Gomorrha 2x06

Am Ende der Gomorrha-Episode Der Aufstand gibt es eine Szene, die kurzzeitig den Anschein erweckt, als würde sie gängige Fernsehregeln außer Kraft setzen wollen. Genny Savastano (Salvatore Esposito) kommt darin gerade erst in seiner Heimat Neapel an, um Ordnung in eine verfahrene Situation zu bringen. Er bietet seinen Widersachern eine Amnestie an: Stimmten sie seinen Bedingungen zu, vergäße er ihre vergangenen Missetaten und hieße sie wieder im Mantel des einst so mächtigen Savastano-Klans willkommen.
Wie die Hunde
Wären seine Verhandlungspartner darauf eingegangen - und einer von ihnen will das auch unbedingt -, hätte das dem üblichen Muster zunehmender Eskalation widersprochen. Dramaserien sind bekanntlich dauerhaft hungrig nach neuen Konflikten, die durch besagte Eskalationen meist erreicht werden. Hätte sich Gomorrha diesem üblichen Pfad nun verweigert, wäre das eine kleine Überraschung gewesen, hätte aber gut ins Bild dieser Serie gepasst, die sich stets um größtmöglichen Realismus bemüht. Statt einer neuen Eskalationsstufe wäre alles beim Alten geblieben - wie es im richtigen Leben eben oft auch geschieht.
Es gibt kaum Formate, die einen solchen Weg einschlagen. Als Beispiele fallen mir The Wire und Mad Men ein, die eher als Blick auf das Leben der Protagonisten zu verstehen sind denn als Aneinanderreihung von sich ständig übertrumpfenden Handlungsbögen. „Gomorrha“ hat sich nun dazu entschieden, die Eskalationsroute zu nehmen, was die Serie keinesfalls schlechter macht. Schon aus vergangenen Episoden ist uns schließlich bekannt, dass Stefano Sollima und Konsorten eine Vorliebe für wohlplatzierte und hervorragend inszenierte Actionszenen haben.
Hier lassen sie nun einen Spieler auftreten, der bisher nur im Hintergrund agierte. Bevor dieser aber seine wilden Aktionen beginnt, werden wir Zeuge der endgültigen Verschiebung des Machtverhältnisses zwischen Genny und seinem Vater Pietro (Fortunato Cerlino). Letztgenannter versucht bei einem persönlichen Treffen, den Geist der Vergangenheit heraufzubeschwören und so zu seinem Sohn durchzudringen. Der will davon aber nichts wissen, was er sich nun leisten kann, sitzt er doch auf dem größten Trumpf, den der dezimierte Klan vorzuweisen hat - die Drogenverbindung in den honduranischen Dschungel.

Pietro wird vor die Wahl gestellt, Genny entweder zu folgen oder alleine zu bleiben: „Vertrau' diesem Sohn, den du dir so sehr gewünscht hast.“ Angesichts der folgenden Ereignisse bleibt dem ehemaligen Don kaum etwas anderes übrig, als sich den Forderungen seines Sohnes zu beugen. Im letzten verbliebenen Häuserblock, wo der Rest des Savastano-Klans noch das Sagen hat, brechen nämlich interne Querelen aus, wobei selbst innerhalb dieser Streitfraktionen keine Einheit besteht. Die alte Garde wird repräsentiert durch Malammo (Fabio de Caro) während die jungen Hungrigen von O'Track (Carmine Monaco) angeführt werden.
Die Jungs aus'm Block
Letztgenannter und sein Kumpel Capasto (Giovanni Buselli) bessern ihr wegen des Ausgehverbots dürftiges Einkommen auf, indem sie ein Wettbüro überfallen. Ihr Freund Cardillo (Christian Giroso) hingegen versucht es mit Drogenhandel in einem Bereich, der von Malammo beherrscht wird. Wenig überraschend bekommt er dafür postwendend die Quittung. Auch O'Track und Kollege werden übelst zusammengeschlagen. Das alles geschieht auf Anweisung von Ciro (Marco D'Amore), der später eine andere Taktik verfolgen wird.
Nachdem die Nachwuchsgangster von den eigenen Vorgesetzten zurechtgewiesen wurden, sieht er den Zeitpunkt gekommen, die Savastanos weiter zu schwächen. Er macht Cardillo den Vorschlag, die Seiten zu wechseln, was der seinen Verbündeten vorträgt. Sowohl O'Track als auch Capasto sind empfänglich für die Meuterei, haben sie ihre Loyalität doch spätestens seit der jüngsten Gewalttat gegen sie abgelegt. Cardillo hingegen will zu seinen Förderern halten, wodurch es abermals zu einem Bruch ehemaliger Freundschaften kommt.
Die höchste Eskalationsstufe ist da aber noch nicht erreicht. O'Track sieht inmitten dieses Chaos die Gelegenheit, sich einen viel größeren Teil des mafiösen Kuchens einzuverleiben. Der Aggressivleader spornt seine willigen Mitkämpfer an, einen militärisch organisierten Überfall zu planen - und das fast ohne Schusswaffen. Ganz in Schwarz gekleidet wartet die Truppe einen günstigen Moment ab und stürmt dann den Häuserblock, von dem aus Malammo seine Geschäfte leitet. Dessen Wohnung wird mit einer Handgranate gesprengt, wonach O'Track vom Balkon aus verkündet, dass dieser Drogenumschlagsplatz nun ihm gehört.

