Gomorrha 2x02

Es ist ein Kaltes Land, dieses Deutschland. Nicht immer, aber meistens. Wie kalt es dort auch emotional zugehen kann, beweisen in der gleichnamigen Gomorrha-Episode ausgerechnet zwei Italiener. Zunächst führt uns die Serie aber in den honduranischen Dschungel, wo sich Genny Savastano (Salvatore Esposito) als Drogenschmuggler verdingt. Ein Jahr ist vergangen, seit er nach dem Mafiakrieg gegen seinen besten Freund Ciro schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Kalt und fremd
Nun ist er wieder bei Kräften, schlanker und trägt immer noch dieselbe martialische Frisur. Sein Verhalten hat sich ganz offensichtlich daran orientiert. Von seinem früheren Selbst, dem verwöhnten Genny, der alles haben, aber nichts dafür tun wollte, scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Ihm und seiner Crew sind zwei Soldaten der honduranischen Armee ins Netz gegangen, weshalb er nun entscheiden soll, was mit ihnen anzustellen ist. Seine Mitstreiter fordern ihn dazu auf, einen der beiden auf der Stelle hinzurichten, aber Genny hat einen anderen, weitsichtigeren - und extrem brutalen - Plan.
Um den Hauptmann gefügig zu machen und ihn zukünftig als Spion bei seinen staatlichen Verfolgern einzusetzen, zwingt Genny ihn dazu, seinen Kameraden mit einer Machete zu ermorden. Er nimmt das auf Video auf und muss hernach gar nicht aussprechen, was mit der Aufnahme passieren sollte, würde sich der Kommandant nicht in seine Dienste stellen. Regisseur Sollima erspart uns kein grausames Detail dieses brutalen Vorgehens. Lange lässt er die Kamera auf dem verzweifelten Gesicht des Hauptmanns, als der realisiert, was er tun muss, um zu überleben.
Ebenso quälend lange zieht sich der eigentliche Mord hin. Der Soldat muss mehrfach zuschlagen, bis sein Opfer vom Tod erlöst wird. Ein Schlag auf den Hals bringt noch nicht das gewünschte Ergebnis, ebensowenig das Abtrennen eines Unterschenkels oder der Schlag in die Magengegend. Erst ein Hieb auf den Kopf macht der brutalen Prozedur ein Ende. Genny zuckt währenddessen nicht ein einziges Mal zusammen. Danach freut er sich sogar ein bisschen, dass ihm dieser Schachzug eingefallen ist. Von seinen Untergebenen wird er dafür mit ehrfürchtiger Hochachtung bedacht.

Es ist der brutale Höhepunkt einer Episode, die sich fortan eher der Darreichung emotionaler Magenschläge verschreibt. Interessant ist dabei in fast jeder Szene die Entscheidung von Regisseur Sollima, das Geschehene beinahe wortlos zu inszenieren. So erhält die Serie filmische Qualität. Ich kann mich jedenfalls an kaum eine TV-Episode diesen Jahres erinnern, in der so wenig gesprochen wird und gleichzeitig so viel passiert. Daran erkennt man eine eindeutige künstlerische Vision, die bewusste Entscheidung, die eigene Geschichte überwiegend bildlich zu erzählen.
Abschied aus dem Urwald
Obwohl sich Genny in Honduras eine ansehnliche Reputation erarbeitet hat, ist er dort nicht heimisch geworden. Also geht es zurück nach Italien, wo er zunächst einen Zwischenstopp in Rom einlegt. Sein dortiger Kontaktmann bringt ihn nicht nur luxuriös unter, sondern macht auch einen Geschäftsvorschlag, der Genny größere Aufträge und ihm die Kontrolle über einen Großteil des römischen Drogenhandels einbringen würde. Das lehnt der junge Savastano aber sogleich ab. Er will seinen Stoff auf dem freien Markt anbieten - wahrscheinlich, um bessere Preise zu erzielen.
Was danach kommt, verstärkt jedoch den Eindruck, dass er gar nicht so sehr daran interessiert ist, seine Marktmacht auszubauen. Über Scampia, wo er mehrere Pakete mit Diamanten ausgräbt, reist er per Zug nach Köln. Dort angekommen, heißt es erstmal warten. Wie schon in der fünften Staffel von Homeland bedeutet das für uns deutsche Zuschauer, dass wir uns an Drehorten erfreuen können, die wir kennen. Und der Kölner Hauptbahnhof - spezieller: dessen Backwerk-Filiale - ist vermutlich nicht nur den Ortsansässigen wohlbekannt.
Auch an dieser Stelle sei noch einmal die herausragende visuelle Umsetzung hervorgehoben. In Zeiten, in denen ganze Filme im Computer entstehen, ist es wohltuend zu sehen, wie unmittelbar und direkt reale Orte doch sein können. Genny kann sich daran wohl weniger erfreuen, dauert es doch den ganzen Tag, bis er endlich an seinem Ziel ankommt. An einer Tankstelle taucht sein Vater Pietro (Fortunato Cerlino) auf und die beiden schließen sich nach langer Zeit wieder in die Arme. Von echter Harmonie ist aber schon da nicht viel zu spüren - ein Gefühl, das sich im Laufe der Episode nur verschlimmern wird.

