Gomorrha 1x04

Dem inhaftierten Mafiapaten Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) gelingt es bis kurz vor Ende der neuen Episode Schwarz und Weiß überraschend einfach, seine Pläne durchzusetzen - zumindest wenn man den bisherigen Verlauf von Gomorrha in Betracht zieht. Kein Wunder also, dass es am Ende zu einer - für mich völlig unvorhersehbaren - Wendung kommt.
Hochmut kommt vor dem Fall
Savastano bekommt da von seinem Anwalt mitgeteilt, dass er hintergangen wurde. Seinem größten Widersacher, dem Gefängnisdirektor, ist es gelungen, den korrupten Wächter Rino (Tommaso Palladino) auf seine Seite zu ziehen. Savastano glaubt indes, es sei seinen Schikanen zu verdanken, dass Rino wieder in seinem Trakt arbeitet. Er zieht überhaupt nicht in Betracht, dass der Gefängnisdirektor eine List vorbereitet haben und das Handy, das er von Rino zugesteckt bekommt, verwanzt sein könnte.
So jedoch läuft er seinem Gegenspieler in die offenen Arme. Über das Telefon gibt er seinem Vertrauten Ciro (Marco D'Amore) die Anweisung, „den Schwarzmarkt“ zu beenden. Kurze Zeit später richtet der mit seinen Kollegen ein Massaker unter wahllos ausgewählten Bewohnern des afrikanischen Viertels der Stadt an. Dadurch liefert Savastano selbst die rechtliche Grundlage, um ihn in ein Hochsicherheitsgefängnis zu transferieren und dort in der Isolationshaft versauern zu lassen. Auch der gewiefte Anwalt kann sich keinen möglichen Ausweg mehr einfallen lassen.
Die eigene Arroganz und Machtberauschtheit ist Pietro zu Kopf gestiegen. Er glaubt, seine Probleme im Gefängnis genauso lösen zu können wie in der Außenwelt: durch eine Demonstration der Stärke und der eigenen Macht. Dabei zeigt er sich zunehmend beratungsresistent. Sein Anwalt rät ihm nämlich eindringlich davon ab, noch mehr Unruhe zu stiften. Viel eher solle er sich ruhig verhalten, nur so könne er auf eine frühzeitige Entlassung hoffen. Der Don lässt sich jedoch nichts vorschreiben. Er agiert einfach weiter so, wie er es schon immer gemacht hat. Widerworte erduldet er nicht, einen mächtigeren Gegenspieler ebenso wenig.

Der Auslöser für all diese Tumulte ist der dunkelhäutige Tokumbo (Sidy Diop), der sich zu Beginn verhaften lässt, um mit Savastano direkt verhandeln zu können. Er vertritt die Drogenhändler des afrikanisch geprägten Viertels, die ihre Ware direkt vom Savastano-Klan beziehen. Der Profit aus dem Handel wurde bisher gleichmäßig aufgeteilt. Nun wollen die „Afrikaner“ (wie sie von den Mafiosi mit der am wenigsten verunglimpfenden Bezeichnung genannt werden) nur noch zehn Prozent des Profits abgeben.
"Ihr Schwarzen seht nachts alle gleich aus"
Weil die Verhandlungen mit Zecchinetta (Massimiliano Rossi) und Malamo (Fabio de Caro) im Keim erstickt werden, wählt ihr Anführer den schwierigeren Weg. Er schickt Tokumbo ins Gefängnis und fährt fortan eine zweigleisige Strategie. Im Gefängnis kommt es schnell zur Eskalation, bei der sowohl Mitglieder der Gruppe der afrikanischstämmigen Insassen als auch des Savastano-Klans schwere Schnittwunden erleiden. Pietro nutzt die unübersichtliche Situation, um einen Gefängnisaufstand anzuzetteln. Schließlich bietet ihm der Gefängnisdirektor Verhandlungen an.
Savastano glaubt, als Sieger daraus hervorgegangen zu sein. Schließlich werden ihm seine Forderungen augenscheinlich erfüllt. Rino arbeitet wieder in seinem Zellentrakt, er selbst darf wieder in die Gruppenzelle zurück. Doch er rechnet nicht damit, dass der Direktor so verschlagen ist. Nachdem die letzten beiden Episoden ihren Fokus auf das Leben des Don im Gefängnis legten, könnten sich die folgenden also wieder mehr auf die bevorstehenden Machtkämpfe innerhalb des Savastano-Klans konzentrieren.
Die interessanteste, weil komplexeste Figur bleibt weiterhin Genny Savastano (Salvatore Esposito). Mit aller Macht drängt er in die Kreise seines Freundes und Mentors Ciro, formuliert aber gleichzeitig eigene Gedanken und Beobachtungen - und ist auch nicht zu schüchtern, diese gegenüber seinem allmächtigen Vater zu äußern. Als er und Ciro durch das afrikanisch geprägte Viertel fahren, um die Lage auszukundschaften, stellt er nüchtern fest, dass sein Klan hier eigentlich nichts zu suchen hat und eine Machtdemonstration nicht zu einem Einlenken der „Afrikaner“ führen werde. Objektiv betrachtet ist das eine völlig richtige und intelligente Beobachtung. Jedoch kann er sich weder bei Ciro noch bei Pietro Gehör verschaffen.

