Gomorrha 1x06

In Kleingeld unternahm Imma Savastano (Maria Pia Calzone) einen ersten Schritt in Richtung Übernahme der Familiengeschäfte. Weil es ihr langsam dämmerte, dass Sohn Genny (Salvatore Esposito) nicht imstande sein würde, den Klan effizient zu führen, schickte sie ihren härtesten Konkurrenten um die Thronnachfolge ins Ausland.
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Imma behauptete einfach gegenüber Ciro (Marco D'Amore), ihr Ehemann Pietro (Fortunato Cerlino), der Don, habe sie damit beauftragt, ihn nach Spanien zu schicken, um dort einen neuen Deal mit ihrem gemeinsamen Konkurrenten Salvatore Conte (Marco Palvetti) auszuhandeln. Ob Imma diesen Auftrag nun erteilte, um Ciro in eine tödliche Falle zu schicken, oder ob sie tatsächlich einen Friedensvertrag aushandeln lassen wollte, kann bislang nicht eindeutig beantwortet werden.
Im günstigsten Falle kann sie schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sollte Ciro einen erfolgreichen Geschäftsabschluss erzielen, bliebe ihr in der Heimat immer noch genügend Zeit, um sich weiter an die Macht zu intrigieren. In Russisch Roulette schickt sie nun auch Genny ins Ausland. Er soll in Nicaragua potentielle neue Drogengeschäfte für den Klan an Land ziehen - ein erster Indikator dafür, dass sie nicht wirklich damit rechnet, dass Ciro mit guten Nachrichten aus Barcelona zurückkehrt. Während es bei ihm durchaus vorstellbar ist, dass sich Imma seiner möglichst elegant entledigen will, halte ich es derzeit nicht für möglich, dass sie auch ihren eigenen Sohn einer tödlichen Gefahr aussetzen würde. Zutrauen sollte man der leonessa aber alles.
Es braucht zwar etwas Überredungskunst, um Genny nach Mittelamerika zu schicken, weil er ja eigentlich keine höheren Ambitionen hat, als mit Noemi (Elena Starace) den Tag zu verbummeln. Ein Appell an seinen Familiensinn und vor allem an das große Erbe des eingesperrten Vaters sorgt dann aber für das erwünschte Ergebnis. Genny lässt sogar seine „große Liebe“ ziehen, was vielleicht gar nicht so schlecht für ihn ist, in Anbetracht der Tatsache, dass sie kaum zufriedenzustellen ist. Vor seiner Mama stellt Genny es natürlich so hin, als habe er Noemi verlassen. Er weiß genau, dass das bei Imma auf großes Wohlwollen stößt.

Am Flughafen wird er schließlich von seinen (etwas zu jungen) Kumpels verabschiedet. Es ist ein merkwürdiges Bild, das sich da ergibt. Fast sieht es so aus, als würde Genny zu einer Klassenfahrt verabschiedet. Seine Augen sprechen eine ganz andere Sprache als die eines entschlossenen Geschäftsmanns der organisierten Kriminalität. Viel lieber würde er jetzt bei seinen Freunden bleiben, mit ihnen Bier trinken, kiffen, rappen, abhängen. Nichts an seiner Körpersprache verrät, dass er zu einer gefährlichen, potentiell millionenschweren Reise aufbricht. Er bleibt der kleine, dicke, verwöhnte Erstgeborene von Pietro Savastano - ohne eigene Ambitionen, ohne eigene Ideen, ohne Ehrgeiz.
Zapfsäulen und Öl
Sein genauer Widerpart kommt indes in Barcelona an und will gleich nach der Landung zum Geschäftlichen übergehen. Stattdessen wird Ciro in einem Hotel seines Gastgebers abgeladen und dort zunächst tagelang hingehalten. Einmal stellt er gar fest, dass seine Zimmertür von außen abgeschlossen wurde und das Telefon nicht mehr funktioniert. In seiner Paranoia, die stellenweise schon an die übervorsichtige Art seines Don erinnert, bewaffnet er sich und verbringt die Nacht in Habachtstellung. Am nächsten Morgen behauptet ein Hotelbediensteter, die Telefonanlage sei ausgefallen. Ciro weiß jedoch genau, dass es eine Einschüchterungsmaßnahme war.
Schließlich erpresst er sich direkten Zugang zu Conte, weil er es leid ist, sämtliche Errungenschaften des Konkurrenten begutachten zu müssen. In einer Szenenfolge, die stark an die Ereignisse der „Sopranos“-Episode Funhouse erinnert, wird er zunächst auf Contes Boot eingeladen und danach auf offenem Meer von Bord gestoßen. Zuvor soll er zugeben, dass er für den Brandanschlag auf die Wohnung von Contes Mutter verantwortlich ist. Ciro versucht, seinen Hals zu retten, indem er auf die strikte Befehlskette innerhalb seines Klans verweist. Das ist so ehrlich, wie es nur sein kann, erspart ihm aber trotzdem nicht das Martyrium auf hoher See.
Später wird er von Contes Männern aus dem Wasser gezogen. Er hat den Test überstanden, was ihm nun ein erstes Verhandlungsgespräch mit Conte ermöglicht. Dabei sieht es zunächst danach aus, als hätte der im Exil lebende Bandenboss kein gesteigertes Interesse an Aussöhnung und Kooperation im Drogengeschäft. Schließlich kontrolliere er das „Öl“ (die Drogen), ohne das die „Zapfsäulen“ (die Dealer) der Savastanos keine Ware zum Verticken hätten. Er befindet sich scheinbar in der stärkeren Verhandlungsposition, bevor ihm erneut vor Augen geführt wird, dass seine Macht auf einem anderen Geschäftsgebiet von der russischen Konkurrenz ausgehöhlt wird.

