Gomorrha 1x02

In der zweiten Episode von Gomorrha jagt für den Camorra-Klan Savastano eine Hiobsbotschaft die nächste. Zu Beginn beobachtet Mafiasoldat Zecchinetta (Massimiliano Rossi) im Hafen von Neapel, wie die Polizei zielsicher nach einer Drogenlieferung sucht. Der entsprechende TV-Bericht wird diesen Fund später als den größten der vergangenen Dekade titulieren. Da sitzt Klanoberhaupt Pietro (Fortunato Cerlino) beim Abendessen mit seiner Familie und schaut seinem verweichlichten Sohnemann Genny (Salvatore Esposito) angewidert beim Essen zu.
One day, baby, we'll be old
Der von wachsender Paranoia geplagte Mafiaboss beschließt daraufhin, für seine Nachfolge zu sorgen, denn er hat - trotz aller Beteuerungen seiner Mitstreiter - das Gefühl, als blühe ihm bald ein ähnliches Schicksal wie den meisten seiner Vorgänger: Tod oder Gefängnis (Tony Soprano konnte dazu ebenfalls Statistiken rezitieren). Pietro soll mit seiner düsteren Vorahnung Recht behalten. Es brennt einfach an zu vielen Ecken seines Verbrecherimperiums.
Am müllverseuchten Stadtstrand trifft er sich also mit seinem Berater Nunziata, der ihm berichtet, dass die Polizei - wie erwartet - einen Informanten hatte und deswegen so zielsicher auf den richtigen Container zusteuerte. Beim Krisengespräch mit seinen capos stellt sich überdies heraus, dass „Bookie“ (Mimmo Esposito) kurz vor der Aktion von der Polizei festgesetzt und befragt, dann aber wieder freigelassen wurde. Der Verdacht, er könnte der Maulwurf sein, liegt demnach sehr nahe. Es wird Bookies letzter Lebenstag sein.
Er soll nämlich eigentlich zusammen mit Zecchinetta und Malamo (Fabio de Caro) den von Savastano in einem weiteren Anflug irrationaler Handlungsentscheidung getroffenen Befehl ausführen, den Konkurrenten Parisi zu töten. Der hatte zuvor verlangt, dass Genny die an seine Hauswand gesprühte Drohung persönlich überstreichen solle. Für Pietro kann die Antwort darauf nur reine Gewalt sein. Diese Entscheidung zweifelt Bookie aber so leidenschaftlich an, dass er sich weigert, die Tat zu unterstützen.

Als Savastano von der Befehlsverweigerung erfährt, stattet er dem Meuterer einen persönlichen Besuch ab. Bookie schafft es zwar zunächst, seinen Boss zu beruhigen. Spätestens, als der ein zweites Mal klingelt, wissen wir Zuschauer, dass dies nicht gut für ihn enden wird. Pietro prügelt seinen Untergebenen brutal zu Tode und lässt ihn hernach verbrennen. Die Szene evoziert zwei ähnliche Szenen aus The Sopranos - zum einen der Besuch von Tony Soprano und Silvio Dante bei ihrem besten Freund Pussy Bonpansiero in der ersten Staffel, zum anderen Tonys Besuch bei Ralph Cifaretto in der dritten Staffel.
Es gibt ein Problem mit Mama
Pietros Ehefrau Imma (Maria Pia Calzone) rät ihm indes, eine kurze Auszeit zu nehmen und der Polizei keinen Anlass für eine Verhaftung zu geben. Doch der Capo di tutti Capi denkt überhaupt nicht daran: „Ich will mich nicht wie mein Vater im Untergrund verstecken.“ Seinen Sohn Genny will er aber trotzdem richtig erzogen wissen. Also gibt er Ciro (Marco D'Amore) den Auftrag, dem bisher Unbefleckten das Morden beizubringen. Was folgt, ist die erschütterndste und trostloseste Szene der noch jungen Serie.
Ciro nimmt Genny mit in einen heruntergekommenen Wohnkomplex, wo er einen Junkie mit der Aussicht auf geschenkten Stoff zu sich lockt. Er brüllt Genny an, den Revolver in die Hand zu nehmen und den Junkie einfach zu erschießen. Genny zögert, nimmt die Waffe aber in die Hand und schießt dem um sein Leben Winselnden ins Bein. Danach traut er sich jedoch nicht, seinem Opfer den tödlichen Schuss zu verpassen. Wutentbrannt reißt Ciro die Waffe an sich und erschießt den Junkie mit gezielten Schüssen in die Brust und in den Kopf. Er bläut Genny hernach ein, die Geschichte so zu erzählen, als habe der selbst die tödlichen Schüsse gesetzt.
Gegenüber seinem neugierigen Vater, der im Kinderzimmer auf ihn wartet, behauptet Genny denn auch, den Abzug selbst betätigt zu haben: „Killing is fucking easy.“ (So die englischen Untertitel, die hier meiner Meinung nach besser passen als jede deutsche Übersetzung.) Pietro ist richtiggehend stolz auf seinen Sohn und versichert ihm beruhigt: „Jetzt kann ich sterben.“ Die reine Menschenverachtung aus der Tötungsszene erreicht schließlich ihren abscheulichen Höhepunkt, als Pietro seinem Sohn das neue Motorrad schenkt, das er ihm zuvor versprochen hatte. Das Motorrad ist rot. Als Genny es abholt, kann er an nichts anderes denken als das Blut seines Opfers.

