Extant 1x01

Das Science-Fiction-Genre wurde in letzter Zeit im Serienbusiness ziemlich vernachlässigt. Mit Extant präsentiert der US-Sender CBS jedoch einen neuen Versuch, der vor allem alte Themen bedient: Der Kontakt zu einem extraterristischen Wesen und die Entwicklung des künstlichen Menschen. Beide Themen werden beispielhaft anhand der Astronautin Molly Woods (Oscar-Preisträgerin Halle Berry) behandelt, die zwar keine Kinder auf natürlichem Weg bekommen kann, jedoch gleich zwei davon auf anderem Wege erhält. Auf Youtube habe ich darüber hinaus auch per Video Bezug zu dem Serienpiloten genommen „61046“.
The Human Experience
Diese beiden Themen werden bereits direkt am Anfang der Episode eingeführt. Wir sehen den „Humanich“-Sohn Ethan (Pierce Gagnon) zu Beginn mit einem Miniaturraumschiff spielen und erfahren im Verlauf der Pilotepisode Reentry von dessen Emphatieproblemen in Konfliktsituationen. Es scheint, als hätte Mollys Ehemann und Ethans Schöpfer John (Goran Visnjic) als einziger neben seiner Geschäftspartnerin Grace (Julie Gelineau) einen wirklichen Bezug zu dem Jungen, da er diesen als vollwertigen Menschen ansieht.
Derweil muss sich Molly mit der titelgebenden Wiederaufnahme in dem Leben auf der Erde auseinandersetzen. Nach einer 13-monatigen Solomission für die fiktive ISEA - deren genaue Bedeutung im Pilot nicht aufgegriffen wird - kehrt Molly mit physischen und psychischen Reintegrationsproblemen auf die Erde zurück. So sehen wir sie in ihrer ersten Szene sich übergebend über der Toilette gebeugt. Wie sich im Gespräch mit ihrer befreundeten Ärztin Dr. Sam Barton (Camryn Manheim) rausstellt, ist Molly tatsächlich schwanger.
In mehreren Rückblenden erfahren wir derweil, wie es anscheinend dazu kam. Nach einem technischen Ausfall auf der Raumstation erscheint ihr ehemaliger und mitlerweile verstorbener Partner Marcus (Sergio Harford) an einer Kabinentür und nimmt Kontakt zu Molly mit den Worten „HELP ME“ auf. Molly öffnet die Tür, das Wesen mit dem Aussehen ihres ehemaligen Geliebten greift rudimentär die letzten Worte von ihr auf und legt ihr bedeutungsschwer den Zeigefinger auf den Bauch, was sofort an die unbefleckte Empfängnis der heiligen Maria oder Michelangelos Sixtinische Kapelle erinnert.
Im Gespräch mit ihrem Ehemann erfahren wir, dass Molly immer noch sehr an ihrem ehemaligen ISEA-Kollegen hängt und sich John und sie erst danach kennen lernten und zusammen kamen. Als weiterer Konflikt kommt somit die Verarbeitung des Verlustes ihres ehemaligen Geliebten hinzu. Dieser scheint schließlich zu dem Kontakt mit dem Wesen auf der Raumstation geführt zu haben, da Molly somit sämtliche Distanz zu diesem verlor.
There is no such thing as a soul.
John stellt in Extant den technokratischen Menschen dar. In seiner Präsentation bei der „Yasumoto Corporation“ stellt er sein „Humanichs“-Projekt vor, welches Roboter menschlicher machen soll, damit diese zum Beispiel Empathie empfinden und sozial interagieren können. Als die Frage, ob er einen Notfallplan für den Fall des Missverhaltens oder sogar der Revolution der „Humanichs“ habe, aufkommt, beantwortet er diese Frage mit nein. Für John ist es die menschliche Erfahrung, die den Menschen schafft, er verwirft den Glauben an eine Seele und stößt dabei eher auf taube Ohren bei seinen potentiellen Sponsoren.
Somit wird mit dem „Humanichs“-Projekt eine philosophische Grundthematik des Science-Fiction-Genres aufgegriffen: Wie definieren wie leben? Sind wir bereit eine andere intelligente Lebensform neben uns zu akzeptieren? Extant schafft es somit, Verweise auf Sci-Fi-Klassiker wie Isaac Asimovs Ich, der Robot von 1950 aufzuzeigen. Ähnlich wie Assimov die drei Grundgesetze der Roboter mit den der Menschen spiegelt, um somit eine klare Hierarchie der beiden Parteien abzubauen, antwortet auch John: „It's not a master-slave-relationship.“
Auf die Frage, ob er die „Humanichs“ denn ausschalten könne, sollten diese nicht sich nicht adäquat verhalten können, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Do you have a child? Do you have a plan to kill her?“ Die Thematisierung dieses existentialistischen Grundgedankens zeigt die Stärken von Reentry auf. Die Gesellschaft beruft sich bereits auf die Dienste von Robotern, traut ihnen anscheinend noch keine eigene Entscheidungskraft zu. John will dieses Misstrauen überwinden.
