Foundation 2x01

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Eine neue Perspektive
Bevor wir mit der Besprechung der Foundation-Folge In Seldon's Shadow aka „In Seldons Schatten“ beginnen, sei darauf hingewiesen, dass der Rezensent der zweiten Staffel in vielerlei Hinsicht einen anderen Blickwinkel auf die Serie als sein Vorgänger hat. Er ist ebenfalls Fan der „Foundation“-Trilogie von Isaac Asimov, ist allerdings auch der Ansicht, dass es bei einer Adaption nicht unbedingt darum geht, dem Original quasi auf Schritt und Tritt nachzueifern.
Das Schreiben von Drehbüchern und Romanen verlangt jeweils unterschiedliche Techniken und andere Herangehensweisen, so dass eine Eins-zu-eins-Umsetzung ohnehin in der Regel unrealistisch ist. Andererseits sollte die serielle Übertragung zwar erkennbar die Essenz des Vorbilds erfassen, aber auch für sich alleine stehen können.
Dieses Kunststück gelingt David S. Goyer und Josh Friedman nach Ansicht des Autors dieses Reviews sehr gut. Der Fokus auf einige Hauptfiguren und die Einführung der Klondynastie bieten einen modernen Zugang zu dem Stoff, der sich bekanntermaßen den Zerfall des Römischen Imperiums zum Vorbild nimmt.
Hinzu kommen fundamentalreligiöse (Luminismus), ethische (Klondynastie) und metaphysische (man denke nur an die „Seelenlosigkeit“ des Imperators in „Mysteries and Martyrs“) Fragestellungen. Ebenso eingeführt wurde ein ökologischer Aspekt (Gaals Heimat).
All dies ist einfühlsam in die Serie eingestreut und sinnvoll in den Kontext der Geschichte integriert. Gewürzt mit einer großen Prise Space Opera und ein wenig Übernatürlichkeit ergibt sich so ein sehenswerter Mix, auch wenn vor allem die Figurenkonstellation Gaal/Salvor berechtigte Fragen aufwirft.
Das passiert
Widmen wir uns nach dieser Einleitung dem Hauptthema: Der Episode „In Seldon's Shadow“. 138 Jahre sind seit den Ereignissen der Debütstaffel von „Foundation“ vergangen. Während Hari Seldons Bewusstsein im Artefakt gefangen dem Wahnsinn zu verfallen droht, kommen sich Salvor und Gaal auf derer inzwischen überfluteten Heimatwelt Synnax näher. Auf Trantor kämpft Cleo XVII. derweil gegen Attentäter um sein Überleben und hat einen Plan ersonnen, um der genetischen Kompromittierung der Klondynastie entgegenzutreten.
Prolog
Die Folge beginnt immens stark mit einem an typische Theatertechniken angelehnten Monolog Seldons, der den Wahnsinn der Einsamkeit widerspiegelt, den seine Seele durchlebt. Eingefasst in ein eindrückliches, an den Sprachrhythmus des Protagonisten angepasstes Licht- und Schattenspiel, legt Jared Harris in den ersten zwei Minuten einen denkwürdigen Auftritt hin.
Im Zwiegespräch mit sich selbst geht er hart mit seinem Ego ins Gericht und schreit emotional entfesselt: „You know nothing. You wanna be in control? You know nothing! You're nothing but a petulant child. If you shared your great plan with people, maybe they could help you.“
Tatsächlich hat die Figur bisher den Eindruck eines überheblichen Mannes hinterlassen, der zwar ein Genie ist, aber in gewisser Weise außerhalb jedweder Normen und Konventionen lebt und arbeitet. Die von ihm propagierte Kontrolle über die Auswirkungen seiner psychohistorischen Forschung stellt sich letztlich als Illusion heraus, die in seinem Tod mündet. Zwar gründen seine Jünger wie vorhergesagt auf Terminus die Foundation und es kommt zu einer Allianz der Randwelten, doch es gab auch unvorhersehbare Ereignisse, die die Zukunft der Menschheit gefährden.
