Gomorrha 2x04

Gomorrha 2x04

Mit der Episode Geld kommt, Geld geht bleibt die Mafiaserie Gomorrha in bestechender Form. In Neapel kündigt sich ein neuer Krieg an, weil ein altbekanntes Gesicht seine Rückkehr feiert. Zwischen die Fronten geraten einmal mehr die Unschuldigen.

Annalisa „Scianel“ (Cristina Donadio) und Ciro (Marco D'Amore) beraten die nächsten Schritte. / (c) Sky
Annalisa „Scianel“ (Cristina Donadio) und Ciro (Marco D'Amore) beraten die nächsten Schritte. / (c) Sky

Es ist erstaunlich, wie groß der Fokus ist, den Kreativdirektor Stefano Sollima und seine Kollegen auf die sozioöknomische Wirklichkeit Neapels werfen. Die einzelnen Episodengeschichten sind von nahezu Procedural-esker Qualität - und das so sehr, dass man beinahe vergisst, wer die Hauptfiguren von Gomorrha sind. Jedoch laufen Haupt- und Nebenplot nicht nebeneinander her, sondern durchmischen sich stets - wobei es nicht selten vorkommt, dass eine neu eingeführte Figur am Ende einer Episode den gewaltsamen Tod findet.

Bei den Hyänen herrschen die Weibchen

Ein ähnliches Schicksal hatte ich zu Beginn von Geld kommt, Geld geht für Patrizia (Cristiana Dell'Anna) befürchtet, weshalb ich positiv überrascht wurde, als sie diesem Ausgang - zumindest vorübergehend - entgehen konnte. Vielmehr wird sie zu einer zentralen Figur im neu aufbrandenden Krieg zwischen alten und neuen Kräften des neapolitanischen Untergrunds. Zu ihrem Leidwesen ist sie die Nichte von Savastano-Capo Malammo (Fabio de Caro), was ihr schnell einen Job in dessen ausgedünnten Reihen einbringt.

Es gibt jedoch einen weiteren Grund, wieso die Wahl gerade auf Patrizia fällt. Sie arbeitet in einer Boutique, in der sich die gefürchtete Donna Annalisa „Scianel“ Magliocca (Cristina Donadio) gerne neu einkleiden lässt. Überdies ist sie mit deren Schwiegertochter Marinella (Denise Capezza) befreundet, weshalb sie sich als Zuflüstererin diverser Aufenthaltsorte der Patin bestens eignet. Die Taktik des nach Secondigliano zurückgekehrten ehemaligen Alleinherrschers Pietro (Fortunato Cerlino) ähnelt ebenjener der Dschungel- oder Stadt-Guerrilla und lässt sich am besten mit einem Muhammad-Ali-Zitat umschreiben: „Float like a butterfly, sting like a bee.

Mithilfe diverser Zuträger gelingt es seinen Loyalisten, den Gegenspielern empfindliche Stiche zu verpassen, wobei jedes Mal Annalisa ins Visier genommen wird. Zunächst wird auf offener Straße ein Drogenkurier ausgeraubt, dann mit großkalibrigeren Waffen und mehr Gewalt vorgegangen. Bei der Beratung der neugeformten wackligen Allianz unter der inoffiziellen Führung von Ciro (Marco D'Amore) kommt dann auch bald zur Sprache, dass nach dem Mord an Conte nur noch ein Klan für diese Taten in Frage kommt.

Der erste Weg von Don Pietro (Fortunato Cerlino) führt ihn ans Grab seiner Ehefrau. © Sky
Der erste Weg von Don Pietro (Fortunato Cerlino) führt ihn ans Grab seiner Ehefrau. © Sky

Bis die Runde dahintersteigt, wer hinter diesen Angriffen steckt, muss viel Blut vergossen werden. Dank eines Zuträgers, den sie nur „Gemüsejunge“ nennt, erfährt Scianel, wer hinter dem Überfall ihrer Pokerrunde steckt. Dort darf sie auch erklären, wie sie zu ihrem Spitznamen gekommen ist. Sie kenne sich außerordentlich gut mit Parfums jedweder Art aus - und der Duft des Angreifers sei leicht zu erkennen: „Dein Duft hat die Kopfnote Tod.“ Angesichts solcher Ansagen ist es doch ein bisschen verwunderlich, wieso sich der Räuber nach seinem Beutezug nicht besser zurückhalten kann.

Mein Blut

Zu spüren bekommt Annalisas Härte auch die bemitleidenswerte Marinella, die von der Mafiosa wie ein Schoßhündchen behandelt wird - ein Schoßhündchen allerdings, das sie nicht besonders gern hat. Marinella ist bereits ihrem Sohn Lello (Daniele Vicorito) versprochen, der jedoch im Gefängnis einsitzt. Besonders viel macht das Marinella aber nicht aus, vergnügt sie sich doch sowieso viel lieber mit dem Fahrer ihrer Schwiegermutter, Mario (Michele Rosiello). Für das Schicksal dieser beiden hatte ich über den Verlauf der Episode ein ähnlich schlechtes Gefühl wie für Patrizia.

