsstrang um Saul und die eher zurückhaltende Nebengeschichte um Carrie werden so schlussendlich gut miteinander verknüpft und stellen somit eine große Stärke der Episode dar. Packend, aber mit einer wunderbaren Ruhe inszeniert, denkt man des Öfteren an die Anfänge des Formats zurück, welche man in vielen Folgen der fünften Staffel von Homeland wieder aufleben lässt. Das Spionagedrama macht wieder das, was es am besten kann und verzichtet größtenteils auf unnötig komplizierte Storyelemente. Vielmehr kommt man in den Genuss einer schlanken, geradlinigen Geschichte, die Stück für Stück aufgedröselt wird. Hoffen wir, dass man diesen Trend auch in den nächsten Episoden beibehalten kann.

Doch während ich sehr von den Ereignissen um Saul und Carrie angetan bin, genieße ich Quinns (Rupert Friend) relativ losgelöste Nebenhandlung derweil mit etwas Vorsicht. Dieser wurde nach seiner schweren Verletzung von einem hilfsbereiten Doktor wieder zusammengeflickt und in einem Gebäude untergebracht, wo eine Art Terrorzelle ihr Hauptquartier hat. Deren Anführer (Jarreth J. Merz) sinnt wiederum auf Rache, nachdem er unrechtmäßig inhaftiert wurde und aufgrund der geleakten Dokument jetzt wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.

Mercenary

Der gesamte Handlungsstrang fühlt sich etwas zufällig zusammengesetzt an, während es sich die Autoren hier und da etwas zu einfach machen. Die Vorstellung, wie Quinn die Reihen mutmaßlicher Terroristen infiltriert und unterwandert, hört sich auf dem Papier vielleicht recht spannend an. Die Charaktere, die um Quinn herum „eingeführt“ werden, sind mir dann aber doch ein wenig zu simpel gezeichnet. Man hat eine gewisse Vorahnung, in welche Richtung diese Nebengeschichte gehen könnte - ob diese aber wirklich interessant sein wird, muss sich erst noch zeigen. Es scheint fast so, als wüsste man nicht recht, wohin mit Quinn, doch vielleicht ist dies auch nur ein täuschender erster Eindruck.

Positiv gefällt mir indes die konsequente und konsistene Figurenzeichnung von Rupert Friends Figur, die trotz aller widrigen Umstände und ihren Verletzungen kühlen Kopf bewahrt und sich dementsprechend verhält. Quinn ist und bleibt nun einmal ein eiskalter Profi, auch wenn er gerade fast ausgeblutet wäre. Dass er dem skeptischen, angriffslustigen Rudelsführer mit einem gezielten Schlag auf den Kehlkopf ein Ende bereitet, kommt etwas überraschend. Andererseits könnte es Quinns Charakter nicht besser zusammenfassen. Anscheinend hat er so seinen Weg in die Gruppe der Moslems gefunden. Was die Autoren nun daraus machen, bleibt abzuwarten.

Verfasser: Felix Böhme am Montag, 9. November 2015
Episode
Staffel 5, Episode 6
(Homeland 5x06)
Deutscher Titel der Episode
Die Mauer
Titel der Episode im Original
Parabiosis
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 8. November 2015 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 17. April 2016
Autoren
Chip Johannessen, Ted Mann
Regisseur
Alex Graves

Schauspieler in der Episode Homeland 5x06

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