Halt and Catch Fire 2x10

© ie Chaosclique von âHalt and Catch Fireâ hat eine hervorragende zweite Staffel hingelegt. / (c) AMC
Zum Ende der ersten Staffel hatte die AMC-Dramaserie Halt and Catch Fire ĂŒber den Computerboom zu Beginn der 80er Jahre herausgefunden, was ihre StĂ€rken und SchwĂ€chen waren. Letztere konnten in der nun abgelaufenen zweiten Staffel nicht ganz abgestellt, erstere dafĂŒr aber noch einmal verbessert werden. Die beiden Serienschöpfer Christopher C. Rogers und Christopher Cantwell gingen einen mutigen Schritt und stellten die Dynamik der ersten Staffel auf den Kopf.
Screw the dance, I wanna change the music
Mit Ausnahme der kritischen Rezeption hat das dem Ansehen der Serie aber leider nicht weitergeholfen. Die Einschaltquoten „69694“ haben offensichtlich kontrĂ€r zu den immer stĂ€rker anschwellenden Lobeshymnen stetig abgenommen. Nun sind wir erlesenen AnhĂ€nger der Serie auf die Gnade der AMC-Programmverantwortlichen angewiesen. Deren Auftreten auf der Pressetour der Television Critics Association stimmt indes nicht besonders hoffnungsvoll. Dort war nichts zu einer etwaigen VerlĂ€ngerung zu vernehmen.
Standen in der ersten Staffel die selbsternannten Computerpioniere Joe MacMillan (Lee Pace) und Gordon Clark (Scoot McNairy) im Zentrum der Handlung, richteten Rogers und Cantwell den Fokus in der zweiten Staffel auf Gordons Ehefrau Donna (Kerry Bishe) und deren neue GeschĂ€ftspartnerin Cameron Howe (Mackenzie Davis), in der ersten Staffel noch Geliebte und Kollegin von Joe. Die QualitĂ€t der Serie erhielt damit einen zusĂ€tzlichen Schub. Zu oft war Joe in der ersten Staffel als comichaft ĂŒberzeichneter Antiheld portrĂ€tiert worden, um ihn ernsthaft als legitimen Nachfolger von Don Draper oder Walter White einstufen zu können.
Im Staffelfinale Heaven Is a Place kehren die Serienschöpfer wieder zu diesem Archetypus zurĂŒck. In den davorliegenden Episoden gestatten sie Joe aber eine zutiefst menschliche Entwicklung, die ihn vom zweifelhaften Thron des Antihelden zu den ĂŒbrigen Figuren herunterholt. Den GroĂteil der zweiten Staffel verbringt er mit dem Versuch, ein besserer Mensch zu sein. Weil ihm seine Reputation aber vorauseilt, glaubt ihm niemand, dass er persönliche Fortschritte gemacht hat.

So kommt es, dass er nicht nur von Cameron und Donna massiv hintergangen wird, sondern auch, dass ihm sein neuer Chef Jacob Wheeler (James Cromwell) diesen Verrat nicht abnimmt. Dadurch verliert Joe nicht nur seinen Job und ein weiteres StĂŒck seiner Anerkennung in der Tech-Community, sondern auch seine Ehefrau Sara (Aleksa Palladino), die ebenfalls glaubt, dass er in alte Verhaltensweisen zurĂŒckgefallen ist.
The real security is trusting no one
Es ist nun sicherlich nicht angebracht, Mitleid mit Joe zu haben - zu oft hat er sich in der Vergangenheit wie ein uneinsichtiges, egoistisches, arrogantes Arschloch verhalten. Seinen Frust darĂŒber, dass ihm niemand die persönliche Weiterentwicklung abnehmen will, kann ich jedoch verstehen: „I decided I should do things differently. Operate from a place of total authenticity, be open, be human, do the right thing. But the truth is no one else made that pact with themselves so why should I?“
Da hat er lĂ€ngst Ehefrau und Job verloren, mit seinem untrĂŒglichen SpĂŒrsinn aber schon die nĂ€chste lukrative GeschĂ€ftsidee aufgetan - zugegebenermaĂen aber nur unter tatkrĂ€ftiger Mithilfe von Gordon. Der hat ein Antivirustool programmiert, damit Joe den durch Donna und Cameron bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Westgroup eingeschleusten Virus vernichten und somit das Wohlwollen von Wheeler und Sara zurĂŒckerobern kann. Joe weiĂ da schon, dass diese beiden ZĂŒge lĂ€ngst abgefahren sind. Also bietet er Gordon eine Zusammenarbeit an, die der aber aus (fĂŒr Joe un-)verstĂ€ndlichen GrĂŒnden ablehnt.
Am Ende ist Joe wieder der Joe von frĂŒher: glatt, selbstbewusst, arrogant. Mit zehn Millionen Dollar Risikokapital im RĂŒcken mietet er BĂŒrorĂ€ume fĂŒr hundert Mitarbeiter in bester Lage San Franciscos an. Es ist ein gigantisches fuck you an seine ehemaligen WeggefĂ€hrten, die sich ebenfalls gerade auf dem Weg nach Kalifornien befinden. Und so befriedigend der Handlungsbogen um Joe MacMillan auch war - mit denen von Cameron und Donna kann er nicht mithalten. In einer mutigen Kehrtwende wurden die beiden Sidekicks aus der ersten Staffel zu den unangefochtenen Hauptfiguren der zweiten gemacht.

