Hannibal 1x06

Auch im EntrĂ©e, bei dem es sich im Grunde genommen um die sechste Portion Hannibal handelt, geht das Rezept der Serie wieder auf: DĂŒstere Einblicke in das Innenleben der gestörtesten Individuen ergeben in Kombination mit ausgefeilten Dialogen und einem fantastischen Schauspielaufgebot ein mehr als verlockendes Resultat. Anspruchsvoll und gespickt mit allerlei Referenzen an „Roter Drache“ („Red Dragon“) und besonders auch „Das Schweigen der LĂ€mmer“ („The Silence of the Lambs“) schreitet die Handlung der Serie voran - von QualitĂ€tsverlust ist keine Spur.
Hommage an die groĂe Leinwand
In der Figur von Jack Crawfords (Laurence Fishburne) ambitionierter SchĂŒlerin Miriam Lass (Anna Chlumsky) spiegelt sich Thomas Harris' Charakter der Clarice Starling aus „Das Schweigen der LĂ€mmer“. Die Art und Weise hingegen, wie die angehende Agentin in dem BĂŒro von Dr. Lecter der IdentitĂ€t des grausamen Chesapeake Ripper auf die Spur kommt, lĂ€sst stark an eine Stelle aus „Roter Drache“ denken. Im Film aus dem Jahre 2002 entlarvt der Profiler Will Graham, der hier durch den Schauspieler Edward Norton portrĂ€tiert wird, auf sehr Ă€hnliche Weise Hannibal als seinen gröĂten Gegenspieler. Doch wĂ€hrend sich Nortons Will gegen den Kannibalen durchsetzen kann, sieht es fĂŒr Mrs. Lass aus Hannibal weniger gut aus. Durch die clevere Neuauslegung von Harris' Materie werden auch die Kenner der Kinofilme immer wieder mit Ăberraschungen konfrontiert.
Chesapeake Ripper
Der ehemalige Chirurg Dr. Gideon (Eddie Izzard) hat nicht nur seine Frau und deren Familie ermordet - seit neuestem beansprucht er auch noch die Morde des grausamen Chesapeake Ripper fĂŒr sich. Im Baltimore State Hospital for the Criminally Insane, wo seine Zelle schnell eingĂ€ngige Assoziationen an „Roter Drache“ wachruft, hat er eine Krankenschwester nach dem Vorbild des Ripper mit verschiedenen GegenstĂ€nden durchbohrt. Sein aalglatter Therapeut Dr. Chilton (Raul Esparza) - der sich in Anbetracht der filmischen Vorlage vielleicht noch sehr viel intensiver mit Hannibal selbst beschĂ€ftigen wird - ist nach Gideons neuerlichem Mord davon ĂŒberzeugt, tatsĂ€chlich den Ripper in Gewahrsam zu haben. Der trophĂ€ensammelnde Mediziner ist begeistert: „Dr. Gideon is going to provide us with the singular opportunity to analyze a pure sociopath. It is so rare to find one in captivity.“
Doch Chilton irrt. Bei dem Chesapeake Ripper handelt es sich nĂ€mlich in Wahrheit um niemand Geringeren als Hannibal Lecter selbst. Der Moment, in dem Lecter auf Freddie Lounds (Lara Jean Chorostecki) „tattlecrime.com“-Blog lesen muss, dass ein Copy-Cat-Killer seinen zweifelhaften Ruhm erntet, gehört zu den besten Momenten von Mads Mikkelsen in dieser Episode.

