Gomorrha 1x05

Ab dem Moment, in dem der Finanzjongleur des Savastano-Klans, Franco Musi (Antonio Zavatteri), mit Ehefrau und Tochter auf verwackelten Selfies eines glĂŒcklichen Familienlebens zu sehen ist, dĂŒrfte einem jeden geĂŒbten Zuschauer klar sein, dass er diese Episode nicht ĂŒberleben wird. Was folgt, ist eine kurzweilige Abhandlung seines Niedergangs, die sich darauf beschrĂ€nkt, hinlĂ€nglich bekannte Plotelemente abzufrĂŒhstĂŒcken.
Mich interessiert nur der Profit
Weil es Musi nicht mehr reicht, nur den Handlanger fĂŒr die FinanzgeschĂ€fte seines mĂ€chtigen Paten zu spielen, lĂ€sst er Pasquale (Ciro Ruoppo) nach Mailand reisen - einen Ă€lteren, leicht verwirrten Herrn, der fĂŒr ihn den Strohmann mimen soll. In dessen Namen lĂ€sst Musi eine Treuhandgesellschaft grĂŒnden, in der er Geld parken will, das er vom Savastano-Klan unterschlĂ€gt. Der erste Schritt seines Abstiegs ist getan.
Was er da noch nicht weiĂ: Savastanos Topsoldat Ciro (Marco D'Amore) meldet seinem neuen Interimsvorgesetzten Genny (Salvatore Esposito) zur gleichen Zeit, dass der Drogenhandel schleppend lĂ€uft. Nach Ausbruch des Krieges mit Salvatore Conte (den wir bisher nur in der Auftaktepisode zu Gesicht bekamen) wurden sĂ€mtliche Kooperationen zwischen den beiden Klans gekappt. Den Savastanos fehlt nun also der Drogennachschub, der stets von der nunmehr verfeindeten Organisation geliefert worden war.
Die Probleme der Auflösung dieser Verflechtung hĂ€tten von Pietro (Fortunato Cerlino) eigentlich vorhergesehen werden mĂŒssen, wĂ€re er der weitsichtige Klanchef, fĂŒr den er sich hĂ€lt. Nun brauchen seine Apologeten aber frisches Geld, um damit besseren Stoff besorgen zu können, damit die Kunden nicht den Anbieter wechseln. Dieser Handlungsstrang erinnert stark an sehr Ă€hnliche Probleme der Barksdale-Crew unter FĂŒhrung von Stringer Bell in der zweiten Staffel des Baltimore-Epos The Wire.

Um die bessere Drogenconnection bezahlen zu können, braucht Genny also frisches Geld. Den Segen dafĂŒr holen sich er und Imma (Maria Pia Calzone) zuvor von Pietro, der nun ein tristes Dasein in der Isolationshaft fristet. Der Code, den sie sich durch schusssicheres Glas zuraunen, ist ziemlich einfach zu entschlĂŒsseln. Pietro fragt, ob Gennys Motorrad nach der Reparatur wieder funktioniert. Als Genny das verneint, rĂ€t Pietro ihm, den âĂlfilterâ zu wechseln.
Geld erschafft immer neues Geld
Genny und Imma setzen nun also ihren Finanz-consigliere Musi unter Druck, damit der schnellstmöglich frisches Geld besorgt. Der gerĂ€t dabei schwer in BedrĂ€ngnis, weil er ja Teile des Vermögens abgezweigt und in ein eigenes, millionenschweres Projekt investiert hat. Trotzdem gelobt er, das in finnische Staatspapiere investierte Geld wieder auszulösen. Was soll er auch sonst tun? Dies stellt sich jedoch als schwieriger heraus als erwartet. Sein Anlageberater eröffnet ihm, dass die Auszahlung der Investitionssumme nicht mehr so einfach zu handhaben sei, weil die italienische Finanzaufsicht (auf GeheiĂ der EU) strengere Regeln fĂŒr solche Transaktionen erlassen habe. GegenĂŒber der erzĂŒrnten Imma flĂŒchtet sich Musi in fadenscheinige Ausreden, die La Donna nicht lange gelten lĂ€sst. Sie verlangt sofortigen Einblick in die Finanzunterlagen der Familie.
Dazu reist sie mit dem widerwilligen Genny nach Mailand, obwohl sich der verwöhnte Spross viel lieber mit seiner neuen Freundin Noemi (Elena Starace) die Zeit vertreiben wĂŒrde. Dort angekommen spielt Genny denn auch nur mit seinem Handy, statt sich mit der finanziellen Situation seines Klans vertraut zu machen. Trotzdem zwingt ihn seine Mutter, die Immobilienwerte der Familie in der Stadt zu inspizieren - bis Genny mit der BegrĂŒndung abdampft, er mĂŒsse seiner Freundin nun ein Geschenk kaufen gehen. Von diesem Shoppingtrip kehrt er aber nicht mehr zurĂŒck, sondern fĂ€hrt auf direktem Wege zurĂŒck nach Neapel.
Imma vertröstet er mit einer Handtasche, sie muss sich am nĂ€chsten Tag erneut mit dem wieseligen Musi und dessen windigen GeschĂ€ftsideen auseinandersetzen. Er versucht krampfhaft, sie zu riskanten Devisenspekulationen zu ĂŒberreden, die er ihr gegenĂŒber natĂŒrlich als bombensichere Null-Risiko-Anlage zu verkaufen sucht. Imma ist jedoch schlau genug, um sich auf ein solches Vabanquespiel nicht einzulassen. Ihr GeschĂ€tssinn rĂ€t ihr, lieber in sichere Werte, in Immobilien, zu investieren. Was sich bereits in den letzten Episoden herauskristallisierte, wird in Kleingeld immer eindeutiger: Imma ist die vielfach fĂ€higere Nachfolgerin von Pietro.

