Fringe 5x03

Und los geht die Schnitzeljagd! Das erste Videoband (eigentlich das dritte) liefert uns in der Episode The Recordist der US-Serie Fringe nicht nur einen neuen Einblick in Walters (John Noble) Drogenkonsum, sondern gibt auch Koordinaten im ländlichen Pennsylvania preis. Während Astrid (Jasika Nicole) im Labor weiter mit der schlechten Bildqualität der Aufnahme kämpft, reisen Walter, Peter (Joshua Jackson), Olivia (Anna Torv) und Etta (Georgina Haig) in die Wälder, wo irgendwo irgendwas versteckt sein soll. The Recordist dürfte damit der Prototyp der kommenden Fringe-Folgen sein: Band gucken, in eine abgelegene Gegend fahren, Maschinenteil suchen, Maschinenteil habhaft werden, zurück nach Boston fahren.
Das Borg-Problem bei Fringe
Mit dieser Schnitzeljagd-Struktur lösen die Autoren gleich mehrere Probleme, die wir am Anfang von Staffel fünf angesprochen hatten: Die „Tagesausflüge“ erhalten das monster of the week-Schema - diesmal ist es eine Krankheit - und geben uns die Möglichkeit, mehr von der Welt der Zukunft zu sehen. Jeder kann seine Rolle weiterspielen: Astrid arbeitet im Labor, je nach Bedarf zusammen mit Walter, während Olivia, Peter und Etta den Kern des away team bilden. Und ganz wichtig: Da die Teile in abgelegenen Gegenden liegen dürften, gehen unsere Helden den Observern aus dem Weg.
Denn die Macher von Fringe haben im Moment das gleiche Problem wie ihre Kollegen von Star Trek: The Next Generation damals mit den Borg: Der Feind ist so übermächtig, dass man ihn nicht in die Nähe seiner Figuren lassen darf. Zwar kann Etta ihre Gedanken abschirmen, wie wir in Letters of Transit gelernt haben, und wir können davon ausgehen, dass Olivia wie üblich in Fringe diverse Superkräfte hat (in dieser Episode ist dann doch wieder das C-Wort gefallen - drei Folgen ohne Cortexiphan, das wäre auch zu viel verlangt). Für die anderen aber wäre eine direkte Konfrontation Selbstmord. Deswegen: ab in die Wälder.
Warten auf den Observer-SPOF
Auf lange Sicht ist das erzählerisch nicht haltbar, denn diese direkte Konfrontation muss kommen. Im Star-Trek-Universum wurden die Borg immer weiter abgeschwächt und in „Star Trek: First Contact“ dann plötzlich mit einer „Königin“ als Schwachstelle bedacht. Dieser single point of failure (SPOF), wie man in der Systemtheorie sagen würde, war dann in Star Trek: Voyager auch der Schlüssel zum Sieg. Bei Fringe könnten wir uns jetzt schon Gedanken machen, was der SPOF der Observer sein wird. Vermutlich ist es aber etwas, das wir noch gar nicht gesehen haben.
(Übrigens findet sich in dieser Folge eine Anspielung auf „Star Trek First Contact“: Walters Spruch Definitely not dwarves ist das Gegenstück zu Definitely not Swedish.)
Der Einbau eines SPOF muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil, es kann enorm zur Spannung beitragen, wenn es dramaturgisch richtig gemacht wird. In „Star Wars: A New Hope“ reichte ein kleiner Lüftungsschacht in einem großen Todesstern. Das Problem bei Star Trek war die Vorstellung der Königin als deus ex machina, die plötzlich und ohne erkennbare Logik eingeführt wurde. Kritisch ist der Punkt, an dem die Chance zum Sieg aufgedeckt wird. Zu früh, und der Spannungsbogen wird überdehnt, zu spät, und wir haben den Gott aus der Maschine. Bei Fringe würde sich die letzte Folge vor den Feiertagen anbieten.
Unter Kim Jong Un wäre das nicht passiert
In The Recordist wird das Problem der übermächtigen Observer erstmal auf eine andere Art gelöst: Sie führen offenbar den unfähigsten Überwachungsstaat der Neuzeit. Warum gibt es keine Kontrollposten an den Ausfahrtsstraßen? Warum fahren die Sicherheitskräfte der Observer mit ein paar Autos in die Wälder, statt sofort eine Staffel Kampfhubschrauber mit Wärmebildkameras loszuschicken? Überhaupt, warum bombardieren sie nicht einfach auf Verdacht den ganzen Wald, am besten mit etwas Brennbarem wie Napalm? So grob wie die Observer mit der Menschheit umgehen, wäre sogar die Lösung aus „Aliens“ glaubwürdig: eine Atombombe zünden. Ende vom Fringe-Team, Aufstand erledigt, Glatzköpfe siegen.
Das Problem für den Zuschauer besteht darin, dass wir keinen Überblick über die verfügbare Technik im Jahr 2036 haben. Bislang pendeln wir zwischen einem postapokalyptischen „Mad Max“-Szenario, in dem alles nur noch aus Resten besteht, und einer „Buck Rogers“-Zukunft mit unfassbar fortgeschrittener Observer-Technologie, in der abgetrennte Köpfe am Leben erhalten werden. Beispiel diesmal: Walter (John Noble) und Astrid (Jasika Nicole) haben mitteln im Wald eine wunderbare Sprech- und Videoverbindung. Gleichzeitig wird nicht erklärt, warum die Observer nicht alle Gespräche abhören.
