Empire 1x12

Der Midseason-Neustart Empire hat in den USA für eine Sensation gesorgt. Bereits der Auftakt ist für den zuletzt in den Einschaltquoten ziemlich gebeutelten Sender FOX ein großer Erfolg gewesen. Die eigentliche Sensation vollzog sich in den Wochen danach: Die Serie gewann von Folge zu Folge Zuschauer hinzu: Empire ist mit knapp 10 Millionen Zuschauern und einem Zielgruppen-Rating von 3.8 an den Start gegangen. Die letzte Folge der ersten Staffel haben 17,6 Milionen Zuschauer gesehen (Z18-49: 6.9!).
Einzig The Walking Dead ist im US-Fernsehen noch erfolgreicher.
Für den Erfolg gibt es viele Gründe. Ich werde versuchen, zumindest einige davon im Folgenden namhaft zu machen. Für alle, die von der Serie bislang noch nicht gehört haben, erst mal ein kurzer Einblick, worum es in Empire überhaupt geht:
Die Serie handelt von Lucious Lyon (Terrence Howard): Als Gangster-Rapper ist der ehemalige Drogendealer bekannt und berühmt geworden und hat mit dem Label Empire sein eigenes Musik-Imperium aufgebaut. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Geschäftsfrau Anika Calhoun (Grace Gealey), verfolgt er den ehrgeizigen Plan, Empire an die Börse zu bringen. In Gefahr gerät dieser Plan durch eine schockierende Diagnose: Die Ärzte sagen, Lucious leide an der unheilbaren und meist tödlich verlaufenden Nervenkrankheit ALS.

Der Musik-Mogul behält die Diagnose zunächst für sich. Seinen drei Söhnen eröffnet er jedoch, dass er einen von ihnen als seinen Nachfolger in Stellung bringen will: Andre (Trai Byers, 90210), sein Ältester, ist bereits Finanzchef von Empire. Daher rechnet er sich gute Chancen aus, eines Tages seinem Vater als Geschäftsführer nachzufolgen. Sein Problem: Im Gegensatz zum Rest der Familie versteht er kaum etwas von Musik. Hakeem (Bryshere Y. Gray), das Nesthäkchen, macht ganz dick einen auf Gangster-Rapper, kommt häufig jedoch mehr wie ein verzogener Teenager daher. Bleibt noch der mittlere Sohn, Jamal (Jussie Smollett). Er besitzt ein sagenhaftes musikalisches Talent, das dem seines Vaters mindestens ebenbürtig ist. Lucious kann es jedoch nicht ertragen, dass Jamal schwul ist.
Richtig in Gang kommt die Geschichte, als Cookie Lyon (Taraji P. Henson, Person of Interest) aus dem Gefängnis entlassen wird. Cookie ist die Ex-Frau von Lucious und die Mutter seiner Söhne. Gemeinsam hatten sie damit begonnen, Empire aufzubauen, bevor sie für 17 Jahre in den Knast gegangen ist - für Verbrechen, die sie und Lucious gemeinsam begangen hatten, für die Cookie jedoch allein die Schuld auf sich genommen hat. Für ihre Familie. Und für Empire. Jetzt ist sie zurück - und verlangt den ihr gebührenden Anteil am Unternehmen...
Soap Opera
Empire wird häufig als Soap Opera bezeichnet. In der US-Presse macht vor allem der Vergleich mit „Dynasty“ / „Der Denver-Clan“ die Runde. Genau so ließe sich allerdings auch Dallas (1978) als Urahn der Serie anführen. Beide Serien gingen auch Lee Daniels und Danny Strong (Buffy the Vampire Slayer) im Kopf herum, als sie Empire schufen. Ein Setting voller Reichtum und Glamour; schillernde Figuren; dazu eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Konflikte um das gemeinsame Familienunternehmen stehen. Natürlich weckt das Assoziationen an die Prime-Time-Soaps der 80er, an die Carringtons und Ewings.
Zum Teil lassen sich auch auf der Ebene der Figuren direkte Parallelen ziehen. So übernimmt Anika ganz klar die Rolle des „Biests“, während Lucious' Widersacher Billy Beretti (Judd Nelson) an Cliff Barnes erinnert.
