Gomorrha 2x12

In meiner Review zur vorletzten Gomorrha-Episode der zweiten Staffel hatte ich abschließend geschrieben, dass die Serie ihre drei Hauptfiguren nicht unantastbar machen sollte: „Um die Glaubwürdigkeit und die Aura des realistischen Erzählens nicht zu verlieren, wäre es angebracht, würde einer der Kontrahenten zum Opfer des selbstgesäten Konflikts werden.“ Dass die Serie darauf mit einer solch fantastischen Episode wie Alles endet hier antworten würde, hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet.
Die Kinder und die Toten gehen lassen
Dabei ist die Ausgangslage eindeutig. Die drei großen Konfliktparteien, einstmals allesamt unter einer Ägide versammelt, steuern auf die ultimative Konfrontation zu. Ob sie das nun wirklich wollen oder nicht, spielt schon lange keine Rolle mehr. Die äußeren Umstände, ihre eigenen Machtansprüche und verletzten Gefühle haben sie an diesen Punkt gebracht. Es gäbe natürlich jederzeit die Option zur Flucht aus Scampia, die ja einer von ihnen längst angetreten hat. Die Geister, die sie alle drei verfolgen, wären sie damit aber nicht los. Und die Heimat wäre für zwei von ihnen Geschichte.
Bevor es aber zum emotional niederschmetternden, audiovisuell nahezu perfekt umgesetzten Finale kommen kann, muss weiteres böses Blut gesät werden. Pietro (Fortunato Cerlino) lässt seine Adjutanten weiterhin morden, als gäbe es dafür Mengenrabatt. Das erste Opfer dieser Episode ist Scianels Sohn Raffaele (Vincenzo Pirozzi), der seinen Frust über Ciros Führungsstil mit beeindruckenden Kokainportionen zu betäuben sucht. Es werden die letzten Lines seines Lebens gewesen sein, entpuppt sich die vermeintliche Bauarbeitercrew doch als Auftragsmörderbande.
Ciros getreuer Mitstreiter Pitbull (Vincenzo Fabricino) lässt sich hernach von seinem Chef eine Anweisung erteilen, die zu weiterer Eskalation führen wird: „Waffen und Männer.“ Fortan werden er und seine Tochter Maria Rita (Claudia Veneziano) von einer ganzen Bodyguard-Armada begleitet. Nützen wird das nichts, wie wir später in der bisher schlimmsten Szene der Serie, die sehr nah an der Grenze des Erträglichen wandelt, sehen werden. Dafür ist Pietro verantwortlich, dem man angesichts seines ruhigen Äußeren kaum ansieht, welch rachsüchtiges Monster in ihm wohnt.

Ciro (Marco D'Amore) steht zwar ganz oben auf seiner Prioritätenliste, allerdings gibt es ein weiteres Problem, dem er sich vorher widmen muss. Seitdem auf den Straßen Secondiglianos der Krieg tobt, muss der Drogenhandel empfindliche Einbußen hinnehmen. Die einstmals dafür eingesetzten Territorien sind wegen dauerhafter Polizeipräsenz nicht mehr nutzbar, weshalb sich Pietro eine Alternative einfallen lässt: Wenn die Käufer nicht mehr zu den Drogen kommen können, muss dieses Modell eben umgedreht werden.
Es ist zu Ende
Wer den in Gomorrha porträtierten Drogenlieferservice für unrealistisch hält, der soll bitte einen Artikel wie diesen lesen, der deutlich macht, dass es auch in deutschen Großstädten längst schon ein solches Modell gibt. Pietro kann mit den Ergebnissen jedenfalls höchst zufrieden sein, jedoch gibt es weitere Probleme, die an seiner Eigenwahrnehumg als uneingeschränkter Herrscher Scampias kratzen. Sie hören auf „Ciro“ und „Genny“ (Salvatore Esposito).
Welche Gene durch die Adern von Letztgenanntem strömen, beweist dieser eindrucksvoll an seiner neuen Wirkungsstätte in Rom. Wie er gegenüber seiner Ehefrau Azzurra (Ivana Lotito) zugibt, steckt er hinter dem Verrat an seinem Geschäftspartner Giuseppe (Gianfranco Gallo), der gleichzeitig sein Schwiegervater ist. Sie braucht eine Weile, um sich an Gedanken des Verrats am eigenen Erzeuger zu gewöhnen, steigt dann aber endgültig in die erste Klasse des Genny-Zugs ein. Er und ihr gemeinsamer, zu diesem Zeitpunkt noch ungeborener Sohn sind ihre Zukunft.
Eine ebenso schwere, aber mit fatalen Konsequenzen behaftete Entscheidung muss Genny selbst treffen, nachdem er von seinem Vater nach Secondigliano zitiert wurde. Dort erfährt er vom furchtbarsten Verbrechen, das dieser je in Auftrag gegeben hat. Um sich an Ciro wegen dessen Mord an seiner Ehefrau Immacolata zu rächen, befiehlt Pietro seinem Topleutnant Malammo (Fabio De Caro), dessen Tochter Maria Rita sehenden Auges zu ermorden. Unmittelbar nach der Szene konnte ich nicht fassen, was ich da gerade gesehen habe.

