Gomorrha 1x10

Diese Serie kennt keine Gnade. Keine Gnade mit neuen Protagonisten, keine Gnade mit alten Protagonisten, keine Gnade mit ihren Zuschauern. So schonungslos wie in Gomorrha entledigt sich kaum ein anderes Format seiner Figuren. Dabei müssen es nicht mal zentrale Hauptfiguren sein, die sich aus der Geschichte verabschieden - auch der Tod von Charakteren, die wir erst seit wenigen Episoden kennen, sorgt für maximalen emotionalen Eindruck.
Nur wer auf alles verzichten kann, hat vor nichts mehr Angst
Dies spricht für die Autoren und ihre Philosophie. Sie wollen uns keine halbfertigen Figuren vorsetzen, deren Tod uns kaum berühren würde. Viel eher wollen sie uns einen Charakter in möglichst kurzer Zeit näherbringen, wir sollen ihn kennenlernen, sollen erfahren, wie er tickt, was ihn glücklich, was ihn traurig macht. Und dann entreißen sie ihn uns wieder mit größtmöglicher Kaltschnäuzigkeit. Wir bleiben geschockt zurück, obwohl wir es doch langsam wirklich wissen müssten. Und trotzdem sind wir glücklich darüber, eine weitere herausragende Fernsehepisode gesehen zu haben.
In Alles wird gut erwischt es schließlich den jungen Dani (Vincenzo Esposito), der in der letzten Episode von Ciro (Marco D'Amore) dazu missbraucht wurde, die eigene Machtposition im Savastano-Klan auszubauen. Nun ist Dani auf der Flucht. Er hat ein sicheres Versteck gefunden, mit fließend Wasser und einer alten, schäbigen Matratze. Er ist schlau genug, sich nicht bei seiner Mutter (Vittoria Scognamiglio) zu melden, weil er genau weiß, dass sie Besuch von Ciro oder seinen Handlangern bereits erhalten hat oder noch erhalten wird.
Als einziger Anlaufpunkt bleibt ihm sein Bruder Massimo (Domenico Balsamo), der pikanterweise im Dienst von Salvatore Conte (Marco Palvetti) steht. Zu dessen Klan gehörte Danis erstes (und einziges) Opfer, Tonino Russo (Pietro Juliano), weshalb sich Conte nun aus dem Exil in Barcelona zurück nach Neapel fahren lässt, um sich persönlich ein Bild von der verzwickten Lage zu machen. Er wählt dazu den Landweg - wahrscheinlich, um die strengeren Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen zu umgehen. Massimo ist sein Fahrer.

Auf dem Weg nach Italien, am Mittelmeer entlang, erfährt Massimo schließlich, in welch enorme Schwierigkeiten sein kleiner Bruder Dani geraten ist. Er versteht sofort, dass dies das Todesurteil für Dani bedeutet, sollte Salvatore Conte davon erfahren. Bei der einzigen Übernachtung in einem Luxushotel, wo Conte eine Suite bezieht und Massimo in der Lobby nächtigen muss, fasst Massimo schließlich einen unüberlegten Plan: Er will seinen Chef einfach umbringen.
Meine Gesundheit geht mir am Arsch vorbei
Der absolviert indes sein abendliches Sportprogramm (hängend, im Türrahmen, wie Agent Cooper in Twin Peaks) und ruht sich dann vor dem Fernseher aus. Als er eingeschlafen ist, steigt Massimo in sein Zimmer ein, schnappt sich die Trainingsstange und will damit auf Conte einprügeln. Der wacht jedoch sofort auf und wehrt den Angriff ab. Bevor er Massimo erdrosseln kann, rettet der sich, indem er preisgibt, wer für den Mord an Russo verantwortlich ist.
Im Savastano-Klan rumort es in der Zwischenzeit gewaltig. Genny (Salvatore Esposito) und Imma (Maria Pia Calzone), die ihre Machtambitionen offensichtlich aufgegeben hat, beraten zu Beginn über die weiteren Schritte. Imma warnt Genny vor Conte, er solle selbst den Mörder Russos finden - vor allem aber herausfinden, zu welchem Zweck er ermordet wurde. Als Zeichen seines guten Willens besucht Genny aber zunächst die Trauerfeier für Tonino Russo, wo er verständlicherweise nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird.
Ciro sitzt indes auf heißen Kohlen, weil sein Adjutant nach dem Mord an Danis Freundin Manu vergessen hat, den auffälligen Ring von ihrem Finger zu nehmen. Der Ring hat das Feuer überlebt und dient der Polizei nun als einziger veritabler Anhaltspunkt auf der Suche nach dem Mörder. Also erhalten sowohl Danis bester Freund Bruno (Antonio Orefice) als auch seine Mutter Besuch von der Camorra. Sie können aber beide glaubhaft darlegen, dass sie nichts von Danieles aktuellem Aufenthaltsort wissen - ganz einfach, weil sie es wirklich nicht wissen.

Schließlich wird der Druck für Ciro so groß, dass er einen Teil seines Plans aufgibt und Genny erzählt, wer hinter dem Mord an Russo steckt. Der Klanboss verlangt Danis sofortige Ergreifung. Da sind Massimo und Conte aber schon auf dem Weg zu ihm. Conte ist es gelungen, Massimo davon zu überzeugen, ihn zu Dani zu bringen. Nur so hätten er und seine Familie eine Überlebenschance. Er wolle ihnen Unterkunft und Arbeit in Spanien besorgen - weit weg von den Savastanos, weit weg von Neapel, weit weg von der Heimat.
Alles wird gut, Kleiner
Spätestens da dürfte dem geneigten Zuschauer dämmern, dass Daniele diese Episode nicht überleben wird. Der blauäugige, in Mafiadingen noch unerfahrene Massimo setzt all seine Hoffnungen in Contes vages Versprechen - was bleibt ihm sonst auch übrig? Er entschuldigt sich noch einmal bei Conte für den nächtlichen Angriff und fährt ihn dann bereitwillig zum Versteck seines Bruders.
Obwohl mir absolut klar war, dass Dani dieses Treffen nicht überleben wird (das hat mich der bisherige Serienverlauf gelehrt), hoffte ich doch inständig darauf, dass noch irgendein Wunder geschehen und den jungen Mörder retten würde. Faszinierend, wie es die Autoren in nur zwei Episoden geschafft haben, eine so komplette, eigenständige Figur zu entwickeln. Dani und seine Verirrungen haben nun zwei ganze Episoden (von einer Staffel mit nur zwölf Folgen) beinahe alleine getragen - es war zu keiner Sekunde langweilig. Die letzte Episode (Der gute Soldat) war sogar eine der besten, die die Serie bislang hervorgebracht hat.
Am Ende kommt es aber natürlich trotzdem, wie es kommen muss. Hat man sich einmal für diesen dunklen Pfad entschieden, wandert man ihn bis zum Schluss. Für viele bedeutet dies: Gefängnis. Für die allermeisten aber: Tod. Die herausragende Mafiaserie Gomorrha holt auch in der zehnten Episode keine Luft, gönnt uns keine Pause, erzählt unumwunden ihre Geschichte von Liebe, Hass, Tod und Zerstörung. Ich liebe sie dafür.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 5. Dezember 2014(Gomorrha 1x10)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?