Gomorrha 1x12

Gomorrha 1x12

Viele Überlebenden gibt es im Finale der ersten Staffel von Gomorrha nicht. Die Episode trägt schließlich auch den vielsagenden Titel „Krieg“. Sie leidet jedoch unter dem unbedingten Willen, einen spektakulären Abschluss präsentieren zu wollen - Cliffhanger inklusive.

Ciro (Marco D'Amore, r.) hat noch keine Ahnung, dass Genny (Salvatore Esposito) von seinem Verrat weiß. / (c) Sky Italia
Ciro (Marco D'Amore, r.) hat noch keine Ahnung, dass Genny (Salvatore Esposito) von seinem Verrat weiß. / (c) Sky Italia

Bereits Ende Juni kündigte Gomorrha-Produzentin Gina Gardini in einem Interview mit SERIENJUNKIES.DE® an, dass man sich bereits mitten in den Vorbereitungen zu einer zweiten Staffel befinde. Von offizieller Seite gibt es zwar immer noch keine Ankündigung neuer Ausgaben, doch wird die Frage, wann genau die Kreativen gewusst haben, ob sie weitere Geschichten der Camorra erzählen können, viel interessanter, wenn man die Ereignisse im Finale kennt.

Hast du einen Glauben?

Das mit Cliffhangern beinahe schon überladene Ende suggeriert, dass die Produzenten schon während der Produktion der ersten Staffel über die Bestellung einer zweiten Staffel Bescheid gewusst haben müssten. In meinen Reviews hatte ich bisher immer das Argument geltend gemacht, dass manche Handlungsbögen nicht die nötige Vertiefung erführen, weil die Produzenten keine Sicherheit darüber hätten, ob sie ihre Erzählung in einer zweiten Staffel weiterspinnen können. Angesichts des Finales, das uns mit vielen offenen Fragen zurücklässt, hätte ich also etwas kritischer sein müssen, was die Bewertung vorangegangener Episoden angeht.

Krieg ist denn auch die bisher schwächste Folge einer ansonsten starken ersten Staffel. Die Episode wirkt, als wollten die Produzenten unbedingt auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Sie wollen einen dramatischen Höhepunkt und einen spannenden Showdown und ein überraschendes Ende und viele Cliffhanger. Deswegen fühlt sich das Finale ungewohnt gehetzt an, was außerdem zu einigen logisch kaum nachvollziehbaren Handlungen führt, an denen ich mich bislang nie aufgehängt hatte, die ich aber hier nicht unerwähnt lassen will.

Zu Beginn stellt sich heraus, dass Donna Imma (Maria Pia Calzone) eine weitere Kopie des Telefonanrufs der ermordeten Manu angefertigt und diese so versteckt hat, dass Genny (Salvatore Esposito) sie nach ihrem Ableben finden kann. Nun hält er den endgültigen Beweis von Ciros (Marco D'Amore) Machenschaften gegen ihn in seinen Händen. Wenig überraschend bricht danach Krieg zwischen seinen Anhängern und denen der alten Garde aus. Ohne Rücksicht auf die Familien der Soldaten mähen die jungen Wilden alles um, was ihnen vor die Flinte kommt. Nur Malamo (Fabio de Caro) kann entkommen - und natürlich Ciro. Beide haben es ihrem Riecher für aufziehende Gefahren (manche würden sagen: fortgeschrittene Paranoia) zu verdanken, dass sie den Rachefeldzug ihres eigentlichen Bosses überleben.

Bevor Conte (Marco Palvetti) ihn aufschlitzen kann; spielt Ciro (Marco D%26#039;Amore) seinen letzten Trumpf aus. © Sky Italia
Bevor Conte (Marco Palvetti) ihn aufschlitzen kann; spielt Ciro (Marco D%26#039;Amore) seinen letzten Trumpf aus. © Sky Italia

Schon bei der Flucht vor Gennys Mörderbande bekommt das logische Grundgerüst von Gomorrha erste Risse. Ciro wählt gemeinsam mit Frau und Tochter den einzig verbliebenen Fluchtweg über das Dach seines Appartementkomplexes. Dabei lässt er die beiden ihre schweren Koffer mitschleppen, obwohl es hier nur noch ums nackte Überleben geht. Er hilft den beiden in höchster Not gar, die Koffer über ein Absperrungsgitter zu hieven. Währenddessen hält er seine Pistole auf den Dachzugang gerichtet. Spätestens da hätten sie das Gepäck hinter sich lassen und um ihr Leben rennen müssen. Nichtsdestotrotz gelingt die Flucht.

Wie war das mit den Savastanos, die ab sofort Vergangenheit sind?

Ciro bringt seine Familie in Sicherheit und begibt sich ins Versteck von Salvatore Conte (Marco Palvetti), wo ihn die nächste unangenehme Überraschung erwartet. Conte wirft dem Überläufer vor, sein Versprechen nicht eingehalten und Genny maßlos überschätzt zu haben. Bevor er aber von Conte höchstselbst mit einem Fleischerbeil geköpft werden kann, spielt er seinen letzten Trumpf aus: die Machtbessesenheit des Klanchefs und seinen unbändigen Hass auf alles, was den Namen „Savastano“ trägt.