Vieles an Empire ist melodramatisch und over the top. Soap eben. Trotzdem ist die Serie weit davon entfernt, einfach „nur“ eine Soap zu sein. Empire nimmt das Gerüst einer Soap Opera - und lädt es mit so viel mehr auf.
Schwarze Serie
Das beginnt bereits damit, dass Empire eine schwarze Serie ist. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Cast überwiegend aus afroamerikanischen Schauspielern besteht - das allein ist bereits für eine Primetime-Networkserie sehr ungewöhnlich. Nein, den Geschichten ist eine durch und durch schwarze Perspektive eingeschrieben. Es geht um Macht und Reichtum, aber auf eine ganz eigene Art und Weise.
Lucious ist reich und berühmt. Und er will sicherstellen, dass sein Empire als Vermächtnis an seine Kinder bestehen bleibt. Dabei sind Macht und Reichtum aber mehr als nur ein Selbstzweck; sie sind Schutz in einer als prinzipiell feindlich wahrgenommenen Umwelt. „Sie“ - gemeint sind die Weißen - „werden uns niemals akzeptieren!“ Lucious ist im Ghetto groß geworden. Sein Vater ist von der Nation of Islam getötet worden. Er selbst hat Gewalt erlebt - und verübt. Das ist ein Erfahrungshintergrund, der nicht nur seine Musik, sondern sein ganzes Denken und Handeln prägt. Um das zu erhalten, was er erreicht hat, ist er sogar bereit, zu morden.
Der Antrieb, seine Träume zu verwirklichen und seiner Familie ein großes Erbe zu hinterlassen, ist universell. Die Ausprägung ist jedoch unzweifelhaft einer ganz spezifischen Erfahrung geschuldet.
Ähnlich verhält es sich mit Cookie: Sie kämpft darum, dass ihre Leistung beim Aufbau von Empire und ihr Opfer, das sie für Lucious und die Familie gebracht hat, Anerkennung finden. Sie kämpft um das, was ihr gerechterweise zusteht. Auch das - der Wunsch danach, dass einem Gerechtigkeit widerfährt - ist ein universell verständliches Handlungsmotiv. Zugleich knüpft es jedoch an eine Erfahrung an, die in den USA vor allem dem farbigen Publikum bekannt sein dürfte: dass einem die gerechte Anerkennung versagt bleibt.
Rassismus und Homophobie
Rasse und Rassismus sind Themen, die Empire wie ein roter Faden durchziehen. Sie stehen keineswegs im Zentrum der Serie. Aber sie lauern ständig im Hintergrund - und lugen auf die ein oder andere Weise immer wieder hervor. Etwa wenn der Mord an Trayvon Martin erwähnt wird. Oder wenn Hakeem und seine Kumpel über Obama herziehen, den die Weißen doch nur mitgewählt hätten, um sich nicht wie Rassisten zu fühlen. Gerade das macht Empire so interessant. Es gibt in der ersten Staffel keine einzige Szene mit prügelnden Cops oder anderen offen rassistischen Übergriffen. Und trotzdem ist das Thema ständig präsent. Dabei wird Rassismus keineswegs als Einbahnstraße dargestellt: Lucious hat zum Beispiel große Probleme damit, dass sein Sohn Andre eine Weiße geheiratet hat.
Am meisten Kummer bereitet ihm jedoch die Homosexualität seines zweiten Sohnes Jamal. Sehr offensiv thematisiert die Serie hier die in Teilen der Black Community und vor allem in Rapperkreisen verbreitete Homophobie. Und schreibt dagegen voller Verve an.
Schwarze sind nicht bloß Verbrecher. Aber sie sind auch keine Heilige. Sie sind komplexe Figuren - mit mehr oder weniger Fehlern. Dieser ehrliche Blick, der auch kontroverse Themen in den eigenen Reihen nicht auslässt, ist mit Sicherheit einer der Gründe, warum gerade das afroamerikanische Publikum sich in Scharen der Serie zugewandt hat.

Wann ist ein Mann ein Mann?
