Hannibal 1x04

Hannibal 1x04

Die Folge Œuf der US-Serie Hannibal legt den Grundstein für eine verhängnisvolle Annäherung von Hannibal und Abigail. Markante stilistische Mittel stiften Bedeutung und verhelfen auch dem Fall um die mörderischen Lost Boys zu einer grausigen Eleganz.

Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) genießt in „Hannibal“ den Geschmack von Blut. / (c) NBC
Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) genießt in „Hannibal“ den Geschmack von Blut. / (c) NBC

Die Hannibal-Episode Œuf ist in den USA zwar nicht vollständig verfügbar. In anderen Ländern wird die betreffende vierte Folge der Serie nun aber ungeschnitten ausgestrahlt. An dieser Stelle wird deswegen die Kritik nachgereicht: Œuf fokussiert das Schicksal von Abigail Hobbs (Kacey Rohl), der Tochter des „Minnesota Shrike“-Killers. Kein Geringerer als Dr. Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) nimmt sich dem verstörten Mädchen an, das bereits selbst zur Mörderin geworden ist. Während sich der Kannibale auf durchtriebene Weise zu Abigails engster Bezugsperson erhebt, spiegelt sich das Thema des zwischenmenschlichen Zusammenhalts auch in dem „Fall der Woche“ wider.

Unorthodoxe Therapie

Abigail Hobbs ist ein besonderes Mädchen. Nicht nur ist sie die nun verwaiste Tochter eines berüchtigten Serienkillers. Abigail hat auch selbst ein menschliches Leben auf dem Gewissen, seit sie in der vorangegangenen Episode Potage (1x03) Nicholas Boyle ermordet hatte. Für Hannibal nimmt das Mädchen, das dank ihres Vaters schon mehrfach in den zweifelhaften Genuss von Menschenfleisch kommen durfte, zweifelsohne eine Sonderstellung ein.

In Anbetracht des dunklen Geheimnisses, das Abigail verbirgt, ist es kaum verwunderlich, dass die Gruppentherapie bei ihr nicht von Erfolg gekrönt ist. Doch nun hat sie mit Hannibal einen Mentoren an ihrer Seite, der bestens mit dunklen Geheimnissen vertraut ist. Weil es sich bei Lecter um keinen „normalen“ Psychiater handelt, ist er auch keinesfalls an der geistigen Genesung seiner Schutzbefohlenen interessiert. Stattdessen steht er ihr mit fragwürdigem Rat zur Seite („You only have to lie about one thing“) und bedient sich sogar der Droge Psilocybin, um die Angst vor ihrem Vater mit angenehmeren Assoziationen zu überlagern. Es hat dabei stets den Anschein, als würde Lecter aus seinem Protegé eher eine Soziopathin machen wollen als lediglich eine „Überlebende“.

Hannibal (Mads Mikkelsen) sieht in Abigail Hobbs (Kacey Rohl) etwas Besonderes. © NBC
Hannibal (Mads Mikkelsen) sieht in Abigail Hobbs (Kacey Rohl) etwas Besonderes. © NBC

Selbst im Rahmen dieser verhängnisvollen Entwicklung kommt eine gewisse Komik zutage. So zeigt sich Abigail, als sie sehr authentisch vor sich hin halluziniert, durchaus überrascht davon, dass ihre eigentliche Therapeutin Alana (Caroline Dhavernas) Hannibals Methodik gutheißen würde: „Dr. Bloom said this was ok?

Pilze und Nähe

Dank der Substanz, die Hannibals Pilztee freisetzt, gelingt es ihm auch tatsächlich, seinen Schützling mit der Vergangenheit zu versöhnen. Unter dem Einfluss der Droge verwandelt sich Lecter in Abigails Vater: Sie scheint somit ihre neue Bezugsperson gefunden zu haben. Ob es Hannibal jedoch tatsächlich um das Mädchen selbst geht oder ob er sie als effektive Waffe gegen Will Graham (Hugh Dancy) verwenden möchte, bleibt abzuwarten. Der Profiler fühlt sich zwar auf väterliche Weise zu dem Mädchen hingezogen, doch im Gegensatz zu Lecter scheut er die Interaktion. In diesem Zusammenhang wirkt es beruhigend, dass auch Alana Bloom Abigails Heilungsprozess verfolgt. Dass das Mädchen in ihr unter dem Einfluss der Pilze gar seine Mutter erkennt, zeugt zudem von einem ausgeprägten Vertrauen. Es ist zwar fraglich, dass Hannibal es seiner Kollegin langfristig gestatten wird, einen allzu großen Einfluss auf Abigail zu haben - doch allein Alanas Präsenz stellt einen menschlichen Lichtblick in der sonst so empathiearmen Finsternis dar.

