Doctor Who 9x12

Das passiert in der Doctor Who-Folge Hell Bent (2):
Angekommen auf Gallifrey sucht der Doctor (Peter Capaldi) als erstes die Scheune aus seiner Kindheit (Listen) auf, in der er später das Moment zünden und Gallifrey zerstören wollte (The Day of the Doctor). Mehrere Versuche der Time Lords, mit ihm zu sprechen, wehrt er ab. Der Lord President (Donald Sumpter, Game of Thrones) muss sich schon persönlich zu ihm herbemühen. Er verlangt, dass der Doctor endlich verrät, was er über den Hybrid weiß. Als der Doctor sich weigert, will Rassilon ihn exekutieren lassen. Doch die Soldaten, einschließlich des Generals (Ken Bones), weigern sich. Nachdem er jede Autorität auf Gallifrey verloren hat, bleibt Rassilon nichts anderes übrig, als dem Befehl des Doctors Folge zu leisten - und den Planeten zu verlassen.
Die Time Lords, die sich mit Gallifrey am Ende des Universums versteckt haben, sind nach wie vor sehr besorgt wegen der Prophezeiung zum Hybriden. Der Doctor will herausfinden, was es damit auf sich hat. Dazu braucht er jedoch Hilfe. Und zwar von einer ganz speziellen Freundin, die er mit Hilfe der Time Lords einen Herzschlag von ihrem Tod entfernt aus dem Zeitstrom herausholt: Clara (Jenna Coleman). Was der General und die anderen Time Lords nicht ahnen: Der Doctor hat überhaupt nicht die Absicht, Clara zum Moment ihres Todes zurückkehren zu lassen...
Inkohärent
Was ist bloß mit Steven Moffat los? Es ist ja nicht so, dass es ihm an Einfällen mangelt. Aber wenn es darum geht, aus diesen Einfällen eine fesselnde Geschichte zu formen, da hapert es schon seit einiger Zeit mitunter ganz gewaltig. Oder bin nur ich es, den diese Art des Geschichtenerzählens nicht (mehr) so recht zu begeistern vermag?
Als Peter Jackson in seinem Video vergangene Woche „72324“ davon sprach, dass die Mails von Moffat genau so inkohärent wie manche seiner Folgen seien, da steckte in dem Scherz mehr als nur ein Funke Wahrheit. Jedenfalls, so weit es die Drehbücher betrifft.
Finger am Abzug
So viele Dinge in Hell Bent (2) ergeben keinen Sinn oder scheinen willkürlich eingestreut: Der Doctor erschießt mal eben den General, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gibt. Die Flucht wäre ihm mit Clara auch so gelungen. Er hätte die Tür blockieren oder irgend etwas anderes tun können. Aber nein, er erschießt ihn - und erklärt dazu nonchalant, dass eine Regeneration auf Gallifrey kaum mehr als ein Schnupfen sei (obwohl seine Frage danach, in der wievielten Regeneration sich der General befindet, anzeigt, dass es sich dabei eben doch um ein sehr wertvolles Gut handelt).
Okay, Moffat will zeigen, dass der Doctor keine Grenzen mehr kennt. Aber dann hätte er vielleicht eine Situation schaffen sollen, in der die Handlungsweise des Doctors mehr Sinn ergibt (zum Beispiel: der General versucht, die beiden aktiv am Verlassen der Kammer zu hindern, es kommt zum Handgemenge. Der Doctor entreißt ihm die Waffe und erschießt ihn - ohne Nachfrage). Oder ging es darum, dass Moffat unbedingt zeigen wollte, dass ein Time Lord sowohl Geschlecht als auch Hautfarbe wechseln kann? Ein Anliegen, dem politisch gesprochen meine größten Sympathien gehören. Es hätte nur völlig anders in die Geschichte eingebunden werden müssen.
Ein sauberer Ausweg
Das größte Problem von Hell Bent (2) ist jedoch die Funktion, welche die Folge offenkundig zu erfüllen hatte: Clara durfte nicht tot bleiben, musste aber gleichzeitig trotzdem irgendwie aus der Serie geschrieben werden. Wäre das Ende von Face the Raven tatsächlich das Ende von Clara Oswald gewesen, hätte das den Doctor schließlich noch über die Staffel hinaus belastet.
Mindestens hätte es einen Schatten auf das anstehende Weihnachtsspecial geworfen. Außerdem scheint Steven Moffat ohnehin kein großer Freund davon zu sein, dem Doctor allzu schweres Gepäck mit auf den Weg zu geben (siehe auch die Umkehr im Time War: der Doctor als Mörder seiner eigenen Spezies? Das durfte nicht sein!). Deshalb musste ein „sauberer“ Weg her, wie man Clara loswerden kann, ohne sie wirklich sterben zu lassen.
Der Hybrid
Also machte Moffat den Doctor einfach mal im Handumdrehen zu einem Maniac, der ähnlich wie zuvor in The Waters of Mars davon überzeugt ist, dass das Universum ihm etwas schuldet - und er alle Regeln brechen darf, wenn es darum geht, Clara zu retten. Und das, obwohl sie ihm eingeschärft hatte, der Doctor zu bleiben.