Ab diesem Zeitpunkt überschlagen sich die Ereignisse und nehmen ein Tempo auf, das man bisher selbst von einer hochtourigen Serie wie Gomorrha nicht kannte. Ciro stellt seinem ehemaligen besten Freund und jetzigen Todfeind eine Falle. Über einen Lockvogel lässt er ihm die Nachricht zukommen, dass er zum Konzert seiner Tochter anwesend sein werde. Sofort organisiert Genny den Angriff. Er schreckt nicht mal davor zurück, einen Nachbarsjungen zu entführen, um Einlass ins Theaterhaus zu bekommen.

Die Charakterisierung Gennys steht hier (erneut) auf wackligen Füßen. In Rekordgeschwindigkeit machte er in wenigen Episoden die Entwicklung vom Taugenichts zum fähigen Anführer durch. Ein solcher hätte aber wohl erkannt, dass sich Ciro nicht ohne Hintergedanken mitten im Mafiakrieg auf einer öffentlichen Veranstaltung blicken lassen würde. Angetrieben von blindem Hass rennt seine Bande schließlich ins offene Messer: Die Jungsoldaten geraten in einen von Conte organisierten Hinterhalt. Genny wiederum wartet daraufhin nicht etwa auf die Ankunft seiner Mitstreiter oder versichert sich ihrer Anwesenheit, sondern stürmt völlig übermotiviert in den Konzertsaal.

Genny (Salvatore Esposito) ist nur scheinbar tot. © Sky Italia
Genny (Salvatore Esposito) ist nur scheinbar tot. © Sky Italia

Dort kommt es zum Showdown mit Ciro. Weil Letztgenannter in den vorigen Szenen alles daran setzte, seine Familie zu schützen, hat es jetzt wenig Sinn, dass er sie willentlich einer tödlichen Gefahr aussetzt - ja, sie sogar als Lockvogel einsetzt (wofür er folgerichtig auch von ihr verlassen wird). Das widerspricht der bisherigen Charakterzeichnung von Ciro als liebender Ehemann, als fürsorglicher Familienvater. Jedenfalls streckt er Genny mit mehreren gezielten Schüssen nieder. Als er sich die Leiche ansieht, verzichtet er aber auf den üblichen Kopfschuss, den er bisher stets angebracht hatte. Warum? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Ich kann mir dafür auch keine zufriedenstellende Antwort ausmalen.

Du darfst keinem vertrauen

Ganz am Ende bekommen wir denn auch den Grund dafür serviert, warum Ciro eine eherne Assassinenregel missachtet: Genny soll überleben und in einer zweiten Staffel wieder auftauchen. Das sind aber vom Drehbuch vorgegebene Motivationen, die mit der bisherigen Figurenzeichnung kaum vereinbar sind. Schade, dass sich Gomorrha ausgerechnet in der letzten Episode vom Pfad des dezidiert figurengetriebenen Plotfortschritts verabschiedet, um einen größeren Knall zu erzeugen.

Das ist aber nicht die einzige Überraschung, die das Finale für uns parat hält. Während Ciro seinem Adjutanten Rosario (Lino Musella) nämlich den nächsten Auftrag erteilt, ist der alte Kämpe Malamo schneller und befreit seinen Ur-Gottvater Pietro (Fortunato Cerlino) während eines Gefangenentransports aus der Haft. Nun bin ich unsicher, ob dieser Angriff mit Ciro koordiniert war, oder ob Ciro Don Pietro umbringen wollte, und Malamo ihm nur zuvorkam. Schließlich kämpft er ja jetzt für Conte und müsste sämtliche von dessen Gegenspielern liquidieren. Pietro wirkt jedenfalls plötzlich wieder sehr munter, wahrscheinlich hat er seinen katatonischen Zustand nur gespielt, um die Verlegung in ein anderes Gefängnis zu erreichen.

Nach diesem Ende können wir indes mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Serie im nächsten oder übernächsten Jahr mit neuen Episoden aufwarten wird. Trotz der aufgeführten Kritikpunkte freue ich mich schon jetzt darauf, denn Stefano Sollima und Kollegen haben mit Gomorrha eine europäische Serie höchster Güte erschaffen. Die wenigen dramaturgischen Schwächen sind größtenteils vernachlässigbar (abgesehen vom Finale). Der kühle, realistische Look der Serie ist schlichtweg großartig und trägt einen bedeutenden Anteil am großen Erfolg. Zusammen mit dem tollen Score bildet dieses Kunstprodukt eine homogene Einheit, das in Europa seinesgleichen sucht - vor allem, wenn man bedenkt, dass es hiervon zwölf Episoden gibt und nicht nur sechs bis acht, wie in England oder Frankreich üblich. Applaus für eine hervorragende erste Staffel!

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 19. Dezember 2014
Episode
Staffel 1, Episode 12
(Gomorrha 1x12)
Deutscher Titel der Episode
Krieg
Titel der Episode im Original
Gli Immortali
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 10. Juni 2014 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 19. Dezember 2014
Regisseur
Stefano Sollima

Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x12

Darsteller
Rolle
Marco D'Amore
Fortunato Cerlino
Maria Pia Calzone
Marco Palvetti

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?