Gomorrha 1x08

Es ist schon verwunderlich, wie schnell die Verwandlung des unfähigen, verwöhnten Savastano-Sohnes Genny (Salvatore Esposito) zum effizient operierenden, machthungrigen Klanboss vonstattengeht. In Keine Wahl bekommen wir indes eine Erklärung dafür, was diesen Prozess beschleunigt haben könnte. Genny wurde nämlich von seinen honduranischen Gastgebern dazu gezwungen, einen nicht weiter vorgestellten „Amerikaner“ brutal zu ermorden. Dieses Erlebnis muss also dazu geführt haben, dass er als neuer Mensch nach Neapel zurückgekehrt ist.
Der Verrückte reitet uns in die Scheiße
Man mag dies nachvollziehbar finden oder nicht - überraschend ist es allemal. Hatte sich vor nur zwei Episoden noch angedeutet, dass Imma (Maria Pia Calzone) zur neuen Herrscherin aufsteigen würde, hat sich das Blatt nun rapide gewendet. Genny ist nun der (rechtmäßige) mächtige Mann im Klan. Er führt diesen mit harter Hand, völlig rücksichtslos und unbarmherzig. Da seine Operation in Honduras erfolgreich verlaufen ist und die Savastanos dank neuer Drogenquelle den Markt in Neapel beherrschen, konnte er sich bei seinen capi die nötige Loyalität erkaufen.
Trotzdem demonstriert er zu Beginn, wie brutal seine neue Herrschaft ausfallen wird. Während des Treffens mit seinen capi wird er von einem alten Schulkameraden angesprochen, der nach einem Gefängnisaufenthalt nach neuen Einkommensmöglichkeiten sucht. Er erzählt vor versammelter Mannschaft von einem früheren, wenig schmeichelhaften Spitznamen für Genny („Paprika“). Spätestens da ist klar, dass dieser Mino (Salvatore Presutto) die nächsten Minuten nicht überleben wird. Ciro (Marco D'Amore) darf schließlich die Drecksarbeit für Genny erledigen und die Leiche wegschaffen. Seit Beginn der Serie ist sein Stern kontinuierlich am Sinken.
Nachdem Ciro in den letzten Episoden bereits von Imma gedemütigt wurde, setzt sich dies nun durch Genny fort. Der treue Soldat versucht zwar noch, auf die langjährige Freundschaft der beiden zu pochen, hat damit aber keinen Erfolg. Genny hat sich blitzartig vom verschlafenen Trottel in einen fokussierten, zielstrebigen Karrierekriminellen verwandelt. Noch einmal sei hier angemerkt, dass diese plötzliche Verwandlung eine große Angriffsfläche für Kritik bietet. Diese sei hiermit geäußert. Die Serienautoren müssen hier ihrem Ansinnen Tribut zollen, in zwölf Episoden ein möglichst umfassendes Bild der Camorra zu zeichnen. Hätten sie vielleicht früher gewusst, dass ihnen eine zweite Staffel beschieden sein würde, hätten sie sich mit solchen Entwicklungsprozessen eventuell mehr Zeit gelassen.