Wills unfehlbarer Riecher
Will Grahams (Hugh Dancy) neuester Ausflug in den Geist eines kranken Psychopathen offenbart sich als besonders verstörend. Als der Profiler Dr. Gideons grausige Herangehensweise rekonstruiert, ist die Besonnenheit, in der er die bemitleidenswerte Krankenschwester quĂ€lt, regelrecht ĂŒbelkeiterregend. Man ist sehr froh darĂŒber, den furchtbaren Prozess - in dem die Frau in eine Art von menschlichem Nadelkissen verwandelt wird - nicht bis zum Ende ansehen zu mĂŒssen. Will gerĂ€t dank seiner BemĂŒhungen wieder einmal auf die richtige FĂ€hrte: „I see the ripper. But I don't feel the ripper. This is plagiarism.“
Hugh Dancy kann in seiner Verkörperung des Profilers auch in EntrĂ©e wieder durchweg begeistern. Die Grausamkeit, die sich Graham wĂ€hrend des „Profilens“ bemĂ€chtigt, steht im scharfen Kontrast zu dem fragilen Mann, der immer stĂ€rker durch seine Arbeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Es ist erstaunlich, wie es der Special Agent noch immer schafft, sich zu seinen verstörenden Exkursen der Grausamkeit aufzuraffen - bedenkt man doch, welch schlimmen Preis seine Psyche dafĂŒr zahlen muss. In jedem Fall hat sich der sympathische Ermittler noch seinen Galgenhumor bewahrt: „I am afraid they won't let me out“, sagt er unsicher, bevor er Baltimores Hochsicherheitsnervenheilanstalt betritt. Mit seiner EinschĂ€tzung liegt Graham nicht unbedingt falsch. So erregt Will schnell das eingehende Interesse des „KuriositĂ€tensammlers“ Chilton, dessen abschĂ€tzige Blicke einem durch Mark und Bein zu gehen scheinen: „A unique cocktail of personality disorders and neurosis that make you a highly skilled profiler...“
Jacks Trauma
Nicht nur Will wird von seinen Geistern gequĂ€lt. Auch sein Vorgesetzter Jack Crawford wird zunehmend von den Schrecken seiner Vergangenheit eingeholt. Neben dem langsamen und wohl unabwendbaren Sterben seiner Frau Ehefrau Bella (Gina Torres) stellt fĂŒr ihn die vermeintliche Identifikation des Chesapeake Ripper eine groĂe Belastung dar, die ihn an Miriam Lass denken lĂ€sst. Dass Crawfords Erinnerungssequenzen durchweg in Schwarz und WeiĂ gehalten sind, lĂ€sst das Vergangene noch entrĂŒckter beziehungsweise verdrĂ€ngter erscheinen. Doch jetzt bricht Crawfords Schutzpanzer auf - und Dr. Lecter hat keine Skrupel damit, sich auf den weichen Kern zu stĂŒrzen, der dadurch in dem Agenten freigesetzt wird.
Inszenierung
Wie in einem mehrfach verpackten Geschenk offenbaren sich im Handlungsverlauf von EntrĂ©e erst nach und nach die ZusammenhĂ€nge zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. In den fĂŒr sich stehenden Aufnahmen von bedrohlich wirkenden GebĂ€uden spiegelt sich eindrucksvoll die Grausamkeit der RealitĂ€t von Hannibal wider.

Auch Hannibals sechste Folge prÀsentiert wieder interessante Hintergrundinformationen aus der Welt der Psychopathen. So lernen wir heute beispielsweise deren prÀferierte Berufsfelder kennen.
Besonders, wĂ€hrend man an Hannibals Esstisch den Fachsimpeleien von gleich drei ausgesprochenen Kennern der Psychiatrie lauscht, kann man zwischenzeitlich im fachterminologischen Dschungel verloren gehen. SpĂ€testens dank Dr. Lecters vertraulichem ZwiegesprĂ€ch mit seinem Kollegen zwischen verlockend doppeldeutigen Trauben - „I am much more forgiving of the unorthodox than Dr. Bloom.“ - stellt sich dann aber alles heraus. Gideon wurde scheinbar per psychic driving durch Chilton zu der fĂ€lschlichen Einsicht verholfen, dass er selbst der Chesapeake Ripper sei.
Miriams Schicksal
Mithilfe von Freddie Lounds wollen Crawford und Co. den Ripper aus der Reserve locken. Auch hier manifestieren sich Parallelen zu Thomas Harris. In der Serienversion von Hannibal fĂ€llt der Preis, den die aufdringliche Journalistin fĂŒr die Zusammenarbeit mit den Agenten zahlen muss - zumindest bis jetzt - aber noch glimpflich aus...
Am Ende der Episode taucht eine menschliche Hand auf der BildflĂ€che auf, die ein Handy umklammert, das einst wohl Miriam Lass gehört hatte. Doch ist es auch der Arm der aufstrebenden GesetzeshĂŒterin? In einem Einblick in Hannibals Vergangenheit haben wir zwar gesehen, wie Dr. Lecter die junge Frau bis zur Bewusstlosigkeit gewĂŒrgt hatte - doch tot kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sein. SchlieĂlich hat sie bislang noch nicht die verzweifelte Nachricht auf Band gesprochen, die Jack wieder und wieder wie unerhört verhallte Hilferufe aus der Vergangenheit verfolgt...
Fazit
Nach dem kurzen physischen Ăbergriff Hannibals auf Alana Bloom (Caroline Dhavernas) in der Episode âPotageâ (1x03) bekommen wir in EntrĂ©e einen ausgeprĂ€gteren Einblick in das physische Gewaltpotential des Dr. Lecter zu sehen. Die Art und Weise, wie sich der Psychiater - schuhlos und raubtiergleich - an Miriam heranschleicht, wirkt wie ein dunkles Versprechen: Dieses âEntrĂ©eâ war noch immer lediglich ein Vorgeschmack.
Bryan Fuller lĂ€sst sich in seiner Version von Hannibal nicht durch die originale Materie „versklaven“, zollt den Werken von Thomas Harris aber dennoch hinreichend Tribut. Dank seiner selbstbewussten Herangehensweise manifestiert sich in der Serie eine potente Mischung zwischen dem Charme des Alten und der Urgewalt des Neuen. Wahrlich verlockendes Futter fĂŒr die dĂŒstersten AbgrĂŒnde eines Serienjunkies...
Verfasser: Thordes Herbst am Freitag, 3. Mai 2013(Hannibal 1x06)
Schauspieler in der Episode Hannibal 1x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?