WĂ€hrend die designierte Matriarchin der Savastanos also Musis Machenschaften durchschaut, unterlĂ€uft ihm gleich der nĂ€chste Fauxpas. Weil das von ihm erworbene Unternehmen wegen eines Bilanzfehlers erneut unter die Lupe eines WirtschaftsprĂŒfers genommen werden soll, versucht er, es so schnell wie möglich wieder zu verĂ€uĂern. Sein GeschĂ€ftspartner lĂ€sst sich diesen stinkenden Fisch aber nicht unterjubeln. Als letzten Ausweg sieht Musi nun die Bestechung des WirtschaftsprĂŒfers, womit er aber krachend, beinahe schon lĂ€cherlich, scheitert. Schon am nĂ€chsten Morgen wird er vor den Augen seiner schwangeren Frau und der Schwiegertochter verhaftet.
Ohne Wachhund laufen die Schafe wohin sie wollen
Imma ist auĂer sich, als sie davon erfĂ€hrt. Sie lĂ€sst Musi von ihrem Anwalt aber trotzdem sofort aus dem GefĂ€ngnis holen, damit der dort nicht auf dumme Gedanken kommt. Sie weiĂ nĂ€mlich nur allzu gut, dass er sĂ€mtliche finanzielle Machenschaften des Klans spielend leicht auffliegen lassen könnte. Als sie den SĂŒnder jedoch zu sich zitieren lĂ€sst, können wir die Wandlung von der renitenten Ehefrau zur mĂ€chtigen, ambitionierten Thronnachfolgerin betrachten. Sie lĂ€sst Musi unzweideutig wissen, was er nun zu tun habe. Nur sein Selbstmord könne seine Familie vor einem gewaltsamen Tod retten. Dieser letzte Teil bleibt freilich unausgesprochen.
Imma meldet mit diesen Aktionen eindeutige AnsprĂŒche auf die KlanfĂŒhrung an. Intern weht ihr jedoch heftiger Wind entgegen. Ciro intrigiert gegenĂŒber Genny ganz offen gegen sie. Er blĂ€ut ihm mehrmals ein, dass nun seine (und ihre gemeinsame) Zeit gekommen sei. Genny mĂŒsse jetzt mit Entscheidungs- und WillensstĂ€rke beweisen, dass er der rechtmĂ€Ăige Nachfolger seines Vaters sei. Doch Genny ist das alles zu viel. Er hat keine Ambitionen, keinen Machtdrang, keinen Ehrgeiz. Er will mit seinen viel jĂŒngeren Freunden Trinkspiele spielen, rumhĂ€ngen und kiffen. Noemi stöĂt in die gleiche Kerbe wie Ciro - mit ebenso mĂ€Ăigem Erfolg.
Das entstandene Machtvakuum an der Spitze des Klans wird am Ende von Imma ausgefĂŒllt. Sie erhĂ€lt zwar von Pietro die Anweisung, Genny zu seinem Nachfolger zu machen, schlĂ€gt diese aber sofort in den Wind. Als ersten Schachzug in ihrer okkupierten Rolle schickt sie Ciro nach Spanien. VordergrĂŒndig soll er dort Frieden mit dem exilierten Conte schlieĂen. In Wahrheit hofft Imma aber darauf, dass er bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung das Zeitliche segnet. Somit hĂ€tte sie ihren mĂ€chtigsten Gegenspieler innerhalb des Klans aus dem Weg gerĂ€umt, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen. Ihr weicher Sohn Genny stellte fĂŒr sie schlieĂlich nie eine ernsthafte Bedrohung dar.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 31. Oktober 2014(Gomorrha 1x05)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?