Halt and Catch Fire 1x01

Die Autoren der neuen Retroserie Halt and Catch Fire verpacken eine originelle Story in weniger originelle Einzelgeschichten. Zu Beginn der Pilotepisode erklĂ€ren sie den Serientitel: „An early computer command that sent the machine into a race condition, forcing all instructions to compete for superiority at once. Control of the computer could not be regained.“ („Ein frĂŒher Computerbefehl, der die Maschine in eine Wettlaufsituation versetzt, was alle ĂŒbrigen Anweisungen dazu zwingt, um die Vorherrschaft zu kĂ€mpfen. Die Kontrolle des Computers war dadurch verloren.“)
Vielversprechender Auftakt
Wenngleich ich wahrlich kein Computerexperte bin (und deshalb auch nicht mit vielen computerspezifischen Metaphern werde aufwarten können), so ist diese Definition eindeutig auf die Hauptfigur der Serie gemĂŒnzt. Joe MacMillan (Lee Pace) ist ein smarter, gutaussehender, aalglatter Businesstyp mit mysteriöser Vergangenheit, der in den ersten Szenen mit seinem Porsche ein GĂŒrteltier ĂŒberfĂ€hrt, eine renitente Informatikstudentin flachlegt und sich einen neuen Job als VerkĂ€ufer bei der Technologiefirma Cardiff Electric angelt. Er will sich mit dem verkannten Computergenie Gordon Clark (Scoot McNairy) zusammenschlieĂen, um mit ihm gemeinsam einen IBM-Computer nachzubauen.
In der Pilotepisode bleibt indes unklar, was MacMillans Motivation ist, es wird nĂ€mlich schnell klar, dass er kein Computerexperte ist. Warum brennt er also fĂŒr die Idee, einen besseren Computer zu bauen als den, der von der groĂen âBlueChipâ-Konkurrenz angeboten wird - und der dem Konzern ein Beinahe-Monopol verleiht? Ist er eine Art Don Quijote, der gegen die Ăbermacht eines einzigen Unternehmens kĂ€mpfen will? Oder treibt ihn die Suche nach Ruhm und Reichtum an? Letzteres dĂŒrfte nicht der Fall sein, macht MacMillan doch zumindest Ă€uĂerlich den Eindruck, als habe er nicht unbedingt Probleme damit, schnelles Geld zu verdienen.

Bei einem ersten VerkaufsgesprĂ€ch fĂŒr seinen neuen Arbeitgeber wird indes deutlich, dass er fĂŒr die Idee eines besseren, schnelleren und einfacher zu bedienenden Personal Computer brennt - zumindest, wenn man nach der Leidenschaft urteilt, die er in dem GesprĂ€ch an den Tag legt. Mich hat der Inhalt des GesprĂ€chs nicht wirklich mitgerissen - es fĂŒhlte sich vielmehr so an, als hĂ€tten die Autoren einen ausgeschlachteten Motivationssatz an den nĂ€chsten gereiht. Sein Kollege Gordon, den er zu dem GesprĂ€ch mitgeschleppt hat, kommentiert das still mit einem hĂ€mischen Grinsen. Die potentiellen Kunden zeigen sich jedoch beeindruckt.
Joe MacMillan - der Don Draper der 80er
Jedoch hat MacMillan nicht bei Cardiff angefangen, um möglichst viele Rechenmaschinen und Computerlösungen zu verkaufen. Sein eigentliches Ziel ist es nĂ€mlich, an Gordon Clark heranzukommen. Gordons visionĂ€rer Artikel im Computermagazin Byte hat ihn aufhorchen lassen. Er glaubt, Gordon sei genau der richtige fĂŒr sein Vorhaben. RĂ€tselhaft ist wiederum MacMillans Vorgehen. Er stöĂt Gordon mehrmals vor den Kopf und verstört ihn mit seiner herablassenden Art - nur um ihn danach zu ĂŒberzeugen, bei dem riskanten Projekt mitzumachen.
Der Ăberzeugungsprozess gehört zu den weniger gelungenen Sequenzen der Auftaktepisode - vor allem auch, weil sich dieser Prozess am Ende noch einmal wiederholt. Es gehört zu den am meisten ausgelutschten TV-Tropen, dass eine Person, die einer neuen Idee zunĂ€chst abgeneigt gegenĂŒbersteht, ĂŒberzeugt werden muss. MacMillan schafft es schlieĂlich mit Ambition und verquerem Charme, sowohl Gordon als auch Cameron Howe (Mackenzie Davis) umzustimmen. Diese Szenen sind jedoch die uninteressantesten, sind sie doch vorhersehbarer als eine Ampelschaltung.