Bemerkenswert ist vor allem der Erfolg beim weiblichen afroamerikanischen Publikum: Hier kommt Empire auf Marktanteile von 80 Prozent und mehr (soll heißen: 80 Prozent aller afroamerikanischen Frauen, die mittwochs um 21 Uhr fernsehen, haben Empire eingeschaltet). Das hat wohl - man kann es paradox nennen oder auch nicht - nicht zuletzt damit zu tun, dass Empire eine sehr männliche Serie ist.
Sie dreht sich jedenfalls immer wieder um die Frage, was einen Mann zum Mann macht. Fast alle männlichen Figuren versuchen, ein Bild von sich nach Außen zu projizieren, das einem Männlichkeitsideal der Stärke und Unabhängigkeit entspricht. Interessant wird es immer dann, wenn dieses Selbstverständnis Risse bekommt (bei Lucious etwa dadurch, dass er krank wird und sich der toughe Gangster-Rapper mit zitternden Händen nicht mehr so gut spielen lässt).
Am Ende ist es - und das ist wohl der augenfälligste Beitrag der Serie gegen Homophobie - ausgerechnet der schwule Jamal, der als die (charakterlich) stärkste Männerfigur herüberkommt. Er ist künstlerisch sensibel, ein guter Freund gegenüber seinem jüngeren Bruder; und er steht mutig für seine Musik und seine eigene (sexuelle) Identität ein.
Musik als Schlüssel zur Seele
Apropos Musik und Identität: Was die zahlreichen Musiknummern in Empire so interessant macht (neben ihrem reinen Schau- beziehungsweise Hörwert), ist ihr dramaturgischer Einsatz. Von der ersten Szene in der Pilotfolge an geht es in der Musik ständig darum, die wahre Identität, das wahre Selbst einer Figur zum Vorschein zu bringen. Gute Musik, das ist so etwas wie das Credo der Serie, trägt die Gefühle nach Außen, die einen im Innersten bewegen. Auch und gerade dann, wenn es sich um Schmerz oder Wut handelt.
Die Musik ist in Empire so etwas wie der Selbstfindungsprozess der Figuren. Wir entdecken die Figuren durch ihre Musik; ja, sie selbst entdecken sich durch ihre Musik. In der Musik steckt ihre Seele.
Eine der in dieser Hinsicht vielleicht aufschlussreichsten Szenen findet sich in False Imposition: Um nicht länger von seinem Vater abhängig zu sein, ist Jamal in eine billige Wohnung in einer ziemlich üblen Gegend der Stadt gezogen. Er macht sich das jedoch für seine Musik zu Nutze. Das, was ihm im Kopf herum geht, fließt zusammen mit Gesprächsfetzen, die er auf der Straße aufschnappt, mit Geräusche und Eindrücken aus seiner Umgebung zu einem Song zusammen („I don't want your money“). Wir können ihm buchstäblich beim Komponieren zusehen. Das ist a) interessant, weil wir ihn als Figur dadurch besser kennen lernen. Und es ist b) sogar spannend, weil wir uns zu diesem Zeitpunkt wünschen, dass er einen Hitsong komponiert, um es seinem Vater zu zeigen.

Über die Musik als solche maße ich mir an dieser Stelle kein Urteil an. Rap, R'n'B und was sonst noch in der Serie vorkommt, sind nicht direkt meine bevorzugten Musikrichtungen. Was sich dessen ungeachtet jedoch ganz klar sagen lässt: Die Musiknummern sind alle absolut hochwertig produziert (als Produzent steht Timbaland hinter dem Empire-Soundtrack) „66531“, sowohl vom Sound her als auch von Choreographie und Performance.
Cookie
Bei der Aufzählung der Erfolgsfaktoren darf natürlich eine nicht fehlen: Cookie. Im „Denver-Clan“ ist es das Biest Alexis (Joan Collins), an das man sich mehr als an alles andere erinnert. Bei Empire wird es nicht das Biest (also Anika), sondern Cookie sein.
