Gomorrha 2x10

Es passiert nicht sonderlich viel in der Gomorrha-Episode Tote in der Nacht. Obwohl ihr Titel suggeriert, dass die Leichenzahl einmal mehr hoch sein wird, handelt es sich lediglich um Tote im übertragenen Sinne. Sterben muss nur die Loyalität, was nun auch nichts wirklich Neues ist, in dieser Häufigkeit bisher aber nicht vorkam. Beim Machtkampf um Secondigliano ist sämtlichen Beteiligten beinahe jeder Verrat recht. Die Gegenpartei wird hernach genau dieses Vergehens beschuldigt.
Der Preis für ein besseres Leben
Dabei den Überblick zu behalten, ist kein leichtes Unterfangen. Am Ende von Jeder gegen jeden machte Ciro (Marco D'Amore) einen neuerlichen Versuch, sich mit Genny (Salvatore Esposito) gegen dessen Vater zu verbünden. Der hat jedoch auch nach den jüngsten Enttäuschungen die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Gunst seines Erzeugers zu gewinnen. Es ist wahrlich tragisch, wie verzweifelt sich Genny abmüht, dafür aber immer wieder abgestraft wird. Was soll er auch anderes tun? Die einzige Alternative wäre die Totaloppositon zu Pietro (Fortunato Cerlino) - und davon gäbe es kein Zurück.
Der ist währenddessen damit beschäftigt, weiteres Ungemach für das von Ciro angeleitete Bündnis zu stiften. Sein Getreuer Malammo (Fabio de Caro) schmuggelt ihn zu einem konspirativen Treffen mit Scianel (Cristina Donadio), die nach dem Blutvergießen der letzten Episode dazu bereit ist, die Seiten zu wechseln. Gleichzeitig haben die findigen Zuträger Ciros einen Weg gefunden, Pietro aufzuspüren. Hierzu ist dessen Botin, Beraterin und mittlerweile auch Vertraute Patrizia (Cristiana Dell'Anna) der Schlüssel. Trotz mehrfachen Simkartenwechsels verrät sie die Handybenutzung.
Trotzdem steigt sie zum heimlichen Star dieser Episode auf. Als die Figur in der Episode Geld kommt, Geld geht eingeführt wurde, hielt ich sie für nichts weiter als dramaturgisches Kanonenfutter. Niemals hätte ich damals geglaubt, dass sie das Ende der Episode erleben, geschweige denn bis kurz vor Ende der zweiten Staffel überleben würde. Nun ist sie jedoch zu einer wichtigen Spielerin in diesem undurchsichtigen Intrigennetz geworden, die ihre kurze Ausbildungszeit bemerkenswert effizient genutzt hat.

Besonders offensichtlich wird das in der besten Sequenz dieser Episode. Patrizia ist darin mit ihrem Fahrer auf dem Weg zu einem Treffen mit Genny, das der anberaumt hat, um seinen Vater vor dem erneuten Bündnisversuch Ciros zu warnen. Im Rückspiegel sieht sie einen verdächtig aussehenden Motorradfahrer, von dem aber keine Gefahr ausgeht, wie sie bei der nächsten Ausfahrt bemerkt. Ihr Instinkt hat sie allerdings nicht getäuscht. Tatsächlich wird sie von Ciros Zuträgern verfolgt. Sie realisiert, dass dies nur dank einer Handyortung geschehen kann und ergreift entsprechende Gegenmaßnahmen.
Sie kommen in der Nacht
Hieraus entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, das in einer spektakulären Verfolgungsjagd mündet. Bevor es dazu kommt, bleibt Patrizia genügend Zeit, das geplante Treffen mit Genny abzusagen und ihm über eine sichere Telefonleitung nahezulegen, auf schnellstem Weg zu Pietro zu eilen, um ihn vor einem unmittelbar bevorstehenden Anschlag zu bewahren. Für „Patri“ endet die halsbrecherische Verfolgungsjagd auf der Gegenfahrbahn indes mit der Gefangennahme - genau so, wie es Pietro gegenüber dem verdutzten Genny befürchtet.
Für Ciro ist Patrizia eine unbekannte Variable, weshalb er sich vor ihrer Befragung ein zusätzliches Druckmittel besorgt hat. Um sicherzustellen, dass sie auch wirklich das wahre Versteck ihres Auftraggebers verrät, erpresst er sie mit ihrem Bruder Alessio (Davide Iacono). Das ist, wie so vieles in dieser brutalen Serie, schwierig mitanzusehen, wird von Dell'Anna aber so grandios gespielt, dass man keine Sekunde verpassen möchte. Wenn ihre Figur der heimliche Star der Geschichte ist, so ist sie der heimliche Star dieser Serie.
Die erpresste Information kommt allerdings viel zu spät, weshalb das Sturmkommando nur ein leeres Versteck vorfindet. Für den alten Ciro wäre der nächste logische Schritt gewesen, Patrizia zu ermorden. Der nach dem jüngsten Blutvergießen - vor allem an Rosario - immer noch unter Schock stehende Ciro entscheidet sich jedoch dafür, sie mit dem Leben davonkommen zu lassen. Hinsichtlich seines Verdrusses über die rapide angestiegene Opferzahl ist es ihr gegenüber ganz offen: „Zu viele Tote, die ich hinter mir gelassen habe.“