Die beste Theorie ist wohl, dass „unsere“ Infrastruktur zerstört ist, die Technologie der Observer aber nur an einigen wenigen Stellen im Einsatz und nur sehr begrenzt verfügbar ist. Abgesehen davon muss man sich einfach darüber klar sein, dass die Macher von Fringe in dieser Staffel nicht gerade in Geld schwimmen. Autos sind billiger als Hubschrauber.
Ray Bradbury lässt grüßen
Wenn wir bislang kaum etwas über die Handlung der Folge selbst geschrieben haben, liegt das daran, dass sie nicht begeistern kann. Um das Fazit schon vorwegzunehmen: The Recordist ist mit Abstand die schwächste der bisherigen drei Episoden der fünften Staffel. In einer verlassenen Goldmine gibt es besondere Steine (diesmal kein Amphilicite), aber auch die Quelle einer Seuche, die eine Gruppe von Menschen krankt macht, die Geschichtsschreiber sind - ja, aus der Idee könnte man etwas machen, auch wenn sie irgendwie arg an Fahrenheit 451 erinnert.
Allerdings ist die Umsetzung mies. Die Diskussion über Heldentum und Opferbereitschaft bietet nichts, was nicht schon hunderte Mal über die Mattscheibe geflimmert ist. Die Krankheit verliert sofort ihren Schrecken, als Walter einfach die schwarze Kruste von Olivia abkratzt. Die Heilung hätte man auch als Neben-Plot über mehrere Folgen strecken können. Geradezu erschreckend ist übrigens, dass niemand im Fringe-Team ernsthaft darüber nachdenkt, diesen Menschen zu helfen. Am Ende fahren sie mit einem Lächeln auf dem Lippen nach Hause.
Stay a while and listen
Das größte Problem sind die rückwärts gerichteten Gespräche zwischen Peter (Joshua Jackson) und Olivia (Anna Torv). Wir wollen zwar alle dringend wissen, was in der Zeit direkt nach der Invasion geschehen ist, denn der Zeitsprung nach 2036 ließ den Zuschauer mit vielen Lücken zurück. Aber hier wird die Handlung angehalten und stur heruntererzählt. Nicht umsonst gibt es für Geschichtenerzähler die Regel show, don't tell. Dass dies ausgerechnet in einer Folge passiert, in der ein Archiv vorgestellt wird, wundert besonders. Hier hätten sich ganz andere Möglichkeiten geboten.
Die Schauspieler trifft keine Schuld. Joshua Jackson schafft es sogar, einen Heuler wie „The past is in the past“ zu verkaufen, während Anna Torv und Georgina Haig ihre Figuren wunderbar sich weiter aneinander herantasten lassen. Haig stellt sich immer mehr als eine perfekte Besetzung für Olivias Tochter heraus: Zusammen bringen die Schauspielerinnen glaubwürdig herüber, dass hier zwei Frauen mit emotionalen Defiziten darum kämpfen, zu einer Mutter-Tocher-Beziehung zu finden.
Bring back my Bolivia to me
Entsprechend wäre es faszinierend zu sehen, wie die kühle Etta und die lebenslustige Bolivia sich vertragen würden. Überhaupt bleibt weiter die Frage, was eigentlich im Paralleluniversum los ist. Wenn die Observer da nicht eingefallen sind, könnten die Fringe-Freunde dort schließlich mit ihrer überlegenen Technologie aushelfen. Es wäre schön, wenn das in einer Folge wenigstens angesprochen werden könnte.
Da die wenigen Stärken von The Recordist in den Beziehungen zwischen den Figuren liegen, finden sich die besten Szenen am Anfang. Es sind kleine, aber feine Momentaufnahmen: der Blick, den Astrid (Jasika Nicole) Walter (John Noble) zuwirft, als er behauptet, er sei es, der die Videokassette „befreit“ hat, oder wie Olivia klar wird, dass ihre Tochter nichts von ihrem Supergedächtnis weiß - so wenig kennen sie sich. Fringe ist wieder dann am stärksten, wenn es die Figuren sie selbst sein lässt und den Schauspielern den nötigen Raum gibt, sich zu entfalten.
Fazit
Leider schnürt das Drehbuch sie diesmal zu sehr ein. The Recordist fehlt die Action von Transilience Thought Unifier Model-11 und die Tiefe von 5x02 In Absentia. Der dritte Stern in der Bewertung ist am Ende geschmeichelt und geht darauf zurück, dass wir endlich erfahren haben, was mit der Kuh Gene passiert ist: In einer Einstellung sieht man sie hinter Astrid, gefangen in amber. Durchhalten, Gene! - auch du wirst noch aus dem Bernstein befreit. Ganz bestimmt.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 15. Oktober 2012(Fringe 5x03)
Schauspieler in der Episode Fringe 5x03
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