
Das USA Network hat die Serienwelt letztes Jahr mit seinem ambitionierten Überraschungshit Mr. Robot überrascht und legt nun mit Falling Water von Blake Masters und dem 2013 verstorbenen Henry Bromell eine Serie nach, die auch schon fast in die experimentelle, auf jeden Fall aber in die abgefahrenere Ecke gehört. Zumindest, was US-Serien angeht. Fragt sich nur, ob der stylische mind fuck über geteilte Träume am Ende auch Substanz besitzt oder wie der Film „The Cell“ nur eine schöne Verpackung zu bieten hat.
Drei sich unbekannte Hauptpersonen werden uns in der Pilotfolge Don't Tell Bill vorgestellt: Allen voran die von Lizzie Brochere gespielte Trendspotterin Tess, die wiederholt von einem kleinen (und nebenbei verdammt unheimlichen) Jungen träumt und trotz allem, was dagegen spricht, davon überzeugt ist, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hat. Ihre gut bezahlte Arbeit wird ihr von einer Agentin verschafft, denn an persönlichen Treffen mit ihren Auftraggebern ist sie nicht interessiert.
Deshalb blockt sie auch ab, als plötzlich der prätentiöse, isländische Geschäftsführer Bill Boerg (Zak Orth) vor ihr steht und sie um ein Meeting bittet. Und man kann es ihr kaum verübeln. Seit Oscar Isaac im Film „Ex Machina“ ist mir kein so ekelhaft selbstzufriedener Multimillionär untergekommen. Mit dem Versprechen, ihr bei der Suche nach ihrem Sohn zu helfen, lässt Tess sich schließlich auf ein Traumexperiment ein. Boerg will testen, ob kabellose Kommunikation über eine Traumconnection möglich ist. Seltsamerweise bittet der Traumexperimentpartner von Liz, ein Bekannter des Chefs, über die gemeinsame Erfahrung im Traum zu lügen, wodurch der Episodentitel ins Spiel kommt.

Boergs Experimente sind allerdings nicht Absprungspunkt, an welchem die Serie mit Traumszenen oder dem Andeuten gemeinsamer Traumelemente beginnt. All das geschieht viel früher in der Episode und scheint erst einmal nichts mit dem Versuch zu tun zu haben. Der zweite im Bunde ist Burton (enorm charmant gespielt von David Ajala), der für die interne Sicherheit eines Unternehmens zuständig ist. Er träumt von einer Frau, wobei unklar gelassen wird, ob sämtliche Treffen mit ihr geträumt waren oder ob sie überhaupt einmal existiert hat.
Als er ein hohes Tier der Firma wegen Auffälligkeiten im System untersucht, stößt er auf den Begriff „Topeka“, der sich durch die gesamte Episode zieht und mehr als nur auf die Hauptstadt von Kansas verweist - obwohl die Anspielung auf die Traumwelt in „The Wizard of Oz“ sicherlich kein Zufall ist. Ihr wisst schon: „Toto, I've a feeling we're not in Kansas anymore“. Der zwielichtige Mitarbeiter beteuert am Ende, es sei nie ums Geld gegangen und erklärt: „It's Topeka. It's always Topeka. So much bigger than we should ever know“, ehe er sich nonchalant eine Kugel in den Kopf jagt.
Auch NYPD-Polizist Taka (Will Yun Lee) kommt der Begriff unter, als ihn eine Morduntersuchung zu einem Haus führt, in welchem ein ritueller Gruppenselbstmord stattgefunden hat, wo Topeka an der Wand geschrieben steht. Eine Frau, die den 911-Anruf getätigt haben soll, ist daraufhin unauffindbar und die alte Dame, die in ihrer vermeintlichen Adresse lebt, wird kurz darauf mit einem Sprengsatz in die Luft gejagt.
In der Nachbarschaft macht Taka einen Brunnen aus, den er aus seinen Träumen kennt. Diese haben mit seiner kranken Mutter zu tun, die paralysiert in ihrem Rollstuhl vor sich hinvegetiert. Wenn er nicht von Kindheitserinnerungen mit seiner lebensfrohen Mutter träumt, sieht er sie in einem der unheimlichsten Bildern der Folge, mit Panzerklebeband über dem Kopf in unnatürlichen Zuckungen.

Bis auf eine flüchtige Begegnung zwischen Tess und Burton bleiben die drei Protagonisten in der ersten Stunde der Serie für sich. Allerdings bluten ihre Träume ineinander über, auch wenn es manchmal nur Tagtraumfetzen sind. Der Junge aus dem Traum von Tess ersetzt den jungen Taka aus dessen Kindheitstraum und der Detective findet Zeichnungen des vermeintlichen Sohnes von Tess in seinem real (?) vor ihm stehenden Traumbrunnen. Das fließende Wasser aus Burtons Visionen führt im Abschluss der Episode noch einen Kanalisationsabfluss hinunter, wo irgendjemand oder irgendetwas in der Traumwelt angekettet ist...
Fazit
Falling Water ist nichts, wenn nicht ambitioniert und geradezu mutig durch seine bedachte Geschwindigkeit und darin, wie sehr die unaufgeregt in Szene gesetzten Phänomene heruntergespielt werden. Andere Genreproduktionen lassen sich kaum noch Zeit bis auf die übernatürlichen Elemente draufgehalten und proklamiert wird, wie abgefahren das alles doch ist. Auch die Geduld, die quälende Ambivalenz bezüglich der Realität und der Traumwelt nicht gleich mit einer So-funktioniert-das-Mechanik wegzuerklären, kann durchaus applaudiert werden - auch wenn es einige Zuschauer sicherlich in den Wahnsinn treiben wird.
Mr. Robot scheint eine Tür für experimentellere Projekte geöffnet zu haben und „Falling Water“ ist offensichtlich eine Serie, die im Windschatten seines Vorgängers fährt. Gemeinsamkeiten können auch zu kurzlebigen High-Concept-Serien wie dem längst vergessenen Sleepwalkers, FlashForward oder (verzeiht die immer obskurer werdenden Referenzen) dem animierten Webcomic „Broken Saints“ gefunden werden. Wenn die Serie ihre Karten richtig spielt und mutig genug den Kurs hält, könnte etwas ganz Besonderes dabei herauskommen. Vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.
Trailer zu Episode 1x02, „Calling the Vasty Deep“, der US-Serie „Falling Water“: