Gomorrha 2x01

Gomorrha 2x01

Nach dem ereignisreichen Finale der ersten Staffel von Gomorrha schlägt die Auftaktepisode der zweiten leisere Töne an. Weniger dramatisch geht es deshalb nicht zu: Während neue Allianzen entstehen, haben sich die Hauptfiguren mit außergeschäftlichen Problemen auseinanderzusetzen.

Wie sich die Bilder gleichen: Vor zwei Jahren stand Ciro (Marco D'Amore, l.) schon einmal vor einem brennenden Auto. / (c) Sky
Wie sich die Bilder gleichen: Vor zwei Jahren stand Ciro (Marco D'Amore, l.) schon einmal vor einem brennenden Auto. / (c) Sky

Neben seiner fesselnden Geschichte konnte das italienische Mafiaepos Gomorrha in der ersten Staffel mit einer hervorragenden visuellen Umsetzung und einem einnehmenden Score glänzen. So fiel es denn auch leichter, darüber hinwegzusehen, dass der Erzählung gegen Ende der Staffel die eigene Kohärenz abhandenkam. Das Autorenteam versuchte schlicht zu viel. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass es sich für den Auftakt der zweiten Staffel auf seine Stärken zurückbesinnt. In grandiosen Bildern strickt die Episode behutsam an neuen Geschichten.

Nachlese

Weil er von seinem ehemaligen besten Freund und jetzigen Erzfeind Ciro (Marco D'Amore) verschont wurde, bekommt Genny Savastano (Salvatore Esposito) zu Beginn der Episode die Chance, um sein Leben zu kämpfen. Schwer verletzt wird er in ein Krankenhaus eingeliefert, wo sich aber kein Familienmitglied einfindet. Das ist verständlich, wurde seine Mutter am Ende der ersten Staffel doch ermordet, während sein Vater Pietro (Fortunato Cerlino) nun mit dem eigenen Gefängnisausbruch beschäftigt ist. Erst am Ende dieser Auftaktepisode bekommen wir vage Gewissheit darüber, dass Genny überleben könnte.

Als er diese erfreuliche Nachricht erhält, ist Don Pietro längst auf dem Weg nach Deutschland, wo er sich vor den italienischen Strafverfolgern verstecken will. Diese Wahl ist angesichts der Zahlen, die dieser Bericht ausweist, nicht weiter verwunderlich. Darin heißt es: „Mehr als 1200 mutmaßliche Mitglieder, Unterstützer und Sympathisanten der italienischen Mafia leben in Deutschland. Es zeigt sich, dass der Westen und Süden des Landes von ihnen bevorzugt werden. Besonders beliebt sind Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen.

Flucht auf Deutschlands Straßen © Sky
Flucht auf Deutschlands Straßen © Sky

Savastano versucht sein Glück ganz offensichtlich im Großraum Köln/Düsseldorf. Der Fokus auf Nordrhein-Westfalen weckt Erinnerungen an die Mafiamorde von Duisburg aus dem Jahr 2007. Wie es mit der Geschichte des Flüchtenden weitergeht, bleibt indes unklar, schließlich ist es kein einfaches Unterfangen, aus einem solch engen dramaturgischen Spielraum eine spannende Story zu basteln. Jedoch können wir davon ausgehen, dass dies nicht die letzte Episode war, in der Savastano auftaucht, kündigt er doch an, sich alles zurückzuholen.

Debora (Pina Turco) sitzt sprichwörtlich hinter Gittern. © Sky
Debora (Pina Turco) sitzt sprichwörtlich hinter Gittern. © Sky

Weil Genny sich im Krankenhaus aufhält und Pietro sich auf der Flucht befindet, bleibt viel Raum für den Handlungsbogen um Ciro. Er strebt nun eine Allianz mit seinem ehemaligen Erzfeind Salvatore Conte (Marco Palvetti) an - ein Vorschlag, den der zunächst skeptisch aufnimmt. Conte macht sich primär Sorgen um die Rache der Savastanos, wobei ihn Ciro mit nachvollziehbaren Argumenten besänftigen kann. Nicht nur sind die beiden Führungsspitzen des Clans vorübergehend außer Gefecht gesetzt, seine Reihen sind nach den jüngsten blutigen Auseinandersetzungen auch merklich dezimiert.

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Conte ist ein zentraler Teil von Ciros Plan, weil er - ganz ähnlich zu „Proposition Joe“ in The Wire - über die beste Drogenconnection verfügt. Er soll also als Großhändler auftreten und die übrigen Dealerfamilien versorgen. Im Gegenzug verlangt er keinen Tribut von ihnen - der Profit aus ihren Territorien fällt ganz alleine ihnen zu. Dieses Herrschaftsprinzip erinnert an ebenjenes aus der Zeit des Römischen Reichs, das den vielsagenden Titel Teile und Herrsche trägt. Um seinem Plan genügend Nachdruck zu verleihen, muss sich Ciro jedoch zunächst das nötige Kleingeld besorgen.

