Fringe 4x09

Oft begegnen wir in Sci-Fi-ErzĂ€hlungen dem Problem, dass man zwar Ereignisse beeinflussen, ihren Ablauf verĂ€ndern kann, obwohl sie schon einmal geschehen sind - sich aber am Ende doch geschlagen geben muss, weil der Ausgang derselbe bleibt. Macht aber das Ergebnis sein Zustandekommen nichtig? Ăndert sich nicht doch etwas - wie zum Beispiel die GefĂŒhle und dadurch die Beziehungen zwischen den Beteiligten?
Das oben genannte Problem hat viel damit zu tun, dass das Ăndern von Ereignissen immer innerhalb einer gewissen Anzahl kalkulierbarer Möglichkeiten geschieht. Warum kalkulierbar? Weil das eigene Tun der RealitĂ€t eingeschrieben ist, ganz egal ob man zurĂŒck in die Zukunft reist oder zwischen Parallelwelten wechselt. Der/diejenige ist der Zeit eingeschrieben. Die eigene Existenz ist einkalkuliert. Wie aber sieht es aus fĂŒr jemanden wie Peter, der nicht existiert und nie existiert hat, der aus der Zeit ausradiert ist - und doch da? Er scheint tatsĂ€chlich die Variable zu sein, die in der Gleichung fĂŒr Probleme sorgt.
Peter ist auch der einzige, der Jones aus dem Gleichgewicht bringen, ihn verunsichern kann, als er im Verhörraum mit ihm spricht und ihm bestĂ€tigt, dass sie schon einmal aufeinander trafen. „Where?“ lautet Jones' Frage. Sollte sie nicht eher lauten: „When?“
Es verhĂ€lt sich mit der un-möglichen Variable so wie in dem Beispiel, das der Sci-Fi-Schriftsteller Stanislaw Lem in seinem Buch Das Katastrophenprinzip gibt. Immer gleich aussehende Flaschen werden zu absolut gleichen Bedingungen aus dem Fenster geworfen. Lem fragt danach, wie oft beim Zerschlagen der Flaschen die gleichen BruchstĂŒcke bzw. die gleiche Anzahl von BruchstĂŒcken entstehen, und weist darauf hin, dass einer statistischen Auswertung das Eintreten auĂergewöhnlicher UmstĂ€nde im Wege stehen könnte, wie zum Beispiel das Ablenken der Flasche von ihrer Flugbahn durch einen FuĂball.
Aber man kann genauso gut die Frage nach dem Werfer selbst stellen: Muss er immer derselbe sein? Und wenn ja: kann er das? Oder wird es, je nach GemĂŒtszustand, Abweichungen bei seiner WurfstĂ€rke geben, was das Experiment beeinflusst? Der Werfer ist nie kontextfrei. Und doch sieht das Ergebnis immer gleich aus: die Flasche zerbricht. Mit dieser vierten Staffel demonstriert Fringe, dass diese Figuren, die wir nicht kennen, die nicht "unsere" zu sein scheinen, es doch sind - nur wir sind ihnen bisher nicht begegnet.
Das macht aber ihre Existenz nicht unmöglich. Fringes ErzĂ€hlung handelt von Möglichkeiten, von Verschiebungen innerhalb des Immergleichen, von Entscheidungen, die irgendwo irgendwer an unserer Stelle traf. Die Verschiebungen, die Differenzen dienen jedoch nicht dazu, eine Kluft zu schaffen, sondern sie ergĂ€nzen das ursprĂŒngliche Bild, machen es facettenreicher. The Enemy Of My Enemy ist der Beweis dafĂŒr.