Wurden die Konflikte zwischen Joe und Gordon in der ersten (und teilweise auch in der zweiten) Staffel meist lautstark und mit einer ordentlichen Portion Alphatiergehabe ausgefochten, herrscht zwischen Donna und Cameron ein ebenso konfliktbeladenes, aber viel weniger aggressiv ausgetragenes Kommunikationsverhalten. Cameron schafft mittlerweile, was Joe nie vermochte. Sie kann nun von einer Idee abrĂŒcken, wenn sie weiĂ, dass diese nicht die beste ist. Diese FlexibilitĂ€t bedeutet jedoch nicht, dass sie ihre Ideale aufgeben muss. Es bedeutet lediglich, dass ihre eigene Firma Mutiny in eine andere Richtung gefĂŒhrt werden sollte.
You weren't there
Genau das passiert am Ende der Staffel: Cameron sieht ein, dass der EntwicklungsrĂŒckstand ihres Unternehmens auf dem Spielemarkt (Nintendo hat soeben seine erste Konsole in Amerika veröffentlicht) zu groĂ ist, um ernsthaft konkurrenzfĂ€hig zu sein. Die Online-Kommunikation, Donnas Baby, steckt hingegen noch in den Kinderschuhen. Nach vielen mit harten Bandagen ausgefochtenen KĂ€mpfen sieht Cameron schlieĂlich ein, dass die Zukunft von Mutiny in diesem Bereich steckt - und in Kalifornien.
Diese Erkenntnis hat sie der besten Figur in Halt and Catch Fire zu verdanken, die von der besten Schauspielerin der Serie, der wunderbaren, grandiosen, bezaubernden Kerry Bishé gespielt wird. Im Staffelfinale laufen sie und ihr Charakter noch einmal zur Hochform auf. Donnas Ehe mit Gordon liegt in TrĂŒmmern, nachdem er in der ersten Staffel nie zuhause war und sie in der zweiten. Bei der zentralen, von beiden Darstellern herausragend gespielten Konfrontation gibt Gordon schlieĂlich zu, dass er eine AffĂ€re hatte.
Die GefĂŒhle der UnzulĂ€nglichkeit, der gigantische Selbstwertkomplex, die Gordon seit Beginn der Serie plagen, treffen hernach auf Donnas Entschlossenheit und moralische sowie körperlich-geistige StĂ€rke. Sie legt unmissverstĂ€ndlich dar, welche Auflagen er zu erfĂŒllen habe, sollte ihre Ehe noch eine letzte Chance bekommen. Gordon kommt den Forderungen nach - wirklich glĂŒcklich wirkt Donna, die ihm immer noch ihren Schwangerschaftsabbruch verschweigt, aber nicht, als er verkĂŒndet: „We could be happy again.“
Die unter widrigen UmstĂ€nden blĂŒhende Freundschaft zwischen Cameron und Donna ist das HerzstĂŒck dieser zweiten Staffel. Sie kulminiert in einer wunderbaren Szene, in der Donna ihrer GeschĂ€ftspartnerin von den Eheproblemen erzĂ€hlt. Die findet daraufhin die richtigen Worte, was man der Cameron vom Beginn der Serie niemals zugetraut hĂ€tte: „Maybe good things can come out of bad. If it weren't for Cardiff Electric, there'd be no Mutiny. If it weren't for Gordon Clark, I wouldn't have met you.“
Und wir Zuschauer hÀtten vielleicht nie diese tolle, bewegende, emotionale Geschichte erzÀhlt bekommen. Es wÀre ein Jammer, wenn das hier wirklich schon das Ende gewesen sein soll.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 5. August 2015(Halt and Catch Fire 2x10)
Schauspieler in der Episode Halt and Catch Fire 2x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?