Die Frage ist nun, ob der Serie dafür applaudiert werden sollte, weil sie den Mut aufbringt, eine solch abschreckende Tat zu zeigen, und dabei absolut keine Rücksicht auf ihre Zuschauer nimmt. Ich bin dahingehend unentschlossen, weil es mir einerseits schwerfällt, den Realitätsgehalt einer solchen Szene einzuschätzen, ich andererseits aber finde, dass die Motivation Pietros zur Erlassung dieses abscheulichen Dekrets ausreichend herausgearbeitet wurde. Überdies liefert sie die Vorlage für den Abschluss der Episode, der ohne sie weniger dramatisch ausgefallen wäre.
Bitte verzeih' mir
Ciro hat noch nicht sämtlichen Lebensmut verloren, jedoch kann er auch keinen Kampfgeist mehr aufbringen, Widerstand gegen den übermächtig erscheinenden und zu allem entschlossenen Pietro zu leisten. Er überlässt Pitbull und den verbliebenen Mitstreitern den Rest seines Barvermögens und kündigt an, Scampia verlassen zu wollen. Allerdings schafft er es nicht mal von dem Dach herunter, auf das er sich zur stillen Trauer zurückgezogen hat. Dort wird er schließlich von Genny aufgefunden, der gerade die wohl schwierigste Entscheidung seines Lebens getroffen hat.
Er hält sich dabei an die Direktive, die er zuvor seiner Ehefrau an die Hand gab: „Nur wir zählen.“ Von seinem Vater fordert er hernach die Begleichung der aufgelaufenen Drogenschulden, wofür der aber lediglich einen weiteren Hinweis auf seine Herkunft und seine Stellung in der Savastano'schen Hackordnung übrig hat. Das genügt, um Genny, der sein Leben lang vom übermächtigen Schatten seines Erzeugers bedeckt wurde, davon zu überzeugen, ebenjenen zu hintergehen.
Dieser Betrug findet an einem symbolträchtigen Ort statt. Genau dort, wo Genny einst von Ciro dazu gezwungen wurde, zum ersten Mal einen Menschen zu ermorden, übergibt er nun die Waffe an seinen alten Freund, damit der sie nutzen kann, um Pietro Savastano für den Mord an seiner Tochter zur Rechenschaft zu ziehen. Das geschieht denn auch ebenso symbolträchtig am Familiengrab, wo sich der Patriarch eigentlich mit seinem Sohn treffen wollte. Als er realisiert, dass dieser ihn verraten hat, bleibt ihm nur noch Zeit für einen Satz, bevor er von Ciro erschossen wird: „Am Ende des Tages sind wir alle hier.“
Dann fällt er mit einer Kugel im Kopf auf den grauen Boden, während Ciro in die verregneten grauen Gassen verschwindet. Unterdessen praktiziert Genny das Andenken an seinen Vater, indem er seinen erstgeborenen Sohn nach ihm benennt. Das Leben geht, das Leben kommt, und so sehr man sich auch hintergeht, bleibt man doch immer miteinander verbunden. Wie grandios rätselhaft wir doch sind.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 29. Juli 2016(Gomorrha 2x12)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?