So ergibt sich für Ciro also doch eine Möglichkeit, den heimischen Drogenhandel wieder aufblühen zu lassen. Dafür schickt ihn Conte aber auf eine brandgefährliche Mission. Er soll für Conte mit den Russen einen neuen Deal um Territorien und zukünftige Immobiliengeschäfte aushandeln. Dieser Auftrag ist so gefährlich, dass Conte nicht damit rechnet, Ciro jemals lebend wiederzusehen. Deswegen will er auch keinen seiner Emissäre in die Höhle des russischen Bären schicken.
Freunde
Mit einem äußerst dürftigen Verhandlungsangebot bricht Ciro also zum vermeintlichen Selbstmordkommando auf. Auf dem Weg dorthin fällt dem cleveren Camorra-Soldaten eine Finte ein, die er später in den Verhandlungen einsetzt. Er notiert sich Namen von potentiellen Stadtratskandidaten, deren Gesichter gerade von Wahlplakaten prangen. Als der russische Verhandlungsführer ein erstes Angebot ablehnt, spielt er diesen Kniff aus: „Die Freunde, die wir hier haben, werden dann auch ihre.“ Der Russe bleibt zunächst skeptisch, lässt sich davon aber schlussendlich überzeugen.
Eine letzte Prüfung muss Ciro dennoch überstehen - die alte Tradition des Russisch Roulette. Diese Szene ist grandios inszeniert und von D'Amore überragend gespielt, genau wie die Szene danach, in der Ciro völlig losgelöst ins Meer stürmt und feiert, dass er mit dem Leben davongekommen ist. Der von diesem Coup begeisterte Conte versucht denn auch gleich, Ciro für seine Organisation abzuwerben, doch der hat größere Pläne. Zu Hause in Neapel muss er indes erfahren, dass es eine Konkurrentin gibt, die ebenso große Pläne hat - und vor keiner Maßnahme zurückscheut.
Am Ende scheint der Zeiger der Macht Richtung Imma auszuschlagen. Sie besucht ihren Ehemann im Gefängnis, zeigt ihm Bilder der Familie und versichert ihre unbeugsame Treue. Gleichzeitig holt sie sich Pietros stille Zustimmung dafür ab, die künftigen Geschäfte des Klans zu leiten. Er gibt seinen Widerstand schnell auf, als er merkt, wie zielsicher, entschlossen und selbstbewusst seine Ehefrau agiert: „Jetzt bist du da drin. Und ich bin immer noch da.“ In seinen Augen blitzt sogar ein bisschen Stolz auf - Stolz, den er für Genny trotz gegenteiliger Behauptungen nie wirklich fühlen konnte. Unterlegt ist die Szene vom musikalischen Leitthema der Serie, das am Ende einer jeden Episode anklingt und mir regelmäßig wohlige Schauer über den Rücken jagt. Gomorrha ist außergewöhnliches Fernsehen.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 7. November 2014(Gomorrha 1x06)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x06
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