Gomorrha 1x03

Der Einzug von Mafiaboss Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) ins Gefängnis gleicht mehr einem Triumphzug als dem Gang nach Canossa. Zwar deutet ihm der Oberaufseher, dass es für ihn keinerlei Sonderbehandlung gebe. Doch die ersten Reaktionen seiner Mithäftlinge suggerieren das genaue Gegenteil: Unterwürfig nehmen sie ihm sämtliche lästigen Pflichten ab, beziehen sein Bett, kochen ihm Kaffee, erweisen ihm Respekt - mehr noch: ihre stete Bereitschaft, ihm zu dienen.
Geld löst alle Probleme
Das wird in mehreren Szenen deutlich. Überall, wo Savastano hingeht, wird er von mehreren Untertänigen begleitet. Als er auf dem Gefängnishof sieht, wie sein Neffe Pasqualino (der sich später angesichts eines zehnjährigen Hafturteils umbringen wird) von einer anderen Gruppe schikaniert wird, muss er sich ihr nur nähern, um seinen Verwandten aus der misslichen Lage zu befreien. Sofort kommen auch von den zuvor feindlich gesinnten Gruppenmitgliedern Respektsbekundungen. Es dauert überdies keine 24 Stunden, bis der Don wieder im Besitz eines Handys ist.
Sein treuer Soldat Ciro (Marco D'Amore), der sich erst am Ende der letzten Episode dazu entschieden hatte, seinem Chef auch weiterhin bedingungslos zur Seite zu stehen, organisiert den Handyschmuggel via eines korrupten Wächters. Als das Mobiltelefon jedoch bei einer außerplanmäßigen Zellendurchsuchung gefunden wird, wird der Wachmann in einen anderen Gefängnistrakt verlegt. Zunächst scheint es, als könne Savastano den Oberaufseher weichklopfen. Sämtliche vom Paten angestiftete Aktionen führen jedoch nicht zum erwünschten Resultat.
Man könnte nun davon ausgehen, dass der Konflikt zweier Machtbesessener in einer ultrarealistischen Serie wie Gomorrha blutiger verlaufen würde. Außer einer kurzen Isolierhaft verhängt der Oberaufseher aber keine weiteren Strafen gegen Savastano. Der Machtkampf der beiden gleicht eher einem strategischen Spiel, an dessen Beginn beide Kontrahenten ihre Grenzen ausloten. Beide wissen, dass eine direkte und unbarmherzige Konfrontation unvorteilhaft enden könnte. Also versichern sie sich zunächst der Loyalität ihrer Anhänger. Vor allem muss sich aber Savastano eingestehen, dass er am kürzeren Hebel sitzt.

Beim Familienbesuch trichtert er deshalb auch seinem Sohn Genny (Salvatore Esposito) ein, dass er nun der starke Mann zu Hause, aber auch im Klan sei. Pikant ist auch die Ankunftsszene von Imma (Maria Pia Calzone) und Genny am Gefängnis. Ciro fährt sie in der schwarzen Limousine vor. Die vielen Menschen in der Warteschlange lassen sie kommentarlos passieren, als sie erfahren, wen sie dort besuchen. Diese kurze Szene zeigt eindrucksvoll, in welch eisernem Griff die Camorra ihre Heimatregion hält.
Du bist jetzt der Herr im Haus
Genny hat sich überraschend schnell von seinem Unfall erholt, die Zeitabläufe dieser Episode bleiben etwas unklar. Die Handlung schließt unmittelbar an die Ereignisse der letzten Folge an. Innerhalb kurzer Zeit trägt Genny aber keinen Verband mehr am Arm. Er wird nun von Ciro ins Alltagsgeschäft eines Klanchefs eingeführt. All diese verschiedenen Szenen geben einen wunderbaren Einblick in das Leben an der Spitze einer mafiösen Organisation. Gleichzeitig zeigen sie, dass es - zumindest vorübergehend - keines fähigen Anführers bedarf. Genny bleibt nämlich der verwöhnte Bengel, der über jegliche Pflichten mault und dem stets sämtliche Wünsche erfüllt werden müssen.
Gemeinsam mit Ciro überwacht er die Buchhaltung seiner Organisation. Dabei fällt ihm auf, dass die Geldscheine einen üblen Gestank haben. Ciro erklärt, dies liege daran, dass die Drogenabhängigen ihr Geld stets in der Unterwäsche transportieren würden. Gleichzeitig weiß er, Genny zu beruhigen: „Sobald es in deinem Geldbeutel ist, stinkt es nicht mehr.“ Mit einem ausgeklügelten mechanischen System schmuggeln die beiden das Geld anschließend zur Übergabe in ein verstaubtes Hotel, das voll eingerichtet ist, aber nie in Betrieb genommen wurde. Man muss nicht lange darüber nachdenken, um herauszufinden, dass die Beteiligung der Camorra am Bau dieses Hotels den Betreiber wohl in den Ruin getrieben hat. Von den „Sopranos“ kennen wir die Bezeichnung für solche Jobs: no shows beziehungsweise no works.
Im Hotel beraten Genny und Ciro mit ihrem Anwalt Musi (Antonio Zavatteri) Anlagemöglichkeiten für das Geld. Genny will möglichst liquide bleiben, um sämtliche Kosten für den Prozess seines Vaters abdecken zu können. Er lässt sich jedoch von Musi überzeugen, das Geld in sicheren finnischen Schatzbriefen anzulegen. Schließlich wolle man sich doch die Zinsen nicht entgehen lassen. Überdies habe man jederzeit Zugriff auf die Investitionssumme und könne so flexibel auf sämtliche Eventualitäten reagieren. Auch hier erhalten wir einen wunderbaren Einblick in die Geldwäschepraktiken der Mafia.

