Gomorrha 1x11

Wir kennen es schon aus vielen anderen berühmten Dramaserien - die vorletzte Episode einer Staffel ist oftmals die mitreißendste, brutalste, schockierendste. Auch in Die alte Garde kommt es am Ende zu einem unerwarteten Mord, zum ersten Mal in der ersten Staffel stirbt eine Hauptfigur. Was diesen plötzlichen Tod aber von vergleichbaren in anderen Serien unterscheidet, ist die Beiläufigkeit, mit dem er durchgeführt wird. Die Kamera verharrt nicht auf der Leiche, abgesehen vom üblichen musikalischen Thema setzt keine zusätzlich dramatisierende Musik ein.
Hier gibt es nichts Buntes. Alles ist grau.
Der Tod von Donna Imma (Maria Pia Calzone) kommt überdies zu einem Zeitpunkt, da es wahrscheinlich schien, dass sie die eigene Machtbasis innerhalb des Savastano-Klans hätte ausbauen können. Aber so funktioniert Gomorrha nicht. Es spricht für die Serie, dass sie stets versucht, die Realität im traurigen Leben eines Mitglieds der Camorra wiederzugeben - und sich nicht von etwaigen Zuschauersympathien verleiten zu lassen, eine Figur länger am Leben zu halten, als es die Geschichte vorgibt. Imma war vielleicht der letzte Charakter, dem man als Zuschauer irgendetwas abgewinnen konnte. Genny (Salvatore Esposito) und Ciro (Marco D'Amore) haben diese Grenze längst überschritten.
Die Episode zeigt uns außerdem, wie fragil die Seilschaften innerhalb eines Klans sind. Der Savastano-Soldat Zecchinetta (Massimiliano Rossi) versucht, zu Beginn noch dafür zu plädieren, dass es doch eigentlich nur darum gehe, gemeinsam möglichst viel Geld zu verdienen. Aber so ist es nicht. Die persönlichen Empfindsamkeiten von Anführern, Capos, Soldaten und Adjutanten spielen eine ebenso große Rolle. Genny spricht das einmal (und in der Serie viele Male) auch direkt aus: Es geht um „Respekt“ - was auch immer dieser Begriff in dieser Welt bedeuten mag.
Weil Zecchinetta und andere Zugehörige der alten Garde diesen Respekt vor der neuen Führung vermissen lassen, muss er sterben, während seine Kinder gerade mit den Kumpanen seiner Mörder spielen. Auch dieser Mord geschieht so beiläufig, dass einem beim Zuschauen beinahe übel wird. Der jugendliche O'Track (Carmine Monaco), der zuvor eher durch große Sprüche denn durch Taten aufgefallen war, knallt Zecchinetta einfach ab, als er realisiert, dass der nicht weiß, wo sich Salvatore Conte (Marco Palvetti) versteckt hält. Einen winzigen Augenblick scheint er darüber schockiert zu sein, wenige Stunden später fordert er aber seine Mitstreiter schon wieder dazu auf, es ihm gleichzutun und die Alteingesessenen einen nach dem anderen zu exekutieren.

Die Jungs lassen sich das nicht zweimal sagen und brechen sofort auf, um nacheinander Malamo (Fabio de Caro), O'Baroncino (Gaetano di Vaio) und O'Fringuello (Alfonso Postiglione) aufzusuchen. Vor allem der junge Tonino Spiderman (Alessio Gallo) hat sich von O'Tracks großspurigem Gehabe aufkratzen lassen. Er ist fest entschlossen, Malamo umzubringen. Der ist jedoch clever genug, sich von Tonino nicht in eine Falle locken zu lassen. Die Bande zieht auf ihren Rollern ab - zur Wohnung des nächsten Opfers.
Reif für den Schrott
O'Fringuello und O'Baroncino trachten die Marodeure nicht nach dem Leben, die beiden Altgedienten lassen sie mit dem Schreck davonkommen. Dem einen schweißen sie das Hoftor zu, dem anderen zünden sie die zum Trocknen rausgehängte Wäsche an. Als O'Baroncino auf den Balkon stürmt, geben die Angreifer ein paar Warnschüsse ab, ziehen dann aber unter lautem Gejohle von dannen. Die Racheaktion wird nicht lange auf sich warten lassen.
Ausgerechnet der alte Krieger O'Pisciavindola (Walter Lippa) wird dazu auserkoren, seinen eigenen Neffen Tonino, der ihm kurze Zeit zuvor noch eine Pistole ins Gesicht gedrückt hatte, zu ermorden. Die beschwingte Rollerfahrt mit Musik auf den Ohren an einem neu angebrochenen, sonnigen Tag wird die letzte des Jungen sein, der sich einst den Beinamen „Spiderman“ verliehen hatte. Sein Onkel schießt ihn vom Roller, dreht seinen Körper auf den Rücken, zögert kurz, verpasst dem eigentlich schon Toten dann aber noch den tödlichen Kopfschuss - zur Sicherheit. Man weiß ja nie, was passiert, schießt man seinem Opfer nur in die Brust.
Der kalte Krieg innerhalb des Savastano-Klans ist damit endgültig in die heiße Phase eingetreten und auch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Ciro erweist sich dabei einmal mehr als Meister der Tarnung. Ruhig betrachtet er sämtliche Optionen, die ihm offenstehen. Die Gruppe um Malamo und andere ältere Capos ist zerstritten über das weitere Vorgehen. Manche wollen sich Salvatore Conte anschließen, andere wollen innerhalb des eigenen Klans bleiben. Schließlich schaltet sich Imma ein und rät Genny, die Familien der Soldaten zuerst in Sicherheit bringen zu lassen, um dann ein Treffen des gesamten Klans anzuberaumen.