Fringe muss nun den Zuschauern langsam zeigen, was sie zu erwarten haben: Sollen wir Emotionen und Hoffnung in diese Figuren investieren, mit VerĂ€nderungen und Entwicklungen rechnen - oder sollen wir darauf warten, mit Peter zusammen nach Hause zurĂŒckzukehren? Erfahrung fĂŒhrt zu Erkenntnis. Erlebtes fĂŒhrt zu VerĂ€nderung, durch die man Entscheidungen vielleicht anders trifft, als man sie zuvor getroffen hĂ€tte. Dadurch beeinflusst man automatisch andere, vor allem die Menschen, die man liebt und die einem nahe stehen.
Auch wenn Peter nach Hause kĂ€me, wĂŒrde er die Erfahrungen mit den Menschen aus einer nie gewesenen Zeit mitnehmen. Fringe stellt die Frage danach, ob sich im Universum ĂŒberhaupt etwas spurlos ausradieren lĂ€sst. Es gehört zum Verdienst der Serie, uns Zuschauer solche Fragen stellen zu lassen - wenn auch laienhaft. Im Moment ist Fringe ein Balanceakt, und mir persönlich gefĂ€llt der Seiltanz.
Trotzdem darf die Serie die Entscheidung, in welche Richtung sie sich bewegen will, nicht mehr lange hinauszögern; andernfalls lieĂe sie die Zuschauer in ein emotionales Schwarzes Loch fallen: Je komplizierter die ErzĂ€hlung durch das EinfĂŒhren unterschiedlicher RealitĂ€ten, desto nötiger braucht der Zuschauer einen emotionalen Rettungsring, um sich ĂŒber Wasser zu halten. Den nun bekommen wir in The Enemy Of My Enemy, vor allem dank der Interaktion zwischen Peter, Walternate, Elizabeth und Walter.
Ausgerechnet Elizabeth, die auch in den zwei existierenden Universen nur eine ist, erreicht durch zwei GesprĂ€che (und zwei exzellent gespielte Szenen) mit ihrem Mann und seinem GegenĂŒber Walter (John Noble), dass Walter sich dazu durchringen kann, Peter (Joshua Jackson) zu helfen. Es ist die emotionale Verbindung, die Beziehung untereinander, die in Fringe die physikalischen Gegebenheiten ĂŒberschreibt und die Handlung vorantreibt. Im Grunde sind die Olivia (Anna Torv) und der Walter, die wir hier sehen, denjenigen sehr Ă€hnlich, die wir in der ersten Staffel kenn lernten und die durch Peters Einfluss zu der Olivia und dem Walter wurden, die wir in der dritten Staffel zurĂŒcklieĂen.
The Enemy Of My Enemy ist vielleicht die erste Episode, in der Peters Einfluss auf die "neue" Zeit spĂŒrbar wird und sich in Entscheidungen manifestiert, die sonst wohl nie getroffen worden wĂ€ren. David Robert Jones scheint dem, den wir kennen, sehr Ă€hnlich zu sein - was gut ist, denn Jared Harris bietet als Bösewicht willkommene Abwechslung. Trotz seines Auftritts in der Fringe Division, wohin ihn Lee und Fauxlivia bringen, scheinen sowohl er als auch Broyles nur Handlanger zu sein, die ihre Befehle direkt von Nina Sharp bekommen. Und die zweite Phase ihres Planes betrifft Olivia.
Schon als zweite Episode in Folge endet The Enemy Of My Enemy mit schicksalhaften Andeutungen fĂŒr Olivias Zukunft. Bevor ich euren leidenschaftlichen und interessanten Kommentaren das Feld ĂŒberlasse, stelle ich also die Frage, die ich schon einmal gestellt habe: Wird Peters Rettung Olivias Verderben bedeuten? Kann es Peters und Olivias Beziehung irgendwo geben, ohne dass das jeweilige Universum aus den Fugen gerĂ€t? Oder wird es dank dieser Beziehung immer schon aus den Fugen gewesen sein?
Verfasser: Vladislav Tinchev am Sonntag, 22. Januar 2012(Fringe 4x09)
Schauspieler in der Episode Fringe 4x09
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