Für den Frust darüber, von einem Anzugträger überredet worden zu sein, findet Genny schnell ein Ventil. Während sich Musi mit seiner Freundin (eher einer Prostituierten) vergnügt, schnappt sich Genny dessen Maserati und dreht damit mehrere Runden auf dem Hotelparkplatz. Schlagartig ist der Mafiaspross wieder ein Kind, das nach ständiger Unterhaltung sucht. Dabei bleibt es nicht bei der Parkplatzraserei. Genny reißt sich den Wagen gleich ganz unter den Nagel. Er bekommt eben, was er will - wegen seines Nachnamens.
Wir beide sind unschlagbar
Gennys Vergnügungstour endet noch lange nicht mit der Spritzfahrt im Maserati. Ciro besorgt ihm außerdem ein Date mit Noemi (Elena Starace) - der Frau, wegen der ein verfeindeter Klanboss in der letzten Episode sterben musste. Ihr Herz erobert er schließlich mit dem speziell für sie engagierten Sänger Alessio, der in der Tradition feinsten italienischen Plastikpops ihre Lieblingslieder schmettert. Das alles hat unglaublich wenig Stil und ist wahnsinnig kitschig, erlaubt aber gleichzeitig ein Psychogramm des designierten Chefs und derer, die sich mit ihm umgeben.
Jede Frau mit ein wenig Selbstachtung hätte hier wohl mit wehenden Fahnen die Flucht ergriffen. Doch spätestens, als das Konzertpublikum (wahrscheinlich auf Anweisung) Gennys Namen skandiert, hat er Noemi von sich überzeugt. Die beiden betrinken sich (off camera) und torkeln zurück in sein Kinderzimmer. Imma wird vom Lärm geweckt und erbittet sich ein Gespräch mit ihrem Sohn. Der schlägt ihre Bedenken aber jovial in den Wind: „Du musst dir um nichts mehr Sorgen machen. Ich bin jetzt erwachsen. Ich werde mich um alles kümmern.“
Als Genny daraufhin in seinem Zimmer verschwindet, gelingt Regisseur Sollima ein fantastisches Bild: In der linken Hälfte steht die betrunkene Noemi, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann. In der rechten Hälfte steht Imma, die ihrem Sohn sprachlos und mit verschränkten Armen hinterherschaut. Getrennt sind beide von der Zimmerwand und dem dunklen Flur. Auch die dritte Episode von Gomorrha ist in jeglicher Hinsicht ausgezeichnet, wenngleich sie nur beinahe die emotionale Brisanz ihrer beiden Vorgänger erreicht.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 17. Oktober 2014(Gomorrha 1x03)
Schauspieler in der Episode Gomorrha 1x03
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