Gomorrha 2x11

Gomorrha 2x11

Die Welt ist groß - das kann sich Genny noch so sehr einreden, um seine Familienbande zu verleugnen, mehr Wahrheitsgehalt bekommt es dadurch nicht. Entgegen dem Serientrend reüssiert die vorletzte Gomorrha-Episode der zweiten Staffel mit leisen, kontemplativen Tönen.

Ein Bild aus besseren Tagen: Azzurra (Ivana Lotito) auf dem Weg zur eigenen Hochzeit / (c) Sky
Ein Bild aus besseren Tagen: Azzurra (Ivana Lotito) auf dem Weg zur eigenen Hochzeit / (c) Sky

Regisseur Claudio Cupellini versteht es in der Gomorrha-Episode Die Welt ist groß sehr gut, die Erwartungen des geübten TV-Zuschauers zu unterminieren. Dies betrifft vor allem den Handlungsbogen um Genny (Salvatore Esposito), der ohne Blutvergießen auskommt, deswegen aber nicht weniger spannend ist. Der Junge, der so lange nach der Anerkennung seines überlebensgroßen Vaters lechzte, glaubt nun, er könne das alles hinter sich lassen und sich in Rom ein neues Leben aufbauen. Ganz reibungslos wird das nicht funktionieren.

Die Angst

Zunächst hat es jedoch den Anschein, als verlaufe alles nach Plan. Genny bereiten eher die Hochzeitsvorbereitungen mit Azzurra (Ivana Lotito) und ihrem einflussreichen Vater, dem mafiösen Bauunternehmer Giuseppe (Gianfranco Gallo), Kopfschmerzen als die Sorge um sein Kerngeschäft. Auch die Nachricht, dass einer ihrer Zuträger, die für den schmutzigen Teil ihrer Arbeit zuständig sind, aus Versehen einen Beamten umgebracht hat, den er eigentlich nur einschüchtern sollte, wird von Genny gelassen hingenommen.

Die mehrmalige Unterminierung unserer Erwartung nimmt ihren Anfang, als Genny den Besuch seiner alten Hassliebe Ciro (Marco D'Amore) empfängt. Der spürt, dass der Krieg in Neapel gegen seinen ehemaligen Chef Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) kaum noch zu gewinnen ist. Deshalb versucht er ein letztes Mal, Genny gegen den eigenen Vater aufzuwiegeln. Es klappt nicht, obwohl es in einer grandios inszenierten und deswegen äußerst spannenden Szene beinahe den Anschein hat, als könnte Genny diesen Betrug wirklich begehen wollen.

Das letzte Wort ist dahingehend längst nicht gesprochen, wie das Ende der Episode zeigt. Zu dem Zeitpunkt kann sich manch Zuschauer - mich eingeschlossen - bereits darüber freuen, dass zwei weitere Male nicht das eingetreten ist, was man hätte erwarten können. Die Szene mit der eigentlichen Heirat von Genny und Azzurra wird von Cupellini so inszeniert, als könnte es jederzeit zu einem Anschlag auf die Hochzeitsgesellschaft kommen. Selbiges gilt für die Party danach, von der das Brautpaar fernbleibt, weil es dort kaum jemanden kennt.

Giuseppe (Gianfranco Gallo; l.) erhält schlechte Neuigkeiten. © Sky
Giuseppe (Gianfranco Gallo; l.) erhält schlechte Neuigkeiten. © Sky

Statt zum blutigen Überfall (der zugegebenermaßen nicht allzu viel dramaturgischen Sinn ergeben würde) kommt es lediglich zur Festnahme des Brautvaters, dem hernach zur Last gelegt wird, den - versehentlichen - Mord an dem Beamten in Auftrag gegeben zu haben. Verraten wurde er von Missetäter Alfredo (Alessio Lapice), dem es nicht schnell genug gelungen ist, sich ins venezolanische Exil zu flüchten. Die Verhaftungsszene erinnert an ebenjene aus der The Sopranos-Episode Mr. and Mrs. John Sacrimoni Request (6x05), was jederzeit willkommen ist.

Immer eine Wahl

Nun stellt sich natürlich die Frage, wer den geheimen Aufenthaltsort Alfredos an die Polizei verraten hat. Es ist durchaus erstaunlich, wie schnell Azzurra diese Frage an den Anwalt ihres Vaters stellt. Ganz offensichtlich ist sie nicht mit der Rolle der stummen Ehefrau und Kindererzieherin zufrieden, sondern auch an einer Beteiligung an den väterlichen Geschäften interessiert. Dabei könnte sie mit ihrem frischgebackenen Ehemann aneinanderrasseln, dessen Blick am Ende der Episode zumindest andeutet, dass er in Giuseppes Abwesenheit die Möglichkeit weiteren Machtzuwachses erkennt.