Dass er mit einer solch vermeintlich weichen Gesinnung gegen Pietro womöglich ins Hintertreffen geraten wird, beweisen die folgenden Ereignisse. Innerhalb weniger Stunden liefert der via Malammo seine neue Verbündete Scianel schon wieder an den Feind aus. Die „Jungs“ unter Führung von Cardillo (Christian Giroso) und Capastorta (Giovanni Buselli) sollen Ciro ausliefern und werden dafür mit Scianels Drogenumschlagplatz entschädigt. Sie gehen den Deal ein, sollten aber eigentlich wissen, dass sie darauf nichts geben können.
An der eigenen Scheiße ersticken
Überdies macht Pietro abermals die Ambitionen seines Sohnes zunichte, einen ihm angemessenen Platz im neapolitanischen Untergrund zugewiesen zu bekommen: „Secondigliano gehört mir und niemandem sonst.“ Bei mir kommt angesichts solch väterlicher Härte beinahe schon Mitleid für den ruchlosen Killer Genny auf. Für Ciro sieht es derweil ähnlich düster aus - die Gruppe, die er am Ende um sich schart, ist nicht besonders imposant. Als einzige bekannte Gesichter lassen sich darin Mulatto (Luca Gallone) und Scianels Sohn Raffaele (Vincenzo Pirozzi) ausmachen - sowie natürlich Pitbull (Vincenzo Fabricino) und Zingariello (Gianluca Di Gennaro), denen aber nur marginale Rollen zufallen.
So spannend und wendungsreich die zweite Staffel von Gomorrha auch verläuft, so sehr sollte das Autorenteam aufpassen, dass das Mittel des Verrats nicht allzu oft eingesetzt wird. Es verliert dadurch an Wirkungskraft, was in extremer Form zu etwas führen könnte, das den hanebüchenen Wendungen einer Daily Soap entspricht. Nun ist mir klar, dass diese tolle Serie diesen Weg sicherlich niemals beschreiten wird, allerdings habe ich in Tote in der Nacht zum ersten Mal ein wenig Seitenwechsel-Ermüdung verspürt.
Hinzu kommt Ciros Mentalitätswandel, der zwar nachvollziehbar ist, von ihm aber etwas nuancierter vorgetragen werden könnte. Die ausbleibende Raffinesse seiner Dialogzeilen mag der deutschen Synchronisation geschuldet sein, weshalb ich mich bei diesem Kritikpunkt nicht festlegen will. Vielleicht gibt es unter unseren Lesern ja jemanden, der den Vergleich zum italienischen Original ziehen kann? Würde mich freuen.
Abschließen möchte ich diese Rezension auf einer positiven Note, die ich schon länger nicht mehr angeschlagen habe: Der Look von „Gomorrha“ ist schlichtweg fantastisch! Ich habe in diesem Jahr keine Serie gesehen, die mir optisch besser zusagt. Bei den meisten Einstellungen frage ich mich, wo die Abteilung Locationscouting nun diese tolle Kulisse wieder hergezaubert hat. Ebenso brillant ist die Verfolgungsjagd auf der Autobahn inszeniert. Hinzu kommt das herausragende Sounddesign, das nicht nur das Ende einer jeden Episode mit demselben herzzerreißenden Thema einläutet, sondern sich auch für jede Folge neue Stücke einfallen lässt. Audiovisuell spielt die Serie in der höchsten Liga.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 13. Juli 2016(Gomorrha 2x10)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?