Es ist große Kunst, eine Figur substanziell in so wenigen Minuten so stark zu unterfüttern. Entsprechend endet die Szene mit einer interessanten Erkenntnis. Als Hari den Gipfel des Wahnsinns erreicht zu haben scheint, vernimmt er plötzlich eine ruhige, klare Stimme, die ihm mitteilt, dass jeder Mensch erfolgreich sein könne, es aber manchmal eines verrückten Geistes bedarf, um wirklich groß zu werden. Damit verblassen die Qualen und er wird mit voller Wucht in eine andere Sphäre gezogen. Was für ein grandios vorgetragener, inhaltlich tiefblickender Einstieg in die zweite Staffel.
Von Synnax nach Trantor

Es folgt ein Cut und wir tauchen in die halbdunkle, in warme Farben eingehüllte Heimatwelt von Gaal Dornick ein. 138 Jahre nach den Ereignissen der Debütseason sitzt sie mit Salvor Hardin an einem Feuer und erfährt soeben, dass sie ihre Mutter ist. Wir erinnern uns: In der Finalszene der ersten Staffel rettete Salvor ihr das Leben, nachdem sie ihre Kälteschlafkapsel im Meer des inzwischen vollkommen überschwemmten Planeten entdeckt hatte. Hier spielen die Macher noch einmal in einer emotional ansprechenden und hübsch fotografierten Szene auf die ökologische Krise an, auf die die Erde derzeit ungebremst zurast.
Als Anker zur dritten Erzählebene auf Trantor dient der ruhige, orchestrale Score von „Sparks & Shadows“ (Battlestar Galactica, The Walking Dead) sowie Gaals Stimme aus dem Off, die uns darüber aufklärt, dass das Imperium Stück für Stück in sich zusammenfällt, wie einst das Römische Reich. Nach einem weiteren Schnitt und einer Supertotalen auf den Palast, finden wir uns im Bett von Cleon wieder, der gerade Sex mit Demerzel hat, eine weitere Anspielung auf die Veränderungen innerhalb der Klondynastie.
Dann geschieht etwas Unerwartetes: Der Kaiser wird von drei Assassinen angegriffen und muss sich im einst am besten gesicherten Gebäudekomplex der Galaxis seiner Haut erwehren. Das Autoren-Team von „Foundation“ hat sich für die Actionszene etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Cleon alias Lee Pace tritt seinen Widersachern nackt gegenüber und bietet uns einen fabelhaft choreografierten Kampf, den er fast um ein Haar mit dem Leben bezahlt.
Rhythmik

In der Zwischenzeit befindet sich das Bewusstsein Seldons auf einer neuen Ebene, die ihn schmerzhafte Ereignisse seiner Kindheit neu durchleben lässt. Das Genie Seldon wurde von seiner Mutter geliebt, hatte aber einen kaltherzigen, brutalen Vater, der sein Genie nicht erkannte.
Und doch hilft ihm genau jene Erinnerung, seinen Intellekt zu fokussieren und voranzuschreiten, bis er auf die verstorbene Liebe seines Lebens namens Yanna trifft. Sie entpuppt sich ebenfalls als Geist in der Maschine, der jedoch für den weiteren Weg Haris aus dem Irrsinn der Einsamkeit heraus wichtig ist und dem Publikum offenbart, dass hinter dem Genius mehr als ein arroganter Manipulator steckt.
Entsprechend der Rhythmik der Folge folgen wir nun wieder den Ereignissen auf der Wasserwelt Synnax und erleben mit, wie sich Salvor und Gaal näherkommen. Im folgenden Dialog finden die Frauen heraus, dass Hardin im Schlaf Zukunftsvisionen plagen, während Dornick im Traum in die Vergangenheit ihrer Mutter blicken kann.
Terminus
Die Szene ist recht kurzgehalten und leitet zu einem Zwischenspiel über, das mit Gaals Stimme aus dem Off eingeleitet wird. 173 Jahre sind insgesamt vergangen, seit die Foundation ihren Weg ins Exil nach Terminus antrat, seit 138 Jahren bereiten sich die Randwelten auf den Schlag gegen das Imperium vor. Eines Tages reißt ein Alarm die Menschen aus dem Schlaf, das Artefakt ist erwacht!
Die Bewohner erwarten, dass Seldon zurückkehrt und seine Jünger in den Krieg gegen das Imperium führt. Statt der Wiederkehr beizuwohnen, befinden wir uns aber unversehens in Haris Bewusstsein. Er erkennt schließlich, dass sich sein Verstand nun im würfelförmigen Radianten befindet, den Salvor mit sich führt. So führen die Autoren in der Mitte der Episode die Handlungsstränge um den Psychohistoriker, Terminus sowie Mutter und Tochter mit Hilfe eines einzigen Dialogs zusammen.