The lost boys

Will Graham verliert sich immer mehr in den Abgründen, in die ihn seine Arbeit stürzt. Je öfter er sich in den Geist eines Kranken zurückzieht, desto schwerer scheint ihm die anschließende Wiederauftrennung in das „Er“ und das „Ich“ zu fallen.

In dem kriminologischen Fall der Episode Œuf muss Will sich mit kleinen Jungen auseinandersetzen, die von einer fremden Frau (Molly Shannon) an sich gerissen, entführt und dadurch von ihren ursprünglichen Familien entfremdet werden. Nach einer gewissen Zeit in dem neuen Familienverbund kehren die Kinder noch einmal in ihre Elternhäuser zurück, um dort ihre leiblichen Verwandten zu ermorden. Durch den blutigen Befreiungsschlag soll der unumstößliche Zusammenhalt der neuen Familie garantiert werden.

Wie ein Mahl aus der Hölle: das Schlachtfeld am Esstisch © NBC
Wie ein Mahl aus der Hölle: das Schlachtfeld am Esstisch © NBC

Erkenntnisprozess

Ebenso schonungslos wie dem Profiler Graham wird auch dem Zuschauer auf überwältigende Weise das sich bietende Grauen „aufgetischt“: Die bereits verwesten Anverwandten eines der Kinder sitzen um den Esstisch herum. Die Speisen sind schon völlig verkommen und verwandeln sich lediglich in Wills Vorstellungskraft zurück in das Festmahl, welches jetzt direkt in der Hölle serviert zu werden scheint. Der auf den Kopf gestellte Fäulnisprozess wird in Hannibal ebenso gekonnt inszeniert wie Grahams intuitive Gabe, die mithilfe eines kräftigen Zooms noch hervorgehoben wird. Besonders gelungen ist in diesem Zusammenhang Wills Interaktion mit den kurzzeitig wieder zum Leben erweckten Opfern. Dank ihrer stummen Hinweise kann der Profiler die verzerrte Vorstellung von Zusammenhalt innerhalb des mörderischen Familienzusammenschlusses entschlüsseln: „You bond with your captor - you survive.

Familien

Jack Crawford (Laurence Fishburne) und die anderen Agenten können rechtzeitig einschreiten, bevor auch das Entführungsopfer Christopher (sehr gekonnt porträtiert durch Nicholas Bode) seine leibliche Familie auslöschen konnte. Es wirkt sich positiv auf die realistische Wirkung der Serie aus, dass die Episode trotzdem nicht mit einem Sohn endet, der glücklich seine Mutter in die Arme schließt. Christopher stehen erst einmal eine ganze Reihe von psychischen Evaluationen und anderen Untersuchungen bevor: „She told me that they weren't my family. That we had to make our own family.

Durch sein Gespräch mit dem Jungen wird Crawford selbst auf den Gedanken gebracht, noch einmal Kinder in die Welt zu setzen. Seine hübsche Frau Bella (Gina Torres) reagiert auf sein Anliegen mit schroffer Ablehnung. Die Erklärung für Bellas Verhalten soll in der kommenden Episode Coquilles nachgereicht werden...

Die Gründung eines familiären Bündnisses, das nicht auf Blut, sondern auf einer selbst gewählten Abgrenzung zur Außenwelt beruht, ist im Falle der mörderischen lost boys schiefgegangen. Um die Chance einer intakten und durch und durch geschmackvollen Familie Lecter scheint es an dieser Stelle ein wenig besser bestellt zu sein...

Fazit

Der „Fall der Woche“, um den im Zuge der temporären Zensur solch ein Wirbel gemacht wurde, überzeugt in seiner durchdachten und bedeutungstragenden Inszenierung und wird doch stark durch die Haupthandlung überschattet. Im Fokus von Œuf steht die unheilschwangere Annäherung von Abigail und Hannibal, wobei auch der Verzehr der Magic Mushrooms durch einen sehr schönen Einsatz von Nahaufnahmen aufgewertet wird.

Was oft suggeriert wurde, wird zudem Gewissheit: Das „Kaninchen“, das Hannibal und der Agent Jack Crawford gemeinsam verspeisen, hatte in Wirklichkeit lediglich zwei Beine - mit Schuhen dran.

Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 7. Mai 2013
Episode
Staffel 1, Episode 4
(Hannibal 1x04)
Deutscher Titel der Episode
Verlorene Jungs
Titel der Episode im Original
Œuf
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 26. April 2013 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 24. Oktober 2013
Autor
Jennifer Schuur
Regisseur
Peter Medak

Schauspieler in der Episode Hannibal 1x04

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