Weil die Episode aber in sich wieder einmal sehr stimmig ist, will ich diesem Kritikpunkt nicht allzu viel Gewicht verleihen - anderen Zuschauern mag er durchaus übler aufstoßen. Genny ist nun von einem ungekannten Ehrgeiz angesteckt, der ihn nicht nach der Kontrolle des Drogenmarktes Halt machen lässt. Er will nun auch die gesamte Kontrolle der politischen Macht im Stadtteil (oder der eigenen Stadt?) Giuliano an sich reißen. Dort warten luxuriöse Infrastruktur- und Bauprojekte darauf, verteilt zu werden. Die Camorra könnte diese also unter sich aufteilen, verfügte sie über die entsprechende Entscheidungsgewalt.
Ich will den ganzen Kuchen
In diesem Handlungsstrang lassen sich unzählige Parallelen zu The Sopranos und The Wire ausmachen. Genny will das Stadtratsmitglied Michele Casillo (Ivan Boragine) zum Bürgermeister putschen, obwohl der sowieso nur im Stadtrat sitzt, weil der amtierende Bürgermeister Fabbretti (Oscar di Maio) ihm diesen Posten zugeschachert hat. Genny fährt hierzu eine mehrgleisige Strategie. Zum einen lässt er vollkommen legitimen Wahlkampf veranstalten.
Zum anderen wählt er aber eine Einschüchterungstaktik, die nicht nur auf angedrohter Gewaltanwendung, sondern auch auf subtileren Methoden basiert. Ein Stadtratsmitglied zwingt er zur Aufgabe, indem er dessen Tochter Gessica (Antonietta Carillo) verführt und ihm unmissverständlich klarmacht, dass ihr etwas zustoßen könnte, würde er seine Ambitionen nicht aufgeben. Den amtierenden Bürgermeister, zu dem die Savastanos unter Pietro (der in dieser Episode erstmals keinen Auftritt hat) ein bisher gütliches Verhältnis unterhielten, schüchtert er gar mit einem Baseballschläger ein, um die Casillos-Kandidatur zu ermöglichen.
Weil das alles noch nicht genug zu sein scheint, beauftragt er außerdem ganz einfachen, linearen Wahlbetrug. Zwei seiner Schergen schüchtern den Leiter der Wahlkommission so sehr ein, dass der ihnen den geforderten leeren Wahlschein übergibt. Am Wahltag selbst bringen mehrere angeheuerte Wahlbetrüger schließlich den schon ausgefüllten Schein mit in die Kabine, stecken dafür aber den neuen Schein ein, der ihnen vom jeweiligen Wahlleiter übergeben wurde. Ganz schlüssig kommt mir diese Methode aber nicht vor, schließlich wurde durch den entwendeten Wahlschein doch nur eine weitere Stimme erpresst? Freilich kenne ich mich mit dem italienischen Wahlsystem nicht aus, vielleicht können mir unsere Leser ja weiterhelfen.

Gennys Coup gelingt, am Ende stößt er mit seiner Marionette Casillo auf den ergaunerten Wahlsieg an. Zuvor bekommen wir aber noch einen Einblick in die Verwicklungen der Camorra mit den höchsten Ämtern der italienischen Politik. Genny wird zu einem konspirativen Treffen mit dem angehenden Staatssekretär im Verkehrsministerium gebeten, der noch einmal dafür plädiert, Fabbretti auf seinem Posten zu belassen.
Alleine geht man unter
Der neue Boss ist aber so wild entschlossen, das Erbe seines Vaters anzutreten und weiter auszubauen, dass er vor lauter blindem Ehrgeiz altbewährte Verbindungen kappt. Es ist nämlich nur eine Frage der Zeit, bis sich Leute wie Fabbretti und Konsorten an verfeindete Klans wenden, um entgangene Pfründe zurückzuholen. Veranschaulicht wird dabei erneut die enge Verzahnung zwischen organisiertem Verbrechen und Politik auf sämtlichen Ebenen.
Der Camorra ist es längst gelungen, die Gesellschaft allumfassend zu durchsetzen. Kirchenvertreter und Politiker müssen ihre Karrieren mitunter erst von den mächtigen Schattengestalten im Hintergrund absegnen lassen, bevor sie überhaupt damit beginnen können. Solche Panoramen scheinen in Gomorrha bisweilen mit sehr breitem Pinselstrich gezeichnet. Die Serie trägt ihre Intentionen nicht immer besonders elegant vor. In den bereits genannten Serienepen „The Sopranos“ und „The Wire“ gelingt das oftmals etwas feiner.
Die größten Stärken von Gomorrha liegen indes in der kompromisslosen Darstellung der brutalen zwischenmenschlichen Beziehungen. Genny lässt seinen alten Freund Ciro nun einfach links liegen. Der sah zu Beginn noch wie ein Gewinner des Untergangs von Klanchef Pietro aus, nun muss er sich in eine Reihe stellen mit all den anderen Fußsoldaten. Auch Mama Imma darf ihre Ambitionen erst einmal wieder begraben. Genny thront über allem. Das ging verdammt schnell - ist aber auch verdammt spannend.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 21. November 2014(Gomorrha 1x08)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x08
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?