Das ist ebenso effizient wie interessant, zumal die Episode endlich wieder auf den Meta-Plot um die Zukunft der Menschheit einschwenkt. Seldons Plan ist nämlich aus dem Ruder gelaufen und wenn die sich anbahnende nächste Krise nicht überwunden wird, folgt ein Zeitalter des Chaos, in dem eine kritische Situation die nächste jagen wird, so dass das von ihm prognostizierte dunkle Zeitalter niemals enden wird.
Warum und weshalb dies so ist, erfahren wir leider nicht, was ein wenig den epischen Ansatz konterkariert und das ungute Gefühl eines plot hole in der Magengrube hinterlässt. Allerdings liegen noch neun Folgen vor uns, so dass sich zeigen wird, ob die Macher noch eine Erklärung dafür liefern, warum die Zukunft der Menschheit den falschen Weg eingeschlagen hat.
Frage nach dem Warum
Der Imperator hat inzwischen ganz andere Probleme. Wie wir aus der ersten Staffel wissen, ist die Genetik der Klone korrumpiert, so dass sich Bruder Tag gegen den Willen von Bruder Morgen und Bruder Dämmerung zu einer Heirat entschließt. Sein Wunsch, seine Nachkommenschaft nun auf natürlichem Weg zu sichern, würde das Ende der Cleon-Linie markieren, was ein starkes Konfliktpotential in sich birgt, eine dramaturgisch starke Idee.
Auf Synnax schiebt das Autorenteam indes eine Unterwasser-Actionszene ein, die dazu dient, das unter dem Meeresspiegel liegende Raumschiff zu reaktivieren und die beiden Hauptfiguren wieder ins galaktische Spiel zu bringen. Das deutet zunächst einmal darauf hin, dass der vorherige Krisendialog um die sich verändernde Zukunft lediglich die Funktion hatte, Gaal und Salvor erneut in den Fokus des Narrativs zu rücken.
Nach wie vor wird aber nicht klar, weshalb und warum die beiden Charaktere für die Zukunft der Spezies Mensch in „Foundation“ so wichtig sind, zumal Einzelpersonen in Seldons auf Jahrhunderte ausgelegten Plan eigentlich keine übergeordnete Rolle spielen dürften.
Wie oben bereits angedeutet, schwächelt der Plot an dieser Stelle. Sicherlich sind starke Figuren zur emotionalen Bindung und als Bindeglied vor allem in einer seriellen Erzählung wichtig. Auch ist klar, dass es keinen Sinn ergibt, immer wieder neue Protagonisten in den Ring zu werfen.
Dennoch erschließt sich einfach nicht, warum ausgerechnet Gaal und Salvor entscheidend für den Fall und erneuten Aufstieg der Menschheit sein sollen. Hier wäre vielleicht ein wenig Vertrauen in die starke Vorlage besser gewesen, obwohl sich andererseits viele der Änderungen bisher als durchaus sinnvoll und interessant erwiesen haben.
Zwischen Spannung und Symbolik
Im letzten Viertel nehmen die Dramatik und Spannung mächtig zu. Dermerzel unterbricht Cleos erstes offizielles Treffen mit seiner künftigen Gattin und überbringt eine Hiobsbotschaft. Langstreckensensoren haben die sterblichen Überreste von Commander Dorwin (Christian Contreras) entdeckt, der in der ersten Staffel von „Foundation“ von der Großjägerin von Anacreon (Kubbra Sait) ermordet worden war. In seiner letzten Nachricht teilt er seinem Kaiser mit, dass sein Schiff von Rebellen zerstört wurde und er in Gefangenschaft geraten sei. Eto Demerzel bringt es auf den Punkt, als sie darauf hinweist, dass das Abreißen des Kontaktes zu den Randwelten kein Zufall war, zumal die Aufständischen über das mächtige Kampfschiff Invictus verfügen.