Es ist eine atemberaubende Sequenz - nicht nur, weil die Jungs mit ungekannter Präzision vorgehen, sondern auch, weil sie sämtliche Bewohner aus dem Haus treiben, was unbequeme Assoziationen weckt. Ciro will sich darum nicht weiter kümmern, sondern sich weiterhin dem Drogenhandel mit Gennys gutem Stoff widmen. Er geht davon aus, dass es für ihn nur vorteilhaft sein kann, wenn sich seine Konfliktparteien untereinander zerfleischen. Innerhalb seiner Organisation gibt es jedoch Gegenstimmen - sowohl Scianel (Cristina Donadio) als auch Rosario (Lino Musella) beäugen die Situation skeptisch.
Kleine Kinder brauchen Milch
Malammo hingegen glaubt, dass Ciro hinter dem Aufstand steckt, was er so auch von seiner Nichte Patrizia (Cristiana Dell'Anna) an Pietro ausrichten lässt. Ein Racheplan ist schnell gefasst, wobei unklar bleibt, ob dieser vom Don abgesegnet ist. Ob sanktioniert oder nicht, spielt hernach allerdings keine große Rolle, weil O'Track lebend davonkommt. Die Antwort darauf lässt nicht lange auf sich warten - der Überlebende macht mit einem Soldaten aus Malammos Reihen kurzen Prozess. Nun sickert auch bis nach Rom durch, dass mit diesem ambitionierten Gewalttäter nicht zu spaßen ist.
Genny sieht sich also gezwungen, nach Neapel aufzubrechen, was seiner schwangeren Freundin Azzurra (Ivana Lotito) erwartungsgemäß missfällt. Dort macht er beim von Cardillo anberaumten Treffen ein aus seiner Sicht großzügiges Angebot: Sollten O'Track und Konsorten zustimmen, wieder zu den alten Herrschaftsstrukturen zurückzukehren, würden ihre jüngsten Vergehen nicht geahndet. Die Antwort seines Gegenübers könnte eindeutiger nicht sein. Er zieht kurzentschlossen die Pistole und schießt auf Gennys Begleiter, von denen nur Malammo überlebt.
Genny selbst wird verschont, jedoch mit einer eindeutigen Nachricht nach Hause geschickt: „Wer jetzt noch für die Savastanos ist, ist gegen uns.“ Cardillo, der eben noch versucht hatte, deeskalierend zu wirken, schlägt sich nun doch wieder auf die Seite seines Kameraden: „Von heute an hungert unser Block nicht mehr.“ Es gibt nun eine neue Macht in Scampia, und die wird sich kaum darum scheren, dass sich Pietro endgültig von seinem Sohn lossagt. Die Verwerfungen werden immer unübersichtlicher, bleiben aber konstant spannend. Diese Serie gönnt sich keinerlei Verschnaufpause.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 15. Juni 2016(Gomorrha 2x06)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x06
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