Obwohl seinen Einwänden keine Beachtung geschenkt wird, will Genny natürlich trotzdem am Überfall auf die „Afrikaner“ dabei sein. Ciro überträgt ihm die Aufgabe, im Fluchtwagen zu warten und diesen unter keinen Umständen zu verlassen - eine Trope, die man aus unzähligen Action- und Gangsterfilmen kennt. Sobald Ciro diese Anweisung erteilt hat, weiß der geübte Zuschauer natürlich, dass Genny den Fluchtwagen verlassen wird.
Ich hatte Angst und habe nichts verstanden
Was er dort sieht (und auch schon aus sicherer Entfernung miterlebt hat), ist ein grausames Bild. Unbarmherzig feuern die Camorrasoldaten in eine Menge völlig ahnungsloser Unbeteiligter. Als Ciro bemerkt, dass eines der am Boden liegenden Opfer noch lebt, schießt er ihm gnadenlos mit der Schnellfeuerwaffe in den Kopf. Hier wird deutlich, dass sich diese Mafia längst von irgendeinem kruden Code verabschiedet hat, der einstmals verwendet wurde, um Morde und andere Greueltaten zu rechtfertigen. Das Geschäft der Camorra ist kaltblütiges, rücksichtsloses Morden.
Genny schafft es daraufhin nicht einmal, vor Ciro sein Gesicht zu wahren. Er bricht beinahe zusammen und bekommt sogleich eine deutliche Ansage: „Wenn du nicht Savastanos Sohn wärst, würde ich dir jetzt den Kopf abschneiden.“ In die gleiche Kerbe schlägt seine Mutter Imma (Maria Pia Calzone), die ihren Sohn dabei erwischt, wie er sich vor lauter Ekel übergeben muss: „Du musst härter werden. Du bist ein Savastano.“
Am nächsten Morgen hat Genny all diese Erniedrigungen aber schon wieder vergessen. In einer Luxuslimousine kutschiert er seine neue Freundin Noemi (Elena Starace) durch das Elendsviertel, seine Heimat. So ist er schließlich von seinem Vater erzogen worden: Man vergisst die eigenen Schandtaten am besten, wenn man sich dafür etwas Schönes gönnt. Dass sich Genny über diese pathologische Parallelität aber nicht im Klaren ist, zeigt eine Behauptung, die er gegenüber Noemi aufstellt: „Er liebt mich einfach.“ Genny spricht da über Ciro - den Mann, der ihm wenige Stunden zuvor noch angedroht hatte, ihn zu enthaupten. Faszinierend.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 24. Oktober 2014(Gomorrha 1x04)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x04
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