Die weiß aber vom ersten Moment, in dem ihr Onkel Malammo auftaucht, dass diese Geschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit einen schlimmen Ausgang für sie haben wird. Er, der immer nur kommt, wenn er etwas braucht, und für den Verlust ihres Vaters - seines Bruders - nie tröstende Worte für sie übrig hatte, erfüllt ihre Erwartungen prompt. Sie soll dabei behilflich sein, Pietro nach Hause zu bringen - und, wenn das geschafft ist, als seine Botin arbeiten. Nach kurzer Bedenkzeit, in der sie vor lauter Nervosität wieder mit dem Rauchen anfängt, willigt sie ein. Als Gegenleistung fordert sie die Unversehrtheit ihrer Geschwister, um die sie sich alleine kümmert.

Malammo verspricht ihr das, kann aber zukünftig herzlich wenig ausrichten, wenn Scianel herausfindet, wer den Ort ihres Pokerspiels - übrigens wieder eine schöne Parallele zu Handlungsbögen sowohl in The Sopranos als auch The Wire - verraten hat. Nicht umsonst wird „Annali“ von Ciro als „Rottweiler“ bezeichnet. In diesem Moment erkennt er, wie der Plan von Don Pietro aussieht. Er ordnet die Sabotageaktionen nicht etwa an, um dem Finanzpolster seiner Gegenspieler zuzusetzen, sondern um diese zu reizen, um Zwietracht innerhalb des Bündnisses zu säen, das sowieso auf tönernen Füßen steht.

Patrizia (Cristiana Dell%26#039;Anna) ahnt Böses. © Sky
Patrizia (Cristiana Dell%26#039;Anna) ahnt Böses. © Sky

Schlügen sie nun mit der Rigorosität eines Bluthundes zurück, würde das die Aufmerksamkeit der Polizei wecken, was für das Geschäft sämtlicher Beteiligter schlecht wäre - und vor allem den Savastanos den Freiraum schaffen würde, sich in Scampia wieder auszubreiten. Die Gruppe beschließt also, ein Gesprächsangebot vorzubringen, jedoch nicht an Pietro, sondern an Genny (Salvatore Esposito), der sich gerade in seiner wahnsinnig geschmacklos eingerichteten Wohnung in Rom langweilt.

Seine Augen, seine Ohren und sein Mund

Ob die Capos Genny für weniger gerissen halten und deswegen mit ihm verhandeln wollen, oder ob die Serie nur einen Grund braucht, ihn nach Neapel zurückzuholen, lässt sich derweil noch nicht zweifelsfrei sagen. Gänzlich frei von schwer glaubwürdigen narrativen Konstruktionen war Gomorrha in der Vergangenheit aber nie, was angesichts der hohen Qualität aller anderen Serienelemente leicht zu verschmerzen ist. In diesen Bereich fällt auch die auffallende Abwesenheit sämtlicher polizeilicher Aktivitäten.

Nun erscheint es als bewusste Entscheidung des Kreativteams, diesen Teil der Mafiaaktivitäten beinahe gänzlich auszublenden. Vielleicht ist das besser so - die „Sopranos“ ritten sich schließlich immer tiefer in die Glaubwürdigkeitsbredouille, je mehr sie das FBI einbanden. Dort mussten wir einfach hinnehmen, dass die nationale Strafverfolgungsbehörde vor allem inkompetente Ermittler beschäftigte. „Gomorrha“ war indes von Beginn an eine Serie, die sich vornehmlich mit den Mafiosi und ihrer sozioöknomischen Umwelt beschäftigte - und das darf gerne so bleiben.

Am Ende von Geld kommt, Geld geht bekommen wir dann auch eine Erklärung dafür, warum Patrizia vorerst ein längeres Leben beschieden ist. Sie entwickelt sich im Laufe der Episode von der eingeschüchterten Zuschauerin zur entschlossenen Mitwisserin, die eine Chance darin erkennt, dem Don in seinem kümmerlichen Kämmerchen treue Dienste zu erweisen. So sehr ist sie davon überzeugt, dass sie sich eigenhändig das Tattoo entfernt, das sie sich als Andenken an ihren Vater hatte stechen lassen und das von Pietro belächelt wurde.

Nun hat jedoch sie das Lachen. Nun ist sie die Löwin.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 1. Juni 2016
Episode
Staffel 2, Episode 4
(Gomorrha 2x04)
Deutscher Titel der Episode
Geld kommt, Geld geht
Titel der Episode im Original
Profumo di iena
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 17. Mai 2016 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 31. Mai 2016
Regisseur
Francesca Comencini

Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x04

Darsteller
Rolle
Marco D'Amore
Fortunato Cerlino
Marco Palvetti

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