Ich kannte und mochte Taraji P. Henson bereits in Person of Interest. Es hat keine zehn Minuten gedauert, da hat sie mich mit ihrem Auftritt in Empire Detective Carter (fast) vergessen lassen. Cookie ist schlicht der Wahnsinn!
Sie ist die Power-Mama, die zum Wohl ihrer Familie 17 Jahre in den Bau gegangen ist. Es gibt fast nichts, was sie nicht für ihre Kinder tun würde. Gleichzeitig, und da unterscheidet sie sich von vielen Mütter-Darstellungen in TV-Serien, hat sie sich einen gesunden Sinn für ihre eigenen Interessen bewahrt. Sie lebt ohne Scheu ihre Sexualität aus. Sie will den süßen Sicherheitschef der Firma, sie nimmt sich den süßen Sicherheitschef der Firma. Sie hat auch keine Probleme damit, bei der überraschenden Bekanntgabe von Lucious und Anikas Verlobung vor versammelter Familie ihren Pelzmantel zu lüften - und zu zeigen dass sie darunter nur Dessous und Strapse trägt (weil sie eigentlich mit einem ganz anderen Verlauf des Abends gerechnet hatte...). Eine Szene, die Taraji P. Henson wohl bis ans Ende ihres Lebens begleiten wird!
Als Figur ist sie nicht minder komplex denn Lucious. Sie tritt mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein und Attitude auf. Gleichzeitig hat sie jedoch auch eine verletztliche, ja ängstliche Seite. Und auch sie schreckt, wenn es sein muss, nicht vor (Auftrags-)Mord zurück.
Ohne Cookie würde Empire nur halb so viel Spaß machen! Wenn überhaupt. Mit ihrer Darbietung hat sich Taraji P. Henson definitiv für eine Emmy-Nominierung empfohlen. Und, ohne dass ich etwas von Mode verstehe, wage ich die Behauptung, dass sie auch drauf und dran ist, zur neuen Stilikone des US-Fernsehens aufzusteigen.

Fazit
Es gibt viele Gründe dafür, warum Empire so erfolgreich ist: Die Serie spielt in einem Milieu, in dem Musik und Verbrechen, Showbiz und Mord aufeinanderprallen. Empire ist sexy, Empire ist spannend. Empire hat exzellent ausgearbeitete Figuren, denen man mit großem Spaß Woche für Woche zuschaut. Die Serie ist eine glitzernde Soap mit furiosen Wendungen. Manchmal vielleicht schon ein Stück weit zu überdreht, aber doch noch im Rahmen des Vertretbaren.
Vor allem aber ist es eine Serie im Hier und Jetzt. Es ist die Serie, die Amerika nach Ferguson gebraucht hat. Eine schwarze Serie. Eine Serie, die allein dadurch schon ganz anders ist, weil ihre Figuren nicht im Vorort, sondern im Ghetto aufgewachsen sind. Weil sie Themen wie Rassismus und Homophobie nicht nur anspricht, sondern noch auf einer tieferen Ebene verhandelt, indem sie sich mit etwa mit der Frage nach dem Männlichkeitsideal auseinandersetzt.
Empire ist eine Serie, die sich relevant anfühlt. Es geht darin um Dinge, die für Amerika - und nicht nur den schwarzen Teil davon - wichtig sind.
Zugleich besitzt die Serie eine Star-Power, die sich mit HBO-Serien messen lassen kann. In (zum Teil wiederkehrenden) Gastrollen sind Jennifer Hudson und Cuba Gooding Jr. (beides Oscar-Preisträger), Gabourey Sidibe (The Big C), Super-Model Naomi Campbell und Courtney Love zu sehen. Dazu kommen noch Cameo-Auftritte von Musikgrößen wie Patti LaBelle, Snoop Dog und Gladys Knight.
Für die kommende Staffel haben die Macher bereits Oprah Winfrey angefragt. Außerdem soll Spike Lee Interesse bekundet haben, bei einer Episode die Regie zu übernehmen.
Man darf also in jeder Hinsicht gespannt sein, wie es mit Empire weitergehen wird.
Verfasser: Christian Junklewitz am Freitag, 20. März 2015(Empire 1x12)
Schauspieler in der Episode Empire 1x12
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