MacMillan gelingt es, Gordon umzustimmen, indem er ihn daran erinnert, welch visionĂ€re Arbeit er einst geleistet habe. Den Byte-Artikel mit dem Titel „The Future of Open Architecture“ („Die Zukunft offener Architektur“) bezeichnet er als „treasure map“, als âSchatzkarteâ. Gordon ist zunĂ€chst renitent, erinnern ihn seine damaligen Visionen doch schmerzlich daran, dass er sich und seine Familie damit einst beinahe um die Existenzgrundlage gebracht hĂ€tte.
Gordon, der VisionÀr
Seine Ehefrau Donna (Kerry Bishé) muss ihn zu Beginn aus der AusnĂŒchterungszelle abholen, weil er seine Tage nach dem Zusammenbruch des eigenen Projekts damit verbringt, einen Job abzusitzen, der ihn emotional nicht erfĂŒllt, und die Stunden danach im Alkohol zu ertrĂ€nken. Er ist ein Geist im eigenen Haus, hat kein Interesse an seinen Kindern, hilft nicht bei der Hausarbeit und gerĂ€t immer weiter in einen depressiven AbwĂ€rtsstrudel.
Donna ist ebenfalls Informatikerin, sie arbeitet bei Texas Instruments. Gemeinsam hatten sie einst versucht, ein eigenes Unternehmen zu grĂŒnden und mit dem Modell âSymbonicâ einen eigenen Computer auf den Markt zu bringen. Sie liehen sich dazu Geld von Donnas Vater, als der sich jedoch weigerte, weitere Investitionen zu tĂ€tigen, war das Projekt zum Scheitern verurteilt. Gordon hĂ€ngt jedoch heute noch daran: „The 'Symbonic' was the best thing your dad ever did“, erzĂ€hlt er voller Resignation seinen Kindern. („Der 'Symbonic' war das beste, was Euer Vater je auf die Beine gestellt hat.“)

Von Donna hat er sich hernach das Versprechen abringen lassen, keine solche Abenteuer mehr einzugehen. Seitdem streift er als leere HĂŒlle seiner selbst durch das graue BĂŒro und den ebenso grauen Alltag. Eines kann ĂŒber Halt and Catch Fire indes wahrlich nicht behauptet werden - dass es der Serie an Farbe fehlen wĂŒrde. Die Kamera, die mehrmals im schrĂ€gen Winkel aufgestellt ist, produziert wunderbar poppige Farben, unter anderem, als MacMillan und Clark in einer nĂ€chtlichen Geheimaktion den IBM-Computer nachbauen.
Tolle Farben, schöne Bilder
Die technische Umsetzung dieses Piloten ist eine der StĂ€rken der Episode. Es gibt viele Montagen, die - mit einem tollen Soundtrack unterlegt - an die groĂartigen Montagen aus Breaking Bad erinnern. Sowieso erinnert Gordon Clark in seiner depressiven UnterschĂ€tztheit und offensichtlichen Unsicherheit ein bisschen an Walter White. Sein Counterpart MacMillan wĂ€re demnach der Don Draper, wenn man bei der Analogie zu anderen AMC-Serien bleiben will. Aus diesen Formaten scheint auch der feine Humor entlehnt zu sein, der manchmal subtil (der Fön-Witz), manchmal weniger subtil (der Kurzschluss) daherkommt, mich jedoch mehr als einmal zum Lachen brachte.
Insgesamt fĂŒhlt sich die Pilotepisode von Halt and Catch Fire tatsĂ€chlich so an, als hĂ€tte man sich im AMC-Geschichtenpool bedient und diverse Elemente in ein originelles Setting verpflanzt (wenngleich das Setting angesichts der neuen HBO-Comedy Silicon Valley gar nicht mehr so originell ist). Dank einer starken Besetzung (auch die Nebenrollen, zum Beispiel Donna Clark oder MacMillans Chef John Bosworth (Toby Huss), sind glĂ€nzend besetzt), einer sehr ansehnlichen optischen Umsetzung und einem groĂartigen Soundtrack (wozu im Ăbrigen auch der sehr coole Vorspann gehört) fallen diese Kritikpunkte jedoch weniger stark ins Gewicht.* Bei mir hat die Pilotepisode groĂes Interesse geweckt, ich werde auf jeden Fall fĂŒr weitere Episoden dabeibleiben - und darauf hoffen, dass die Charaktere fortan weniger statisch und vorgestanzt wirken.
*Ich konnte als eingesetzte KĂŒnstler bisher The Clash, The Vandals und XTC identifizieren. Leider erkenne ich den grandiosen Song nicht, der wĂ€hrend der Schlussmontage lĂ€uft, als die IBM-Anwaltsarmee bei Cardiff einmarschiert. Könnte das ein Bonobo-Track sein? Vielleicht weiĂ ja einer unserer Leser mehr. WĂŒrde mich freuen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 2. Juni 2014(Halt and Catch Fire 1x01)
Schauspieler in der Episode Halt and Catch Fire 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?