Vom einstigen Glanz - wenn man das überhaupt so beschreiben kann - des Savastano-Klans ist nicht viel übrig geblieben. Pietro wohnt in einer schlichten Hochhauswohnung, zum Abendessen kocht er Spaghetti mit Tomatensoße und morgens muss er sich einen regelrechten Tablettencocktail verabreichen, um ohne Schmerzen durch den Tag zu kommen. Geschäftlich läuft es auch nicht besser. Sein Kölner Kontaktmann Mico hält nicht viel von Gennys Diamanten und will nicht den vereinbarten Preis dafür bezahlen.
Wie gewonnen...
Überdies hat Genny dank seiner Drogenconnections aufgeschnappt, dass die kalabrische Konkurrenzorganisation N'Drangheta nicht besonders zufrieden ist mit der Arbeit von Mico und ihn umbringen lassen will. Pietro missachtet den Rat seines Sohnes, wobei es zum Eklat zwischen den beiden kommt. Sie machen sich übelste Vorwürfe, wobei noch einmal das Schicksal von Ehefrau und Mutter Imma sowie die Ausbruchsstrategie des ehemaligen Dons zur Sprache kommen. Es sind emotional aufwühlende Szenen, die nur durch das Ende der Episode übertroffen werden.
Nachdem das Vater-Sohn-Gespann eine Lieferung schwerer Waffen - inklusive Handgranaten, Panzerfäuste und Maschinengewehre - abgenommen hat, kommt es zu ebenjenem Anschlag, den Genny vorausgesagt hatte. Mico und all seine Mitstreiter werden erschossen, während den Savastanos nur knapp die Flucht gelingt. Eine Polizeisperre zwingt die beiden anschließend, ebenjene Flucht zu Fuß fortzuführen. Als Pietro nicht mehr weiter kann und sich schon ergeben will, hievt ihn Genny über die Schultern und trägt ihn in ein abgeschirmtes Waldstück.
Ganz ohne eigenen Mord kommt Genny jedoch nicht davon. Den Fahrer eines Wagens erdrosselt er, nachdem er den Euskirchener dazu gezwungen hat, sein Auto zur Flucht bereitzustellen. Übernachten müssen die beiden schließlich in einer verlassenen Werkshalle, auf deren nackten Betonboden Genny ein spärliches Feuer errichtet. Das hätte sich der Don von Scampia vor wenigen Jahren wohl nicht im schlimmsten Albtraum vorgestellt. Am nächsten Morgen trennen sich die Wege der beiden schon wieder.
Während Genny noch schläft, organisiert sein Vater die Abholung, gibt ihm aber nicht Bescheid. Wäre Genny nicht aufgewacht, hätte ihn Pietro wohl einfach liegenlassen. Viel besser ist das, was danach kommt, aber auch nicht. Der ältere Savastano hält es für angeraten, Deutschland auf getrennten Wegen zu verlassen. Wenige Stunden, nachdem sie sich zum ersten Mal nach langer Zeit wiedergesehen haben, will Pietro schon nichts mehr mit seinem Sohn zu tun haben. Seine tröstenden Worte hallen besonders bitter nach: „Deine Zeit wird kommen.“
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 17. Mai 2016(Gomorrha 2x02)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x02
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