Gomorrha 1x07

Gomorrha 1x07

Die Episode Die Festung hat alles, was gutes Dramafernsehen ausmacht: hohes Erzähltempo, dramaturgisch nachvollziehbare Entwicklungen, einen tollen Cliffhanger und tiefe Einblicke in die sozioökonomische Realität der Figuren. Gomorrha läuft wieder zu Höchstform auf.

An der Spitze ist es einsam: La Donna Savastano (Maria Pia Calzone), neue Klanchefin / (c) Sky Italia
An der Spitze ist es einsam: La Donna Savastano (Maria Pia Calzone), neue Klanchefin / (c) Sky Italia

Nachdem die italienische Mafiaserie Gomorrha nach dem herausragenden Start einige gute, aber nicht großartige Episoden nachlegte, knüpft sie mit Die Festung nun wieder da an, wo sie einst begonnen hatte. Die Episode liefert mitreißendes Drama und einen intimen Einblick in die Funktionsweise einer abgeschlossenen Gesellschaft, die ihre eigenen Regeln und Institutionen geschaffen hat. Der Einflussbereich der Camorra-Klans ist ein System, das sich immer wieder selbst reproduziert. Es ist gekennzeichnet von tiefem Misstrauen gegenüber staatlicher Einmischung. Es hat seine eigene Form der Rechtsprechung. Es durchsetzt die angrenzende Gesellschaft mit seinen Idealen und Vorstellungen, vor allem aber mit einer unnachgiebigen Hierarchie der Gewalt.

Ab sofort gelten andere Regeln

An der Spitze dieses Systems steht nun Immacolata Savastano (Maria Pia Calzone), der es durch einige geschickte Winkelzüge gelungen ist, den Platz ihres inhaftierten Ehemanns Pietro (Fortunato Cerlino) einzunehmen. Verlierer des klaninternen Machtkampfs ist zunächst Ciro (Marco D'Amore), der nach erfolgreicher Verhandlung mit dem Erzfeind des Klans, Salvatore Conte, nach Neapel zurückkehrt und dort feststellen muss, dass seine Anstrengungen beinahe umsonst waren. Nun stellt sich auch heraus, was Imma eigentlich damit bezweckte, Ciro nach Barcelona zu schicken: Sie wollte sich genügend Zeit erkaufen, um die eigene Machtergreifung vorzunehmen.

Unter der neuen Herrschaft muss Ciro nun den nächsten Rückschlag hinnehmen. Von Imma wird er dazu degradiert, die „Festung“ zu errichten und deren Betrieb zu leiten. In meinem Interview mit Regisseur Sollima hatte er noch behauptet, sich keine Anleihen beim amerikanischen Crime-Epos The Wire genommen zu haben. Diese treten aber in Die Festung deutlich zutage: Der neue Drogenumschlagsplatz erinnert stark an „The Pit“, wo die Barksdale-Crew ihre Drogen an den Mann brachte. Auch Ciros Degradierung lässt Parallelen zu einem sehr ähnlichen Vorgang in „The Wire“ erkennen, bei dem D'Angelo Barksdale im Mittelpunkt stand.

Am Ende gibt es sogar einen weiteren Erzählstrang, der im großen Vorbild bereits behandelt wurde. Dazu aber später mehr. Imma konsolidiert ihre Macht indes auf ganz eigene Weise. Einerseits gibt sie sich im neuen Viertel als großzügige Gönnerin aus. Sie zeigt sich nahbar, lässt die Menschen ihre Probleme vortragen und verspricht ihnen ganz reale Verbesserungen. Doch diese Versprechungen haben alle ihren Preis.

Für den gierigen Geldverleiher (M.) hat die letzte Stunde geschlagen. © Sky Italia
Für den gierigen Geldverleiher (M.) hat die letzte Stunde geschlagen. © Sky Italia

So kommt es zu einer Episode, in der der body count außerordentlich hoch ist. Zu Beginn der Episode lässt Imma einen Kredithai hinrichten, der den Vater eines Mädchens in den Selbstmord trieb. Die Hinrichtung geschieht vor den Augen des Mädchens. Außerdem wird sie von Imma rekrutiert und als Geldbotin eingesetzt - ein weiterer Seitenhieb gegen Ciro, der eigentlich selbst die Verteilung des Einkommens übernehmen wollte.

Du tust, was ich Dir sage

Der Mord an dem Geldverleiher (der tatsächlich horrende Zinsen von bis zu 70 Prozent verlangte) geschieht so beiläufig, dass einem als Zuschauer der Atem stockt. Kurz danach bittet der Todesschütze Malamo (Fabio de Caro) seinen Kollegen ganz nonchalant um Feuer, als wäre nichts geschehen. Auch das Mädchen scheint nicht besonders schockiert zu sein von dem soeben Erlebten. Der gewaltsame Tod gehört in Scampia einfach zur Lebensrealität. Wer den Regeln der Camorra nicht folgt, wird eben erschossen. Auch der Selbstmord des eigenen Vaters scheint sie merkwürdig kalt zu lassen - zumindest nach einer Trauerphase von wenigen Wochen.