Ein weiterer Schuldiger könnte Ciro sein, der Genny einen Grund liefern will, nach Secondigliano zurückzukehren und sich dem eigenen Vater zu stellen. Zuzutrauen wäre es dem mit allen Wassern gewaschenen „Unsterblichen“, allerdings wäre es eine aus logischer Sicht nicht ganz einwandfreie dramaturgische Entscheidung, ihn über eine solch profunde Vernetzung verfügen zu lassen. Wir hören ihn zwar in dieser Episode, wie er seine Truppen zu besserer Informationsgewinnung anmahnt, jedoch wird das Thema danach nicht noch einmal angesprochen.

Angesichts der narrativen Sorgfalt, mit der zum Beispiel bei der Abwesenheit von Genny und Azzurra während der Verhaftung vorgegangen wurde, ist es also unwahrscheinlich, dass Ciro hinter dem Verrat steckt. Er kann sich mittlerweile beinahe nur noch auf seinen Instinkt verlassen, der jedoch weiterhin bestens funktioniert. Zwischen die Mühlen seines Fernduells mit Pietro kommen dennoch zwei seiner Soldaten. O'Mulatto (Luca Gallone) wird vom eigenen Mann erschossen, dem der neue Savastano-Loyalist Cardillo (Christian Giroso) wohl ein nettes Sümmchen versprochen hat.

Pietro (Fortunato Cerlino) sitzt wieder auf seinem Thron. © Sky
Pietro (Fortunato Cerlino) sitzt wieder auf seinem Thron. © Sky

Es ist wahrlich kein einfaches Unterfangen, den Überblick über die Zugehörigkeiten verschiedener Nebenfiguren zu behalten. Ebenso schwierig ist es, die wahren Absichten ebenjener Protagonisten zu durchschauen. O'Zingarello (Gianluca Di Gennaro) sieht den Kriegszustand in Secondigliano als perfekte Gelegenheit, die Parteien gegeneinander auszuspielen, kommt dabei aber gnadenlos unter die Räder. Weil Ciro die Gefahr erkennt und einem Treffen fernbleibt, bei dem er hätte umgebracht werden sollen, ereilt Verräter „Zinga“ dieses Schicksal.

Macht muss man zeigen

Pietro lässt es sich nicht nehmen, beim durch Malammo (Fabio de Caro) herbeigeführten Erdrosselungstod genüsslich zuzuschauen. Er fühlt sich mittlerweile so sicher, dass er sein winziges Versteck verlassen hat, um in einen angemessen herrschaftlichen Palast umzuziehen. Diese neue Wohnung darf er nach meinen Berechnungen aber ebenso wenig verlassen wie die alte, schließlich ist er immer noch ein gesuchter Mann, der aus der Haft entkommen ist. Vielleicht hat er sich ja deswegen in Patrizia (Cristiana Dell'Anna) verliebt - eine viel größere Auswahl gibt es schließlich nicht.

Herzlichen Glückwunsch übrigens an einen unserer User, der korrekt vorausgesehen hat, was zwischen Pietro und Patrizia passieren würde. Überhaupt erfreut sich dieses Paar - vor allem der weibliche Part - in unseren Kommentarspalten großer Beliebtheit, weshalb es umso spannender zu sehen sein wird, wie das Finale der zweiten Staffel für die beiden ausgeht. Cerlinos Status als Hauptdarsteller wird dabei wohl verhindern, dass er den Krieg gegen Ciro - und eventuell seinen eigenen Sohn -, oder gar das eigene Leben verliert.

Andererseits wäre es Gomorrha in dieser Hinsicht anzuraten, die drei Hauptfiguren nicht allzu unantastbar zu machen. Die Serie ist kein zweites „Sopranos“, wo die Mafiageschichte nur einen Teil der Geschichte ausmachte. Das hier ist eine knallharte Actionserie mit Elementen einer Sozialstudie, die viel mehr als das artverwandte HBO-Jahrhundertformat vom Plot vorangetrieben wird. Um die Glaubwürdigkeit und die Aura des realistischen Erzählens nicht zu verlieren, wäre es angebracht, würde einer der Kontrahenten zum Opfer des selbstgesäten Konflikts werden. Bald wissen wir mehr.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 20. Juli 2016
Episode
Staffel 2, Episode 11
(Gomorrha 2x11)
Deutscher Titel der Episode
Die Welt ist groß
Titel der Episode im Original
Nella gioia e nel dolore
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 14. Juni 2016 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 19. Juli 2016
Regisseur
Claudio Cupellini

Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x11

Darsteller
Rolle
Fortunato Cerlino
Marco D'Amore
Gianfranco Gallo
Ivana Lotito

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