I take complete responsibility for that error, Sir.
Molly muss derweil vor ihren Vorgesetzten Alan Sparks (Michael O'Neill) und Gordon Kern (Maury Sterling) Rede und Antwort stehen. Dabei stellt sich vor allem die Frage, warum ein gewisser Teil des Protokolls einfach verschwunden ist, natürlich der Teil mit Mollys Begegnung der dritten Art. Diese war allerdings auch nicht auf dem Video zu sehen, was die letzten Zweifel vernichten sollte, dass es sich bei dem Besucher doch um Marcus handeln könnte. Dass Molly diesen Teil bewusst löschte, verschweigt sie Sparks und Kern und gibt vor, einen technischen Fehler begangen zu haben.
Sparks erwähnt dabei eine neue Verordnung, nach der sie ebenfalls psychiatrische Hilfe zur Reintegration aufsuchen muss, nachdem es anscheinend einen gewissen Vorfall mit ihrem verstorbenen Kollegen Harmon Kryger (Brad Beyer) gab, der ebenfalls während einer Solomission einen technischen Ausfall zu verzeichnen hatte. Des Weiteren deutet Sparks an, dass die ISEA anscheinend vom staatlichen zum privaten Unternehmen degradiert wurde.
Neben Sparks und Kern wird noch ein dritter Antagonist in Extant eingeführt und das nicht gerade stillos. Sparks verschwindet in ein geheimes Labor und erweckt den Vorsitzenden der „Yasumoto Corpotation“, Hideki Yasumoto (Hiroyuki Sanada), aus einem mit einer orangenen Flüssigkeit gefüllten Tank. Um was es sich bei dieser mysteriösen Einführungsszene handelt, scheint ein weiteres Geheimnis der Serie zu sein. Es wird gezeigt, wie die Psychotherapie Mollys von Sparks und Yasumoto überwacht wird und letzterer dem Förderungsantrag von John nachkommt, um das Ehepaar im Auge zu behalten.
Zum Schluss des Piloten erfahren wir schließlich noch, wer der ominöse Mann ist, der im Laufe der Episode versucht, Kontakt zu Molly aufzunehmen. Dies ist niemand anderes als der angeblich verstorbene Harmon Kryger. Mit zwei kurzen Sätzen schafft er es dabei, den Cliffhanger der Pilotepisode zu stellen: „I'm real! Don't trust them!“ Extant greift somit neben den Sci-Fi-typischen Themen wie außerirdischen Kontakt und künstliche Intelligenz in die Verschwörungsschublade. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Griff gelingt.
Fazit
Nachdem die Trailer zu Extant eher etwas plump daherkamen, schafft es die Pilotepisode Reentry durchaus aufzutrumpfen, was vor allem an zwei Elementen liegt. Zum einen scheint Regisseur Allen Coulter seine Sci-Fi-Hausaufgaben gemacht zu haben. Der Boardcomputer „BEN“ zeigt einen deutlichen Verweis zu „HAL“ in Stanley Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968 auf, die Empfängnis durch einen extraterristischen Kontakt erinnert an die „Alien“-Spielfilmreihe und der Diskurs um die künstliche Intelligenz scheint stark von Isaac Asimov oder Spielbergs „A.I.“ inspiriert. Kein Wunder, steht die Produktionsfirma von Steven Spielberg, Amblin Television, hinter der Serie.
Als weitere Stärke ist dabei der philosophische Grunddiskurs zu erwähnen, wie der Mensch seine Existenz definiert und sich somit von anderen intelligenten Lebensformen unterscheidet. Dies wird im Piloten vor allem anhand der „Humanichs“ aufgezeigt. Mollys unbefleckte Empfängnis wird dabei zum Gegenbeispiel. Sie stellt die Befruchtung durch einen derzeit nicht zu erklärenden Funken dar. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese beiden Entwürfe einer nicht biologischen Empfängnis im Laufe der ersten Staffel entwickeln.
Als einzig negativen Aspekt scheint mir vor allem der unterschwellige Rassendiskurs aufzufallen. So scheint die afroamerikanische Molly vor allem an ihrem verstorbenen, ebenfalls afroamerikanischen Partner Marcus zu hängen, wohingegen sie mit ihrem weißen Ehemann John lediglich ein künstliches Kind aufziehen kann, welches bei ihr alles andere als Vertrauen erweckt. Hoffentlich schafft es Extant, außerhalb eines simplen Schwarz-Weiß-Schemas mit diesem Thema umzugehen.
Extant Pilot-Review bei YouTube
Verfasser: Henning Harder am Donnerstag, 10. Juli 2014Extant 1x01 Trailer
(Extant 1x01)
Schauspieler in der Episode Extant 1x01
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