Dort hält der neue Anführer eine halbherzige Rede, in der er über „Geschlossenheit“ und „Familie“ doziert. Den Mitgliedern der alten Garde ist wegen des Auftretens ihrer jüngeren Rivalen aber schnell klar, dass sie nicht weiter stillhalten werden und keinerlei Interesse an einem klaninternen Frieden haben. Die Lager bleiben hernach genauso gespalten, wie sie es davor waren. Also entschließt sich Ciro dazu, gemeinsam mit den älteren Capos zu Conte überzulaufen.
Den Krieg gewinnt der Geduldigste
Der erneut von verloren geglaubten Unsicherheiten geplagte Genny sucht indes Rat bei seinem Vater Pietro (Fortunato Cerlino), findet im Gefängnis aber nur einen gebrochenen, mit Medikamenten zum Stillhalten gebrachten Mann wieder - eine der aufwühlendsten Szenen dieser Episode. So wenig Genny also von seinem einstigen Ernährer erwarten kann, so sehr setzt sich Imma ohne sein Wissen für ihn ein.
Bruno, der beste Freund des von Conte ermordeten Daniele (dessen Bruder Massimo wir auch als Leiche zu sehen bekommen, obwohl es am Ende der letzten Episode noch so schien, als sei ihm die Flucht vor Conte gelungen), hat seiner Mutter in der Zwischenzeit das Handy geschickt, auf dem die Entführung der von Ciro (oder seinem Adjutanten Rosario (Lino Musella)) ermordeten Freundin Danieles aufgezeichnet ist.
Imma will diese Aufnahmen nun nutzen, um Ciro damit zu erpressen. Sie lässt von ihrer Fahrerin Maria (Luisa Esposito) eine Kopie anfertigen und diese zum Anwalt bringen. So will sie sicherstellen, dass Ciro sie nicht einfach an Ort und Stelle ermordet. Der droht bei ihrem Treffen genau das auch an, spielt aber den überraschten, als sie ihm von ihrer Versicherung berichtet. Imma fordert von Ciro, Conte zu ermorden und dann mit seiner Familie abzuhauen. Nur dann werde sie Genny nicht von ihren neuen Erkenntnissen berichten. Ciro muss nun vor diesem Treffen schon den Plan gefasst haben, Imma ermorden zu lassen, schließlich passiert der Anschlag nur wenige Sekunden, nachdem die beiden den Treffpunkt verlassen.
Zu dem Zeitpunkt kann er sich noch nicht sicher sein, dass sein Helfer Rosario auch Maria mit der Sicherheitskopie erwischt hat. Trotzdem ist es kein besonders riskantes Spiel, das Ciro eingeht - schließlich weiß er da schon längst, dass er zu Conte wechseln wird. Die Aufnahme hat also weniger erpresserisches Potential, als sich Imma vielleicht erhofft hat. Am Ende bekommen wir dafür denn auch die Bestätigung. Ciro trifft sich mit Conte und behauptet breitspurig: „Die Savastanos sind Vergangenheit.“ Schade, dass bald auch die erste Staffel dieser exzellenten Serie Vergangenheit ist.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 12. Dezember 2014(Gomorrha 1x11)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?