In den letzten Minuten treffen wir noch einmal auf Hari Seldon, der sich immer mehr seines früheren Ichs bewusst wird. Er führt eine weitere Konversation mit Yanna, die inzwischen zu einer anderen Frau namens Keela geworden ist. Sie repräsentiert den Radianten, der über eine Art Selbstbewusstsein zu verfügen scheint und ihre eigenen Pläne verfolgt.
Ob Keela als Metapher für Haris offenbar nicht vollendete und daher fehlerhafte Berechnungen fungiert und damit ein Teil seines Geistes ist oder ein Deus ex Machina in Form einer künstlichen Intelligenz, wird sich bald herausstellen. In der letzten Szene hilft sie ihm, dem Radianten zu entkommen, indem sie ihn an den eingangs erwähnten Kindheitstraum erinnert, eine Erfahrung, die tief in Haris Seele verankert ist.
Andererseits verweist sie auf weitere Gespräche, sobald er es aus seinem selbst erschaffenen Gefängnis geschafft hat. „I explain more, if you can meet me in Oona's world“, gibt sie ihm abschließend mit auf den Weg.
Die Folge endet mit einem mysteriösen Cliffhanger. Hari materialisiert sich im Raumschiff von Gaal und Salvo und verkündet, dass er mit Gaal noch eine Rechnung offen habe, womit der Kreis zur ersten Staffel (in der sie ihn im Stich ließ) geschlossen ist.
Fazit
In Seldon's Shadow ist ein guter Einstieg in die zweite Staffel von „Foundation“. Auf technischer Ebene rangiert die Serie nach wie vor auf Kinoniveau, die schauspielerischen Leistungen - vor allem von Jared Harris, Lee Pace und Laura Birn sind grandios und die Soundkulisse ist geradezu episch.
Erzählerisch wirkt die Episode bisweilen ein wenig sprunghaft, was allerdings durchaus nachvollziehbar ist. Die Geschichte setzt immerhin 138 Jahre nach den Ereignissen aus Staffel eins an. Weiterhin ist die Figurenkonstellation an sich zwar klar umrissen, doch diese bewegen sich auf drei - wenn man Terminus mitzählt, sogar vier - Ebenen, die abgedeckt werden wollen. Dennoch schafft es das Produktions-Team, nicht ins sprichwörtliche Schwimmen zu geraten, was einerseits den Einschüben aus dem Off, andererseits aber auch den fotografisch schönen Übergängen geschuldet ist.
Lediglich der Grund für Gaals und Salvors herausragende Bedeutung in der Geschichte bleibt nach wie vor unbeleuchtet. Es ist zu hoffen, dass uns der Writers' Room bis zum Ende der Serie eine gute und nachvollziehbare Erklärung für die exponierte Stellung der Figuren offerieren wird, zumal ihre Fähigkeiten arg aus der Luft gegriffen erscheinen.
Das tut dem insgesamt guten Gesamteindruck aber keinen Abbruch. „Foundation“ weiß nach wie vor durch tolle Bilder, starke Motive und einen eigenen, mutigen Interpretationsansatz zu überzeugen. Dem wankenden imperialen Giganten eine Klondynastie voranzustellen, die ebenso brüchig ist, wie das riesige galaktische Reich selbst, ist eine fantastische Idee. Aufstieg und Fall werden ebenso auf der Meta- wie der figürlichen Ebene beleuchtet, was dem Publikum verschiedene Sichtweisen eröffnet.
Hinzu kommt die brandaktuelle Fragestellung, ob ein Klon noch ein Mensch im klassisch metaphysischen Sinne ist. Anders ausgedrückt: Verfügen die jeweiligen Cleon-Inkarnationen über eine Seele oder sind sie lediglich eine Kopie einer Kopie? Dazu verdammt, das zu tun, was genetisch vorgegeben ist? Eingezwängt in ein starres Regelkorsett scheint es kein Entkommen zu geben, bis sich herausstellt, dass die Linie von innen heraus zersetzt - oder neu geschaffen? - wird. Allein für diesen Erzählteil lohnt sich sowohl der Einstieg in die zweite Staffel, als auch die ganze Serie, schon.
Von uns gibt es für „In Seldon's Shadow“ daher vier von fünf Klonen.
Hier abschließend noch ein Trailer zur zweiten Staffel der Serie „Foundation“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 14. Juli 2023Foundation 2x01 Trailer
(Foundation 2x01)
Schauspieler in der Episode Foundation 2x01
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