Deshalb kehrt er auch zum Tatort zurück und reflektiert im Schein der Trauerkerzen über das Geschehene. Seine Mutter hatte Recht, als sie zu Beginn der Episode zu ihrem Ehemann sagte, ihr Sohn sei einfach nicht so wie sie beide. Genny setzt sich auf sein neues Blutmotorrad und rast in einer packend inszenierten Sequenz durch die illuminierten Straßen des nächtlichen Neapels - ohne Helm und ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer oder Ampeln. Es kommt, wie es kommen muss: Genny baut einen schweren Unfall.
Komme nie wieder hierher
Seine Lage ist äußerst kritisch, als sich die Mafiafamilie im Krankenhaus versammelt. Dabei ist die Nachricht über Gennys Unfall nicht die einzige Hiobsbotschaft, die sie in diesen Stunden erreicht. Zecchinetta und Malamo informieren Imma darüber, dass ihr Ehemann in eine Straßenkontrolle geraten ist, bei der eine große Summe Bargeld und Drogen gefunden wurden. Hätte Savastano auf seinen ersten Instinkt gehört und Bookies Wohnung verlassen, wäre die Kontrolle glimpflich verlaufen. So landet er in der Untersuchungshaft - mit geringen Aussichten auf eine schnelle Entlassung.
Für ihn kommt es aber noch dicker, denn Nunziata informiert ihn darüber, dass der Informant einen weiteren Anruf an die Polizei getätigt und angeboten habe, gegen die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm vollständig auszupacken. Bookie kann also nicht der Verräter gewesen sein. Pietro hat den falschen ermordet, einen treuen Begleiter der letzten zwanzig Jahre. Stattdessen verrät uns die Serie, wer der echte Maulwurf ist. Er musste vor wenigen Szenen noch das Urin seines Bosses trinken, um seine Loyalität zu ihm unter Beweis zu stellen. Am Ende aber, als seine Frau als zweite Frage nach der um Gennys Wohlbefinden sofort nachhakt, wer denn nun das Machtvakuum ausfüllen werde, da dämmert es Ciro, wie es einst Christopher Moltisanti dämmerte: Es gibt für ihn kein Leben außerhalb der Camorra.
Auch die zweite Episode von Gomorrha wird dem Anspruch des Produzententeams gerecht, eine ebenso unterhaltsame wie realitätsnahe Dramaserie zu erschaffen. Die meisten Aufnahmen vor Originalschauplätzen sind echtes eye candy, die Serie sieht schlichtweg fantastisch aus. Die Dualität von Unterhaltung und Realitätsnähe wird auch im Einsatz von Score und Musik offenbar: Der im Radio zu Tode genudelte Hit „Reckoning Song“ von Asaf Avidan & The Mojos funktioniert hier im Kontrast zum tiefdüsteren Geschehen optimal. Die musikalische Untermalung der Abschlussszene gibt dem realistischen Geschehen einen fiktionalen Anstrich. Im Gesamtbild ergibt das eine weitere nahezu perfekte Episode einer außergewöhnlichen Dramaserie.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 10. Oktober 2014(Gomorrha 1x02)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x02
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