Das fällt ihm auf, nachdem er in seinem Unterschlupf am Meer eine ernüchternde Bilanz gezogen hat. All die Gewalt, all die Machenschaften, all der Betrug und all die grausamen Morde haben ihm eine kümmerliche Summe von sechzigtausend Euro eingebracht. Nun wissen wir nicht, wie lange Ciro dieses Handwerk schon ausführt, jedoch hat es nicht den Anschein, als fielen dabei zufriedenstellende Profitmargen für ihn ab. Sein Adjutant Rosario (Lino Musella) kann indes selbst über diese Summe staunen - er gibt offenherzig zu, dass er davon weit entfernt.

Den kontemplativen Moment nutzt Ciro jedoch nicht, um einzuhalten und seine Situation neu einzuschätzen. Es wäre gerade ja nicht der schlechteste Augenblick, um einen Schlussstrich unter dieses Chaos zu ziehen, die Familie einzupacken und irgendwo anders, weit weg, neu anzufangen. So denkt Ciro jedoch nicht, wie wir es später auch noch aus seinem Mund hören. Er hat zu viel geopfert, zu viel aufgegeben, zu viele Freunde verloren, um jetzt eine Kehrtwende zu machen. Statt die Toten zu betrauern, sieht er eine Gelegenheit - die Gelegenheit zum Griff nach der neapolitanischen Krone.

Verständlich; dass Debora diesem Elend entfliehen will. © Sky
Verständlich; dass Debora diesem Elend entfliehen will. © Sky

Im Weg steht ihm dabei nicht nur der Rest des Savastano-Clans - und zwei mit diesem verbündete Familien, die sich bislang weigern, die Seiten zu wechseln -, sondern auch die eigene Ehefrau. Von Beginn an steuert dieser Handlungsbogen auf sein brutales Ende hin, was ihn nicht weniger herzzerreißend macht. Bis zum Schluss habe ich gehofft, dass es vielleicht doch noch irgendeinen anderen Ausweg für Ciros Ehefrau Debora (Pina Turco) gibt als den gewaltsamen Tod. Jedoch erkennen wir schon am kaltblütigen und völlig ungerührten Umgang Ciros mit den entführten Wachen eines Geldtransporters, wie abgestumpft und gefühllos er alles aus dem Weg räumt, was ihm gefährlich werden könnte.

Gewissenlos

Dabei sei ihm zugestanden, dass er nie den expliziten Plan gefasst hat, Debora zu töten. Er bringt sie zunächst in einem heruntergekommenen Wohnviertel unter, wo er sich der Unterstützung der Anwohner sicher sein kann. Dort will sie aber nicht bleiben. Hinter jeder Ecke vermutet sie einen Attentäter, was man ihr angesichts der traumatischen Ereignisse aus dem Finale der ersten Staffel nicht verdenken kann. Immer wieder kehrt sie ins Strandhaus zurück, wo sie sich aber auch nicht sicher fühlt. Immer wieder fleht sie Ciro an, doch endlich mit ihr und der gemeinsamen Tochter abzuhauen.

Als Debora von der Polizei vorgeladen wird und Ciro das versprochene Alibi gibt - die übrigen polizeilichen Ermittlungen hält er sich dank eines Deals mit einem Doppelgänger vom Hals -, denkt sie zum ersten Mal kurz darüber nach, alles aufzugeben und sich zu stellen. Beim zweiten Mal wird sie von einem Zuarbeiter ihres Ehemanns beobachtet, was aber immer noch nicht ihr sicheres Todesurteil ist. Erst, als sie sich nach einem letzten, zum Scheitern verurteilten Versuch, mit Ciro eine Übereinkunft zu erzielen, strikt weigert, seine Zuwendungen anzunehmen, lässt er seiner Aggression freien Lauf und erdrosselt sie am Strand - wenige Meter von dem Restaurant entfernt, wo er kurz zuvor mit ihr noch am Tisch gesessen hatte.

Es ist eine abscheuliche, grauenvolle Tat - eine Tat, die dem vergleichbar niedrigen bodycount der Episode ins Gesicht lacht. Am Ende blicken Ciro und Rosario in die Flammen des brennenden Autos, in dem Deboras Leiche entsorgt werden soll. Es ist eine schöne Spiegelung einer der letzten Szenen der Pilotepisode, als Ciro schon einmal ins Feuer starrte. Dieses Mal bleibt er jedoch nicht ungerührt - nachdem er bei der Polizei die Identität seiner Ehefrau bestätigt hat, bricht es aus ihm heraus.

Gomorrha kehrt mit voller Wucht zurück. Endlich.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 10. Mai 2016
Episode
Staffel 2, Episode 1
(Gomorrha 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Das schöne Leben
Titel der Episode im Original
Vita Mia
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 10. Mai 2016 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 10. Mai 2016
Regisseur
Stefano Sollima

Schauspieler in der Episode Gomorrha 2x01

Darsteller
Rolle
Marco D'Amore
Fortunato Cerlino

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