Anders als manche Leser mochte ich Clara. Ich mochte sie sogar richtig gern. Aber die Überhöhung, die sie in Hell Bent (2) erfährt, ist dann auch für mich ein bisschen viel. Die Frage danach, wer oder was der Hybrid ist, wird zwar nicht wirklich abschließend geklärt. Es werden nur verschiedene Theorien erörtert: Es könnte Ashildr (Maisie Williams) sein. Oder der Doctor, von dem angedeutet wird, dass er zur Hälfte ein Mensch ist (was zuvor bereits im TV-Film von 1996 angesprochen worden ist). Letztlich scheint die Folge jedoch die Theorie nahelegen zu wollen, dass der Doctor und Clara zusammen der Hybrid sind. Und dass es ihre Ähnlichkeit zueinander ist, die sie so gefährlich macht.
Das wirkt alles ein bisschen sehr weit hergeholt. Ja, Clara ist in letzter Zeit ziemlich hohe Risiken eingegangen. Aber alles in allem kann man kaum behaupten, dass sie und der Doctor - jedenfalls vor den Ereignissen von Heaven Sent (1) und Hell Bent (2) - eine Gefahr für andere dargestellt hätten. Jedenfalls nicht mehr als der Doctor in Kombination mit irgendeinem anderen Companion. Warum ausgerechnet Clara und der Doctor als Duo dieser furchtbar gefährliche Hybrid sein sollen, erschließt sich einem nicht wirklich.
Gedächtnisverlust
Was die Nummer mit dem Neuro... soll, versteht kein Mensch. An der Problematik, dass die Änderung des Zeitablaufs einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum verursachen könnte, ändert das Erinnern oder Vergessen des Doctors keinen Deut. Angeblich will der Doctor verhindern, dass Clara über die Erinnerung an ihn aufgespürt werden kann, was nur begrenzt Sinn ergibt. Hauptsächlich dient das Vergessen dem Zweck, den Doctor emotional möglichst unbelastet aus der Clara-Geschichte zu entlassen. Deshalb funktioniert das Vergessen bei ihm auch so hoch selektiv: Er kann sich zwar grundsätzlich an ihre gemeinsamen Abenteuer erinnern, nicht aber an ihre Person.
Sorry, aber das hat Russell T Davies am Ende von Journey's End (2) einfach deutlich besser und auch emotional ergreifender gelöst: Es war stringent aus der Geschichte heraus hergeleitet, warum der Doctor Donnas Erinnerungen löschen muss. Und es war ein völliges Vergessen (samt aller positiven Auswirkungen, welche die Reisen mit dem Doctor auf die Persönlichkeit Donnas gehabt hatten), wodurch die Tragik des Auseinanderbrechens dieses „Hybriden“ (DoctorDonna) erst voll zum Tragen gekommen ist.
Eins und Eins
Dass es hier der Doctor ist, der seine Companion (zum Teil) vergisst, gibt dem Ganzen zwar tatsächlich noch mal einen etwas anderen Spin. Trotzdem kommt man kaum um den Eindruck, dass die Auflösung in Hell Bent (2) nur ein schlechtes Cover von Journey's End (2) ist. Zumal der Erinnerungsverlust am Schluss hinfällig ist: Spätestens, als er Claras Porträt auf seiner TARDIS sieht, nachdem sich der Diner gerade um ihn herum aufgelöst hat (begleitet von einem sehr charakteristischen Geräusch), hätte dem Doctor schließlich klar sein müssen, dass er eben mit Clara gesprochen hat.
Er selbst scheint diese Verbindung aber nicht herzustellen. Jedenfalls sieht man ihm beim Anblick des Porträts nicht die geringste Reaktion des Erkennens oder der Überraschung an - „Ah, das ist doch die Frau, mit der ich gerade gesprochen habe“. Dabei müsste er jetzt eigentlich wissen, wie Clara aussieht. Womit sich der gesamte Plot um das Löschen der Erinnerung als Unfug entpuppt.
Face the Raven
Claras eigenes Verhalten macht ebenfalls wenig Sinn, besonders wenn man im Hinterkopf behält, dass wir es hier doch eigentlich mit der Clara zu tun haben müssten, die in Face the Raven dem Doctor vor wenigen Augenblicken ihre Meinung gegeigt und ganz bewusst dem Tod entgegen gegangen ist. In Hell Bent (2) sagt Clara zwar da und dort, dass ihre Zeit gekommen sei und dass der Doctor zu weit gehe. Sie unternimmt aber nichts wirklich. Sie geht nicht zurück in die Extraktionskammer. Sie läuft einfach nur mit ihm mit.
Was vielleicht nicht vollkommen unverständlich ist: Wer hängt schließlich nicht an seinem Leben und würde die Chance wahrnehmen wollen, dem Tod zu entgehen? Trotzdem ist es für die Figur Claras der im Vergleich zu Face the Raven deutlich schwächere Abgang.