Weil sich der Savastano-Klan mit großer Rücksichtslosigkeit neue Territorien erobert (und diese zu regelrechten Festungen umbaut), verübt die Konkurrenz einen Bombenanschlag auf Ciro, der aber ungeschoren davonkommt. Er fordert sofortige Vergeltung, wird aber einmal mehr von Imma zurückgepfiffen. Statt Ciro soll erneut Malamo die Racheaktion übernehmen. Der setzt den Befehl umgehend in die Tat um. Ohne Rücksicht auf mögliche Zeugen und weitere Opfer erschießen er und ein Kollege zwei Mitglieder der Martone-Familie, die hinter dem Anschlag auf Ciro vermutet werden - am hellichten Tag, auf einem Sportplatz, wo gerade zwei Jugendmannschaften ein Fußballspiel austragen.

Ebenso sprachlos lässt einen die Szene zurück, in der die neue Madonnenstatue von einem Priester in einer kleinen Prozession geweiht wird. Der Geistliche vollzieht sein Amt, während wenige Meter daneben ganz offen Drogen gehandelt werden. Die Verwicklung von Kirche und Mafia ist ein offenes Geheimnis. Dass aber so freimütig mit kriminellen Operationen umgegangen wird, ist doch überraschend. Im Drogenhandel ist nun auch das im Rollstuhl sitzende Mädchen involviert, dessen Mutter Imma kurz zuvor noch angefleht hatte, ihr einen Job zu verschaffen. So operiert La Donna: Sie gibt ihren Mitmenschen das, was sie sich von ihr wünschen, findet aber stets eine Möglichkeit, eigenen Profit daraus zu schlagen.

Eine Braut auf der Flucht - in fantastischen Bildern eingefangen. © Sky Italia
Eine Braut auf der Flucht - in fantastischen Bildern eingefangen. © Sky Italia

Zwischendurch besucht die neue Klanchefin ihren Ehemann im Gefängnis. Dessen körperlicher Verfall ist kaum zu übersehen, offensichtlich werden aber auch seine geistigen Fähigkeiten in der Isolationshaft stark in Mitleidenschaft gezogen. Sie beklagt sich bei ihm über Genny (Salvatore Esposito), obwohl der in Nicaragua einen erfolgreichen Deal abgeschlossen hat. Dies ist nur ein weiterer Schritt der vorausdenken Donna, um sich den Platz auf dem Thron auch nach einer Rückkehr Gennys zu sichern. Es funktioniert, Pietro hat außer einem kryptischen Hinweis nicht viel mehr zum Gespräch beizutragen.

Du musst Dich vor nichts fürchten

Einen Rückschlag muss Imma aber doch einstecken. Als letztes Opfer dieser Episode wird das Mädchen erschossen, das Imma zu ihrer Adjutantin aufbauen wollte. Die Inszenierung dieses Mordes ist besonders gut gelungen. Das Mädchen probiert gerade ein Hochzeitskleid an, das von ihrem verstorbenen Vater geschneidert wurde. Die beiden Mörder jagen sie hernach über einen öffentlichen Platz, was Sollima in der Totale filmen lässt. Schließlich gerät das Mädchen in einer Metzgerei in die Falle und wird kaltblütig erschossen. Das Rot ihres Blutes sickert langsam durch das Weiß des Hochzeitskleids - ein weiterer elender Tod in dieser endlosen Spirale der Gewalt.

Unklar bleibt indes, wer hinter dem Anschlag steckt. Imma interpretiert den Mord als Vergeltungsaktion der Martones. Es ist jedoch durchaus möglich, dass Ciro oder einer seiner Untergebenen das Mädchen erschossen haben. Schließlich gibt es genug Klanmitglieder, die mit der neuen Hierarchie unzufrieden sind. Imma zieht daraus jedenfalls den Schluss, eine Friedenskonferenz zwischen sämtlichen Klans einberufen zu müssen. Erstmals revoltiert Ciro offen gegen einen Befehl seiner neuen Chefin: „Don Pietro Savastano hätte sich sowas nicht gefallen lassen.“ Alle anderen Capos bleiben jedoch still, also bekommt Imma ihren Willen. Das anschließende Treffen der Klanbosse erinnert in Ausrichtung und Zielsetzung an die Versammlungen des New Day Co-op, die in The Wire einst von Stringer Bell einberufen wurden.

Wir dürfen gespannt sein, ob in Neapel ein offener Krieg mit mehreren Fronten ausbricht, oder ob sich La Donna mit ihrem neuen Führungsstil durchsetzen kann. Das Ende der Episode lässt indes die Frage offen, ob Imma überhaupt ihren Platz auf dem Thron behalten kann. Im Dunkel ihrer Wohnung steht nämlich plötzlich Genny, der im nicaraguanischen Dschungel offensichtlich Schlimmes durchlebt hat. Er ist davon überzeugt, dass ihn seine eigene Mutter durch die riskante Mission beiseite schaffen wollte. Unrecht hat er damit nicht. Macht korrumpiert alle.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 14. November 2014
Episode
Staffel 1, Episode 7
(Gomorrha 1x07)
Deutscher Titel der Episode
Die Festung
Titel der Episode im Original
Imma contro tutti
Erstausstrahlung der Episode in Italien
Dienstag, 27. Mai 2014 (Sky Italia)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 14. November 2014
Regisseur
Francesca Comencini

Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x07

Darsteller
Rolle
Marco D'Amore
Fortunato Cerlino
Maria Pia Calzone
Marco Palvetti

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