Gallifrey
Im Review zu Heaven Sent (1) hatte ich mich darüber aufgeregt, dass die Suche nach den Time Lords nicht dramaturgisch effektiver gestaltet worden ist, sondern sie mehr oder minder aus dem Hut gezaubert wurden. In Hell Bent (2) kann ich diese Kritik nun um einen weiteren Punkt ergänzen: Gallifrey und die Time Lords sind für die Geschichte, die hier erzählt wird, nahezu überflüssig. Oder zumindest austauschbar.
Clara im richtigen Moment aus ihrem Zeitstrom zu holen, das hätte der Doctor gegebenfalls auch mit seiner eigenen TARDIS geschafft. Im Grunde ist Gallifrey nur dazu da, die zweite TARDIS bereitzustellen, da Clara und Ashildr jetzt schließlich einen eigenen fahrbaren Untersatz brauchen.
Wie der Doctor angeblich bereits in Face the Raven darauf gekommen sein will, dass die Time Lords hinter allem stecken, bleibt sein Geheimnis. Und auf die Frage, wie Gallifrey jetzt plötzlich wieder in unser Universum zurückgekehrt ist, erwartet der Zuschauer des Moffat'schen Doctor Who ja schon gar keine Antwort mehr. Das muss man einfach hinnehmen - oder abschalten.
Musik
Das Traurige daran ist, dass die Folge ja gerade in der ersten Viertelstunde auf Gallifrey ein paar richtig gute Momente hat: Etwa als sich der Doctor dem Raumschiff entgegenstellt und die Linie in den Sand zeichnet. Oder auch die Konfrontation mit Rassilon („Get Off My Planet!“), welche damit endet, dass das Erschießungskommando die Waffen niederlegt und buchstäblich die Seiten wechselt. Das ist toll geschrieben, toll gefilmt - und von Murray Gold großartig musikalisch unterlegt. Gleich zweimal zitiert er sein ursprüngliches Doctor-Thema aus den RTD-Staffeln, welches der Rückkehr auf Gallifrey gleich noch mal zusätzliches emotionales Gewicht verleiht.
Auch sonst ist der Einsatz der Musik in der Folge superb: Capaldi selbst lässt mehrfach auf der E-Gitarre das Clara-Thema anklingen. Als er den Diner zum ersten Mal betritt, läuft außerdem im Radio „Don't Stop Me Now“ - ein Stück, das wir in Doctor Who zuletzt in Mummy on the Orient Express gehört haben. Auch damals hat es für den Doctor so ausgesehen, als wäre er zum letzten Mal mit Clara unterwegs gewesen.
Verkehrung der Verhältnisse
So fragwürdig die ganze Sache mit dem Vergessen auch ist: sehr schön gelöst sind die Szenen im Diner, wo wir zunächst einnehmen müssen, dass Clara diejenige ist, welche das Gedächtnis verloren hat. Bis sich herausstellt, dass es sich genau umgekehrt verhält.
Am Ende treibt Moffat die Parallelführung zwischen dem Doctor und Clara so weit, dass sie nicht nur ihre eigene TARDIS, sondern in Gestalt von Ashildr sogar ihre eigene Companion bekommt. Das ist per se ein großartiger Weg, eine Companion zu verabschieden. Wenn nur die Hinleitung auf diesen Moment als Geschichte stimmiger und idealerweise auch etwas spannender gewesen wäre.
Berührend
Schauspielerisch gibt es an der Folge rein gar nichts auszusetzen. Capaldi und Coleman machen ihre Sache sowieso ganz wunderbar. Moffat hat den beiden allerdings auch tatsächlich ein paar sehr schöne, berührende Momente ins Skript geschrieben: Etwa der Moment, als Clara erkennt, wie lange der Doctor um sie gekämpft hat. Oder auch ihr Blick, als der Doctor im Diner meint, dass er Clara auf jeden Fall erkennen würde, falls er ihr jemals wieder begegnen sollte.
Maisie Williams, so konnte man den Eindruck haben, hat von Folge zu Folge mehr in ihre Rolle hineingefunden. Vielleicht hat es auch nur auf Seiten des Rezensenten ein wenig gedauert, bis er Arya Stark im Kopf beiseite legen und sich auf Williams in ihrer Doctor Who-Rolle als Ashildr/Ich einlassen konnte.
In Gestalt von Donald Sumpter gab es in Hell Bent (2) einen weiteren Besucher aus Game of Thrones. Wobei man allerdings hinzusagen muss, dass Sumpter schon in den 60er und 70er Jahren in Doctor Who (in jeweils anderen Rollen) mitgespielt hat. Außerdem ist er zuvor bereits in einer Folge von The Sarah Jane Adventures zu sehen gewesen. Offenbar hat Rassilon sich in der Zeit seit The End of Time (2) regeneriert. Damals ist er jedenfalls noch von Timothy Dalton gespielt worden.
Fazit
Das Weihnachtsspecial von Doctor Who sollte besser richtig, richtig gut werden, damit das Jahr einen besseren Ausklang findet, als er der neunten Staffel mit Hell Bent (2) gelungen ist.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 7. Dezember 2015(Doctor Who 9x12)
Schauspieler in der Episode Doctor Who 9x12
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